KOLLOQUIUM
Nr. 11/93— Seite 9
Fortsetzung von Seite 8
of Rome, Aurelio Peccei. Er kam zu mir und sagte, daß sich der Club bisher nur mit den äußeren Grenzen des Wachstums beschäftigt habe, man aber auch die gesellschaftlichen, die soziokulturellen Grenzen in die Betrachtungen einbeziehen müßte. Es geht um die Frage, die verschiedenen Zielsetzungen der Menschheit besser zu koordinieren, daß nicht gegeneinander, sondern auf einer gemeinsamen Ebene zusammengearbeitet wird. Wenn ein Unternehmen oder eine Gesellschaft so arbeitet, daß andere weniger Chancen haben, entstehen nur Konflikte. Dies war der Grundgedanke meines Reports an den Club of
Rome Mitte der 70er Jahre. Wir.
haben mit 130 Mitarbeitern große sozio-kulturelle Regionen der Welt pragmatisch-empirisch untersucht, um herauszufinden, welche Ziele einzelne Leute, Wirtschaftskreise, politische Führungskräfte und andere haben. Neben der Zusammenstellung dieser Daten haben wir auch über notwendige Änderungen geschrieben, wie diese Ziele optimal zu verwirklichen sind. Natürlich kann man nicht alles umsetzen auf unserem immer kleiner werdenden Planeten. Der Gedanke einer systemischen Einheit auf einer höheren, sogenannten evolutionären Ebene war unser Leitgedanke Mitte der siebziger Jahre.
abakus..
% *
1.790 DM
Studentenpreis netto)
Auf alle Produkte Studentenrabatte Charlottenstraße 97 Potsdam Tel. 0331/21156
$ AppleCenter
Forschung& Lehre Partner
Damit war ein Paradigmenwechsel klar geworden. Wie haben Sie dann den Gedanken der Evolution stärker verfolgt?
Laszlo: Die allgemeine Systemlehre, wie sie von Russel formuliert und von anderen weiterentwickelt wurde, beruht auf dem Gedanken, daß Systeme auf verschiedenen Gebieten, z. B. physiko-chemische, biologische oder sozio-kulturelle Systeme starke strukturelle Analogien aufweisen, isomorph sind. Aber in dieser Theorie war das Problem der Transformation eines Systems auf ein anderes wenig untersucht. Es herrschte der negative, mehr statische Gedanke vor, wie sich ein System
erhalten kann. Die Frage, wie| sich ein System so verändern|
kann, daß ein anderes entsteht, fehlte. Den theoretischen Ansatz hierzu hat Ilja Prigogine von der Thermodynamik eingebracht. Wenn man die beiden Richtungen zusammenbringt, erhält man eine evolutionäre System
theorie. Dies hat mich zuneh-|
mend stärker beschäftigt. Als ich in den 70er Jahren als
Forschungsdirektor der„Denk- L
fabrik‘“ der UNO arbeitete, versuchte ich, diese evolutionären Gedanken anzuwenden, indem ich die internationale Gemeinschaft darauf aufmerksam machte, daß die Bildung einer globalen Ordnung nicht allein aus nationalen Ordnungen möglich ist, sondern eine regionale Zwischenstufe erfordert. Praktische Anwendungen erfuhr der Gedanke in dem Programm für
regionale und internationale Zusammenarbeit. Neuartige Ansätze oder
Sprünge in der Evolution verlangen neuartige Organisationsformen. Wir haben hier während des Pfingskolloquiums das erstmalige Zusammentreffen von drei internationalen mit Evolutionsfragen befaßten Wissenschaftlergruppen erlebt und von einer anderen neuen Form, der sich gerade gründenden Europäischen Akademie für weiterführende Studien, gehört, wo Wissenschaft mit Politik und Management zusammenkom
men will. Viele Menschen sehen solche Ansätze als Utopie. Welche Chancen räumen Sie derartigen Vorhaben ein?
Laszlo: Lebten wir in stabilen Zeiten, dann würde ich dem nur wenig Chancen geben. In Zeiten der Stabilität sucht man nicht nach neuen Denkansätzen und
Handlungswegen. Aber die Wandlung ist uns von außen aufgezwungen.
Sie ist erforderlich, um zu überleben. Wir brauchen eine nichtlineare Weiterentwicklung. Ich denke, wir haben eine Chance, dies durchzusetzen. Ein Instrument zur Durchsetzung kann die EVO sein.
Prof. Dr. Ervin Laszlo Foto: Rüffert
Es gibt heute eine große Skala an Möglichkeiten der Entwicklung. Eine davon ist das völlige Zerbrechen der Systeme; der ökologischen, sozialen, ökonomischen. Das andere Extrem ist ein bewußtes, von innen geführtes Steuern der Entwicklung auf der Basis eines neuen Bewußtseins und auf einer neuen Ebene des Zusammenlebens. Sie muß dadurch gekennzeichnet sein, daß sich z. B. zwei Hälften entwickeln können, ohne daß eine der anderen die Chance der Weiterexistenz nimmt. Um die beste Möglichkeit unter den vielen wählen zu können, braucht man ein Minimum an Wissen und eine gewisse Wandlung der Wertvorstellungen und Anschauungsweisen. Wir möchten dazu beitragen, dies in der Öfentlichkeit zu verbreiten.
Auf dem Pfingstkolloquium ist viel über Möglichkeiten und Mechanismen der zweiten
Entwicklungsrichtung in dem von Ihnen dargelegten Sinne diskutiert worden. Dabei wurde betont, wie wichtig es ist, sich von hierarchischen Strukturen zu verabschieden. Es sollte größere Mitverantwortung für möglichst viele Bürger geben. In dieser Hinsicht hatten wir hier nach dem Umschwung 1989 große Hoffnungen; doch viele Enttäuschungen sind gefolgt. Welche speziellen Ansatzpunkte für die Poltik würden Sie empfehlen?
Laszlo: Also zuerst, es sollte nicht hierarchisch,” sondern demokratisch gearbeitet werden, so daß man tatsächlich Möglichkeiten zur Entscheidungsfindung auf mehreren
| Ebenen hat. Dann sollte man | diese Entscheidungsfindung of
fenhalten für relevante Information, Alternativen und ihre Folgen kennen. Die Strukturen sollten aus diesem Grund möglichst
| locker sein. Deshalb braucht
man auch eine Zusammenarbeit zwischen Politik, Wissenschaft und Wirtschaft. Politik kann nicht von Politikern allein gemacht werden. Wenn sich Leute zusammenfinden, die etwas von der Politik verstehen und auch Einsicht in unsere heutigen Lebensprozesse haben, dann können Strukturen aufgebaut werden, die eine große Kreativität in der ganzen Gesellschaft erlauben.
Wir brauchen Erziehung in dem griechischen Sinn, daß neue Einsichten nicht gelehrt, sondern geweckt werden. Wir müssen uns mit unserer Lage auseinandersetzen und Alternativen ins Auge fassen. Dies kann keine Schicht allein leisten, es geht nur unter Beteiligung einer breiten Öffentlichkeit.
Prof. Laszlo, wir danken Ihnen für die vielfältigen Anregungen. Vielleicht lassen sich einige Gedanken in die Konzeption der Universität aufnehmen. Wir hoffen, Sie bald wieder in Potsdam begrüßen zu können und zu einer aktiven Zusammenarbeit zu kommen.