Heft 
(1.1.2019) 11
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KOLLOQUIUM

Nr. 11/93 Seite 9

Fortsetzung von Seite 8

of Rome, Aurelio Peccei. Er kam zu mir und sagte, daß sich der Club bisher nur mit den äußeren Grenzen des Wachstums be­schäftigt habe, man aber auch die gesellschaftlichen, die sozio­kulturellen Grenzen in die Be­trachtungen einbeziehen müßte. Es geht um die Frage, die ver­schiedenen Zielsetzungen der Menschheit besser zu koordinie­ren, daß nicht gegeneinander, sondern auf einer gemeinsamen Ebene zusammengearbeitet wird. Wenn ein Unternehmen oder eine Gesellschaft so arbei­tet, daß andere weniger Chancen haben, entstehen nur Konflikte. Dies war der Grundgedanke meines Reports an den Club of

Rome Mitte der 70er Jahre. Wir.

haben mit 130 Mitarbeitern gro­ße sozio-kulturelle Regionen der Welt pragmatisch-empirisch untersucht, um herauszufinden, welche Ziele einzelne Leute, Wirtschaftskreise, politische Führungskräfte und andere ha­ben. Neben der Zusammenstel­lung dieser Daten haben wir auch über notwendige Änderun­gen geschrieben, wie diese Ziele optimal zu verwirklichen sind. Natürlich kann man nicht alles umsetzen auf unserem immer kleiner werdenden Planeten. Der Gedanke einer systemi­schen Einheit auf einer höheren, sogenannten evolutionären Ebe­ne war unser Leitgedanke Mitte der siebziger Jahre.

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Damit war ein Paradigmen­wechsel klar geworden. Wie haben Sie dann den Gedanken der Evolution stärker ver­folgt?

Laszlo: Die allgemeine System­lehre, wie sie von Russel formu­liert und von anderen weiterent­wickelt wurde, beruht auf dem Gedanken, daß Systeme auf ver­schiedenen Gebieten, z. B. phy­siko-chemische, biologische oder sozio-kulturelle Systeme starke strukturelle Analogien aufweisen, isomorph sind. Aber in dieser Theorie war das Pro­blem der Transformation eines Systems auf ein anderes wenig untersucht. Es herrschte der negative, mehr statische Gedan­ke vor, wie sich ein System

erhalten kann. Die Frage, wie| sich ein System so verändern|

kann, daß ein anderes entsteht, fehlte. Den theoretischen Ansatz hierzu hat Ilja Prigogine von der Thermodynamik eingebracht. Wenn man die beiden Richtun­gen zusammenbringt, erhält man eine evolutionäre System­

theorie. Dies hat mich zuneh-|

mend stärker beschäftigt. Als ich in den 70er Jahren als

Forschungsdirektor derDenk- L

fabrik der UNO arbeitete, ver­suchte ich, diese evolutionären Gedanken anzuwenden, indem ich die internationale Gemein­schaft darauf aufmerksam machte, daß die Bildung einer globalen Ordnung nicht allein aus nationalen Ordnungen mög­lich ist, sondern eine regionale Zwischenstufe erfordert. Prakti­sche Anwendungen erfuhr der Gedanke in dem Programm für

regionale und internationale Zusammenarbeit. Neuartige Ansätze oder

Sprünge in der Evolution ver­langen neuartige Organisa­tionsformen. Wir haben hier während des Pfingskolloqui­ums das erstmalige Zusam­mentreffen von drei interna­tionalen mit Evolutionsfragen befaßten Wissenschaftler­gruppen erlebt und von einer anderen neuen Form, der sich gerade gründenden Europä­ischen Akademie für weiter­führende Studien, gehört, wo Wissenschaft mit Politik und Management zusammenkom­

men will. Viele Menschen se­hen solche Ansätze als Utopie. Welche Chancen räumen Sie derartigen Vorhaben ein?

Laszlo: Lebten wir in stabilen Zeiten, dann würde ich dem nur wenig Chancen geben. In Zeiten der Stabilität sucht man nicht nach neuen Denkansätzen und

Handlungswegen. Aber die Wandlung ist uns von außen aufgezwungen.

Sie ist erforderlich, um zu über­leben. Wir brauchen eine nichtli­neare Weiterentwicklung. Ich denke, wir haben eine Chance, dies durchzusetzen. Ein Instru­ment zur Durchsetzung kann die EVO sein.

Prof. Dr. Ervin Laszlo Foto: Rüffert

Es gibt heute eine große Skala an Möglichkeiten der Entwick­lung. Eine davon ist das völlige Zerbrechen der Systeme; der ökologischen, sozialen, ökono­mischen. Das andere Extrem ist ein bewußtes, von innen geführ­tes Steuern der Entwicklung auf der Basis eines neuen Bewußt­seins und auf einer neuen Ebene des Zusammenlebens. Sie muß dadurch gekennzeichnet sein, daß sich z. B. zwei Hälften ent­wickeln können, ohne daß eine der anderen die Chance der Weiterexistenz nimmt. Um die beste Möglichkeit unter den vie­len wählen zu können, braucht man ein Minimum an Wissen und eine gewisse Wandlung der Wertvorstellungen und An­schauungsweisen. Wir möchten dazu beitragen, dies in der Öfentlichkeit zu verbreiten.

Auf dem Pfingstkolloquium ist viel über Möglichkeiten und Mechanismen der zweiten

Entwicklungsrichtung in dem von Ihnen dargelegten Sinne diskutiert worden. Dabei wur­de betont, wie wichtig es ist, sich von hierarchischen Struk­turen zu verabschieden. Es sollte größere Mitverantwor­tung für möglichst viele Bür­ger geben. In dieser Hinsicht hatten wir hier nach dem Umschwung 1989 große Hoff­nungen; doch viele Enttäu­schungen sind gefolgt. Welche speziellen Ansatzpunkte für die Poltik würden Sie empfeh­len?

Laszlo: Also zuerst, es sollte nicht hierarchisch, sondern demokratisch gearbeitet wer­den, so daß man tatsächlich Möglichkeiten zur Entschei­dungsfindung auf mehreren

| Ebenen hat. Dann sollte man | diese Entscheidungsfindung of­

fenhalten für relevante Informa­tion, Alternativen und ihre Fol­gen kennen. Die Strukturen soll­ten aus diesem Grund möglichst

| locker sein. Deshalb braucht

man auch eine Zusammenarbeit zwischen Politik, Wissenschaft und Wirtschaft. Politik kann nicht von Politikern allein ge­macht werden. Wenn sich Leute zusammenfinden, die etwas von der Politik verstehen und auch Einsicht in unsere heutigen Lebensprozesse haben, dann können Strukturen aufgebaut werden, die eine große Kreativi­tät in der ganzen Gesellschaft er­lauben.

Wir brauchen Erziehung in dem griechischen Sinn, daß neue Einsichten nicht gelehrt, son­dern geweckt werden. Wir müs­sen uns mit unserer Lage ausein­andersetzen und Alternativen ins Auge fassen. Dies kann keine Schicht allein leisten, es geht nur unter Beteiligung einer breiten Öffentlichkeit.

Prof. Laszlo, wir danken Ih­nen für die vielfältigen Anre­gungen. Vielleicht lassen sich einige Gedanken in die Kon­zeption der Universität auf­nehmen. Wir hoffen, Sie bald wieder in Potsdam begrüßen zu können und zu einer akti­ven Zusammenarbeit zu kom­men.