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(1.1.2019) 13
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MATHEMATIK

Nr. 13/93 Seite 5

Zusammenführung von Spezialisten

Die von Prof. Dr. Bert-Wolf­

| gang Schulze geleitete Max­

Planck-ArbeitsgruppePartielle Differentialgleichungen und komplexe Analysis an der Uni­versität Potsdam war Ausrichter der vom 6. bis 10. September 1993 im Potsdamer Residence Hotel durchgeführten Konfe­renzPartial Differential Equa­tions.

Diesmal kamen 70 Wissen­schaftler aus 10 Ländern, so zum Beispiel aus Aarhus, Berlin, Long Beach, Cergy Pontoise, Mainz, Tbilissi, Haifa, Moskau, Birmingham, St. Petersburg, Kiev.

Über Ziele und Inhalte der Ta­gung sprach PUZ mit Prof. Schulze.

PUZ: Die Analysis der partiel­len Differentialgleichungen stellt einen Kernbereich der mathematischen Wissen­schaften dar und gehört zu den Schwerpunkten internationa­ler Forschung. Worin bestand die Spezifik dieser Potsdamer Konferenz im Vergleich zu anderen?

Prof. Schulze: Die Spezifik be­stand in der Zusammenführung von Spezialisten verschiedener aktueller Gebiete, die an den in­ternationalen Zentren betrieben werden, also die eigentliche Analysis der partiellen Differen­tialgleichungen, die mathemati­sche Physik, die inneren Verbin­dingen dieser Teilgebiete, die gegenseitige Beeinflussung, die sich gegenseitig bedingenden Anwendungen. Es ist ein Spezi­fikum der Tagung gewesen, Spezialisten aus diesen Interes­Sensphären zusammenzuführen, die Einheit der Mathematik zu betonen.

PUZ: Welche inhaltlichen Probleme standen im Mittel­Punkt der Debatte und wie ist der Praxisbezug der erzielten Forschungsergebnisse einzu­Schätzen?

Prof. Schulze: Die inhaltlichen Aspekte sind breit gestreut, weil Z.B., was die Analyse der partiel­

len Differentialgleichungen an­

belangt, vielfältige, komplexe,|

konkrete Probleme durch die partiellen Differentialgleichun­gen modelliert werden. Insofern sind die Inhalte, die Methoden, die mathematischen Strukturen äußerst komplex und reichhal­tig. Natürlich enthält die mathe­matische Physik, unser zweiter großer Schwerpunkt der Ta­gung, zum Teil ebenfalls Diffe­rentialgleichungsprobleme. Es sind Probleme über den Schrö­dinger-Operator, die Streutheo­rie, neue Aussagen über Halb­gruppenmethoden in der Analy­se der Schrödinger-Operatoren, inverse Methoden, inverse Streutheorie, asymptotische Resultate über die Lösbarkeit von Gleichungen. Die Bezie­hungen zu den konkreten Mo­dellen und den Anwendungen liegen natürlich darin, daß die jeweiligen konkreten Gleichun­gen das physikalisch unterlie­gende Geschehen modellieren, z.B. der Schrödinger-Operator, Modelle aus der Quantenmecha­nik, elliptische partielle Diffe­rentialgleichungen, Modelle aus der Elastizitätstheorie, hyperbo­lische Gleichungen aus der Dynamik, parabolische Glei­chungen aus Wärmeleitungs­vorgängen oder Diffusionsvor­gängen. Diese Dinge wirken zu­sammen, sie können auch kom­biniert auftreten. Dann gibt es aber übergreifende, funktional analytische Prinzipien, die die einheitliche Behandlung und Analyse dieser, an sich zunächst weit auseinanderliegenden, Teilkomplexe erlauben, und tra­gende Prinzipien, wesentliche Begriffsbildungen herauszu­schälen, die hantierbare Be­schreibungen der ganzen Phäno­mene erlauben. Die neuen Fort­schritte auf diesem Gebiet, neue Struktureinsichten, z.B. aus dem Kalkül der Pseudodifferential­operatoren, das gehörte zu den Themen der Tagung.

PUZ: Schaut man in die Teil­nehmerlisten, sind nicht weni­ge Namen von Wissenschaft­

Blick in den Tagungsraum

lern aus osteuropäischen Län­dern festzustellen. Das ist doch sicherlich nicht unbeab­sichtigt.

Prof. Schulze: Ja, das ist in der Tat ein gewollter Effekt gewe­sen. Einmal, weil wir diese Beziehungen traditionell noch hatten aus der Akademie der Wissenschaften, insbesondere vom Karl-Weierstraß-Institut, wo meine Forschungsgruppe früher angesiedelt war, weiter­hin als ein Element, die wissen­schaftliche Entwicklung nicht stagnieren zu lassen, und auch deshalb natürlich, weil nach wie vor sehr bedeutende Speziali­sten in diesen Instituten arbeiten bzw. dort heranwachsen, die sich z.T. an anderen internatio­nalen Zentren in den letzten Jahren ansiedeln, z.B. in Frank­reich oder den USA. Wir pfle­gen also einerseits die traditio­nellen Beziehungen, die wir ohnehin hatten, und knüpfen andererseits neue Verbindun­gen auch in Hinblick auf die Bedeutung dieser Schulen, die nach wie vor besteht. Wir stre­ben an, möglichst viele Gäste aus den ehemaligen Ostblock­ländern einzuladen.

PUZ: Zum Schluß gestatten Sie mir noch eine Frage zu Ihrer Gruppe. Bei unserem letzten Gespräch sagten Sie, daß die Existenz der Max­Planck-Arbeitsgruppen aus­strahlen werde. Haben die Strahlen ihr Ziel erreicht?

Prof. Schulze: Ja, ich glaube doch, daß man das ohne Ein­

Foto: Rüffert

schränkungen sagen kann. Die Aktivitäten, z.B. die Tagungstä­tigkeit- wir hatten ja im vergan­genen Jahr eine recht bedeutende Jahrestagung in Potsdam- und die Resonanz darauf sind Zei­chen für die internationale Ak­zeptanz dieses Forschungs­schwerpunktes hier, er trägt zum Ansehen der Universität Pots­dam bei. Wir machen die Erfah­rung, z.B. wenn wir über die Tagung und ihre Resonanz spre­chen, daß all die wirklich aktiven Spezialisten unsere Einladung akzeptiert haben, daß wir wenige Absagen erhielten. Im Gegen­teil, wir erlebten einen Ansturm, der uns sehr gefreut hat. Außer­dem haben wir hier internationa­le Gäste, auch längerfristige, sehr bedeutende Leute. Dazu ge­hört z. B. Fedosov. Auch haben wir einen Humboldt-Stipendia­ten, der sich von sich aus in Pots­dam beworben hat und ein Jahr bei uns arbeitet. Weiterhin sind zwei Wissenschaftler aus Mos­kau zu Gast, die drei Monate hier sind. Es bewerben sich talentier­te junge Leute, z.B. aus den USA bei uns und wir sind, glaube ich, auch in der Lage, diese jungen Kollegen einzustellen. Auch Doktoranden von Universitäten der alten Bundesländer bewer­ben sich hier. Das alles sind äu­ßerliche Zeichen dafür, daß doch die Kontinuität der Forschung hier erhalten geblieben ist und neu belebt werden konnte nach den Ereignissen der Wende. Vielen Dank für das Gespräch. Es fragte Dr. Barbara Eckardt.