Nr. 14/93— Seite 10
MATHEMATIK
Auf den Ursprung zurückführen
„Fourth Conference on Discrete Mathematics“
PUZ: Wie kam es zur Zusammenarbeit zwischen Ihrem Fachbereich und der bulgarischen Universität Blagoevgrad und damit letztlich zur Vorbereitung und Durchführung dieser Konferenz?
Prof. Denecke: Die Zusammenarbeit ist über Herrn Prof. Cimev von der Universität Blagoevgrad zustande gekommen. Er war ein wissenschaftlicher Schüler von Jablonski. Dieser ist der Chef einer bekannten Wissenschaftlergruppe an der Moskauer Universität, die sich mit Fragen der mehrwertigen Logik und deren Anwendungen in der Diskreten Mathematik beschäftigt. An diesen Kontakten waren wir deshalb interessiert, weil wir uns von einer ganz anderen Seite her, von der Universellen Algebra, mit ähnlichen Problemen beschäftigen. Die Geschichte dieser Zusammenarbeit begann eigentlich schon in den 70er Jahren, als man feststellte, daß parallele Entwicklungen in Westeuropa und in Amerika einerseits und in der damaligen Sowjetunion andererseits stattgefunden haben, daß man sich mit demselben Thema beschäftigte; nämlich Superposition von Funktionen, mehrwertige Logik und deren Anwendungen. Wir haben das von der Seite der Universellen Algebra betrachtet. Jetzt bestand das Problem, diese beiden Richtungen zusammenzuführen. Dies erklärt unser natürliches Interesse, mit Herrn Prof. Cimev und dieser Gruppe
Vom 27. September bis 1. Oktober 1993 veranstaltete der Fachbereich Mathematik der Universität Potsdam gemeinsam mit der bulgarischen Universität Blagoevgrad die„Fourth Conference on Discrete Mathematics‘. Das Freizeit- und Erholungszentrum Neuseddin war Konferenzort. 119 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler reisten an, um in neun Haupt- und 84 kürzeren Vorträgen, in drei Sektionen gehalten, einen Beitrag zur interdisziplinären Zusammenarbeit zu leisten. Außerdem diente diese Tagung dem Anliegen, die aus der Vergangenheit zu Mathematikern aus Osteuropa herrührenden Kontakte
zusammenzuarbeiten aus innermathematischen Gründen. PUZ: Auf diese Weise entstand dann wohl auch die Idee für die Konferenz?
Prof. Denecke: Man muß dazu sagen, daß Herr Prof. Cimev die ersten drei Konferenzen über Diskrete Mathematik in der Nähe von Blagoevgrad(Bulgarien) organisiert hat, und es war eine gute Gelegenheit, diese unterschiedlichen Gruppen aus Westeuropa, Amerika und dem Osten zusammenzuführen. Leider wurde diese Gelegenheit deswegen nicht wahrgenommen, weil aus Amerika und Westeuropa viele Wissenschaftler nicht anwesend waren. Der Ort ist zu unbekannt und wohl auch die dort ansässige Gruppe. Es war nun unsere gemeinsame Idee, das in Potsdam ähnlich zu versuchen.
Wissenschaftler berieten zu Fragen der Diskreten Mathematik. Fotos: Rüffert
und Kooperationsbeziehungen in die westeuropädische und nordamerikanische_Wissenschaftslandschaft stärker einzubinden.
In seiner kurzen Eröffnungsansprache würdigte der Minister für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg, Hinrich Enderlein, die große internationale Resonanz und verwies auf die Traditionen der Mathematik in Potsdam.
Über Inhalte und Erwartungen unterhielten wir uns mit dem Sprecher der Abteilung Algebra des Fachbereiches Mathematik der Universität Potsdam und Mitorganisator der Konferenz, Prof. Dr. Klaus Denecke.
PUZ: Welche wesentlichen Inhalte, allgemeinverständlich ausgedrückt, spielen bei dieser Konferenz eine Rolle?
Prof. Denecke: Das sind algebraische Strukturen, die in der Diskreten Mathematik eine Rolle spielen, z. B. in der Graphentheorie, der Theorie der formalen Sprachen oder in der Kombinatorik. Mittelbar oder unmittelbar stehen die genannten Gebiete mit der Informatik in Verbindung. Unser Hauptinteresse gilt den algebraischen Strukturen, die für diese Gebiete relevant sind. Es ist so, daß die Motivation dafür eigentlich aus den Anwendungen kommt, die ich genannt habe. Dort entsteht das Interesse, solche Strukturen zu betrachten. In der Algebra verfolgt man dann dieses Interesse weiter, denkt aber, das liegt so im Wesen der Mathematik, natürlich nicht in jedem Moment an den Ursprung und wo die erzielten Ergebnisse wieder angewendet werden können, sondern die Dinge beginnen
” dann eigenständig an Interesse
zu gewinnen. Das ist aber eigentlich kein Problem. Mathematisches Arbeiten erfordert einen
| höheren Abstraktionsgrad, der
es möglich macht, theoretische Ergebnisse zu erhalten. Andererseits liegt in diesem Vorgehen
Prof. Dr. Klaus Denecke
die Gefahr, daß die Verbindung zum Ursprung nicht mehr hergestellt wird. Ein Anliegen unserer Konferenz besteht deshalb darin, den Zusammenhang zu den Ursprüngen unserer algebraischen Strukturtheorien wieder herzustellen. Diese Denkweise wurde philosophisch von H. v. Henting begründet und als Restrukturierung der Wissenschaft bezeichnet und hängt genau mit dem zusammen, was Sie am| Anfang gesagt haben. Sie haben| sich ja zu Recht darüber beschwert, daß die Begriffe unverständlich sind. Im gewissen Sinne ist Mathematik undemokratisch. Es ist oft so schwer, unsere Ergebnisse jedem klar zu machen. Deshalb werden die Ma-| thematiker häufig entweder mit| Mißtrauen oder aber mit zu großer Hochachtung gesehen. Wenn man alles wieder auf den Ursprung zurückführt, also von| der Entstehung her betrachtet, ist es vielleicht leichter. Das müs-| sen wir auf jeden Fall immer| wieder versuchen, um dadurch| eine größere Anwendbarkeit unserer Ergebnisse zu erreichen.| PUZ: Es wird doch sicherlich| eine fünfte Konferenz zu Fra-| gen der Diskreten Mathema-| tik geben?| Prof. Denecke: Ja, im nächsten| Jahr dann wieder in Bulgarien.| Vielen Dank für dieses Gespräch. Es fragte Dr. Barbara| Eckardt.