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SEMINAR
Konferenz über starkes Chaos
Die Universität Potsdam und die Max-Planck-Gesellschaft veranstalteten gemeinsam vom 30. August bis 3. September 1993 das 115. WE- Heraeus- Seminar in Caputh.
Die wissenschaftliche Leitung des unter der Thematik“Structure Formation in Continuous Dynamical Systems” stehenden Treffens nationaler und internationaler Spezialisten hatte Herr Dr. Jürgen Kurths, Leiter der Max-Planck-Arbeitsgruppe Nichtlineare Dynamik an der Universität Potsdam übernommen. Teilnehmer waren V. a.
Physiker, auch mathematische Physiker.
Eingefunden hatten sich des weiteren Wissenschaftler, deren Intentionen auf andere interdisziplinäre naturwissenschaftliche, z. B. chemisch, astrophysikalisch oder ökologisch orientierte Anwendungen gerichtet waren. Das Anliegen der Konferenz bestand im Zusammenführen von experimentellen und theoretischen Methoden zur Untersuchung hoch-dimensionaler chaotischer Systeme, wie sie etwa bei Wettererscheinungen, Strömungen in Flüssigkeiten
oder auf der Sonne häufig auftreten.
Für nicht mit dem Thema Vertraute sei hier ein erklärendes, markantes Beispiel genannt: 1755 erhielt Leonhard Euler den Auftrag, die Möglichkeit des Transports von Havelwasser nach Sanssouci zu prüfen. Dafür fand er entsprechende Gleichungen zur Beschreibung. Diese sind so kompliziert, daß man sie bis heute nicht lösen konnte. Das besondere Interesse der Potsdamer Experten während der Konferenztage bestand im Finden neuartiger theoretischer
Methoden, um gerade solch komplizierte Erscheinungen oder Gleichungen behandeln und sie mit Hilfe von Supercomputern— wie etwa die in der Arbeitsgruppe vorhandene CRAY — numerisch lösen zu können.
Hervorzuheben aus theoretischer Sicht waren sicher die Beiträge von Sell(Minneapolis) und auch Feudel(Uni Potsdam) sowie hinsichtlich der Numerik und Anwendung von Provenzale(Turin), Sreenivasan(Yale) und Kevrekidis(Princeton). P.G.
Die Tagung bot u. a. die Möglichkeit des Gesprächs mit Prof. Grossmann- einer Kapazität auf dem genannten Gebiet. Er lehrt und forscht an der Universität Marburg. Ihn interessieren v.a. Probleme der statistischen und der mathematischen Physik. PUZ nutzte die Gelegenheit, ihn zum Gegenstand dieses Wissenschaftsdisputs zu befragen.
*| für | schaftsentwicklung beschrei
Prof. Grossmann(vorn) Foto: Rüffert
PUZ: Herr Professor, welchen Stellenwert hat die Konferenz für Sie ganz persönlich?
Prof. Grossmann: Sie ist deshalb so wichtig, weil eine Reihe von Kollegen, die auf dem Gebiet arbeiten, aus den USA und den östlichen Ländern, insbe
sondere aus Rußland, hier anwesend sind. So ist es möglich, über viele der neuen Entwicklungen, die man aus Publikationen noch gar nicht kennt, hier etwas zu erfahren, sich auszutauschen. Besondere Probleme, denen wir uns alle gegenübersehen, physikalische Probleme, können besprochen und mögliche Auswege konstruiert werden. Daher ist es soetwas wie eine Simultanschaltung- das ist sehr wichtig.
PUZ: Wie würden Sie die Bedeutung der Chaostheorie die gesamte Wissen
ben? Es ist ja nicht nur ein mathematisches oder physikaisches Problem?
Prof. Grossmann: Damit haben Sie ganz recht. Es ist so, daß die Ergebnisse der Chaosforschung sich als wichtig für eigentlich alle Zweige der Wissenschaft, nicht nur der Naturwissenschaft, sondern auch einiger anderer Wissenschaften erwiesen haben. Der Hauptaspekt ist, daß es uns nicht viel nützt, allein nach den Gleichungen zu sehen oder die Naturgesetze herzuleiten, zu entdecken, zu formulieren, wenn wegen der Nichtlinearität dieser Gesetze trotzdem längerfristige Prognosen nicht möglich sind. Das hat nichts damit zu tun,
daß wir die Gesetze dann nicht genügend kennen. Die Eigenart dieser Gesetze ist so, daß man sie zwar Schritt für Schritt lösen kann; aber nur soweit man sie gelöst hat, weiß man, wie es weitergeht. Und wenn es Störungen oder Unsicherheiten in den Ausgangszuständen gibt, dann ist die Vorhersagemöglichkeit grundsätzlich wegen der gleichen Struktur begrenzt.
Wir erfahren das z.B. bei Wetterprognosen. Wir kennen die Gleichungen, und trotzdem sind die Prognosen nur sehr begrenzt. Wir erfahren das z. B. aber auch in der Wirtschaftsentwicklung. Wir haben eine Reihe von Theorien, aber ihre Voraussagekraft ist begrenzt. Dies ändert die Sicht der Naturwissenschaftler gegenüber den Möglichkeiten naturwissenschaftlicher Beherrschung ganz generell. Und das gibt der Chaosforschung, glaube ich, auch einen gewissen philosophischen Inbegriff.
Es gibt bei allen Vorgängen viele Gesichtspunkte, die gemeinsam zu beachten und die miteinander verflochten sind. Das bewirkt Nichtlinearitäten. Und diese Nichtlinearitäten machen die Lösungen unregelmäßig, statistisch aussehend. Diese Statistik aus leicht hinschreibbaren
Gleichungen ist ein uns sehr überraschender Effekt. Darin liegt wohl die generelle Bedeutung dieser Forschung.
PUZ: Welchen Erkenntniszuwachs erhoffen Sie sich persönlich von der Konferenz? Prof. Grossmann: Der Erkenntniszugewinn für mich speziell, aber ich denke auch, daß das charakteristisch für viele Anwesende ist, liegt darin, daß wir längere Zeit jetzt immer Systeme behandelt haben mit vergleichsweise wenigen Freiheitsgraden, also wenigen Variablen. Jetzt aber wissen Wir, daß die Notwendigkeit besteht, räumliche Auflösung zu betreiben; also Systeme, die eine räumliche Struktur zeigen können und die dadurch notwendigerweise mehr Freiheitsgrade haben. Und darüber wissen wir noch wenig, weil eben auch viel zu wenige mathematische Kenntnisse bisher bestanden haben. Meine persönliche Hoffnung ist, daß wir hier Fortschritte erreichen in der mathematischen Analyse von räumlich strukturierenden linearen Systemen.
Herzlichen Dank für das Gespräch. Für die PUZ fragte Petra Görlich.