Heft 
(1.1.2019) 15
Einzelbild herunterladen

Nr. 15/93 Seite 10

REZENSION

Das vorgelegte Buch basiert auf der 1992 verteidigten Disserta­tion des Autors. Gleich zu Be­ginn sei folgendes bemerkt: Das Buch ist eine gute Einführung in einen speziellen Problemkreis des Wittgensteinschen Denkens und regt zu weitergehenden Dis­kussionen an. Der Untertitel des Buches(Wittgenstein über Philosophie, Ethik, Religion und Gewißheit) umreißt das Pro­gramm, dem Kroß mit seiner Untersuchung gerecht werden will. Ein Großteil der unzähli­gen, in die tausende gehenden Einzeluntersuchungen wurde von ihm gesichtet und im Kon­text zum Wittgensteinschen Werk, dem(möglichen) Prinzip ‚Klarheit als Selbstzweck' ver­sucht unterzuordnen.. ‚Klarheit als Selbstzweck': Der Versuch, die philosophischen Auffassun­gen Ludwig Wittgensteins unter diesem Prinzip zu fassen, zeigt in der Interpretation von Kroß überraschende Ergebnisse. The­ma und Anspruch ‚des Buches sind sehr interessant, aber an einigen Stellen wird der Titel überstrapaziert.

Die Zusammenhänge, die zwi­schen den philosophischen Ge­dankengängen Wittgensteins und diesem Prinzip hergestellt werden, scheinen schlüssig, be­rühren aber(leider) nur die theo­retischen Äußerungen viele, wirklich wichtige, praktische Lebensbezüge, die den Hinter­grund der Philosophieentwick­lung Ludwig Wittgensteins bil­den, wurden außer acht gelas­sen.

Hervorzuheben ist die im Kapi­tel 2.3.(S. 57 ff.) gegebene Übersicht zur Theorie der Bei­spielverwendung, die eine wich­tige Anregung für zukünftige Arbeiten auf diesem Gebiet dar­stellt.

REZENSION Leben als gelebte Ethik

Matthias Kroß: Klarheit als Selbstzweck. Wittgenstein über Philosophie, Ethik, Religion und Gewißheit. Akademie Verlag 1993. 276 S., 68, DM

Die von Kroß im Vorwort seiner Untersuchung abgelehnte Un­terscheidung von Wittgensteins Philosophie in eineFrüh- und Spätphilosophie wird von ihm nicht konsequent beibehalten, allzuoft konzentriert er seine Betrachtungen entweder auf den Tractatus oder auf die späten Werke, ohne die vorhandene Kontinuität immer deutlich machen zu können.

Zu wenig werden in den Argu­mentationslinien, vor allem in den Ausführungen zur Ethik, von Kroß die Lebensumstände und Bemerkungen Wittgen­steins, die zwischen 1920 und dem Beginn der Arbeit an den Philosophischen Untersu­chungen lagen, berücksichtigt. Alle Versuche möglicher Be­weisführungen sind aber gera­de bei Wittgenstein dann zum Scheitern verurteilt, wenn man sein Leben, das gelebte Ethik war, außer acht läßt.

Einige Bemerkungen über den Abschnitt zur Ethik(S. 127 ff.): Die Ausführungen des Tracta­tus werden hier neben die Ge­danken nach 1929 gestellt.- Wo aber bleibt die Zeit dazwischen? Was ist mit Wittgensteins Volksschullehrerzeit?

Der Autor weist darauf hin, daß Wittgenstein die Religion als Sprachspiel aufgefaßt hat(S. 117). Ist das nicht auch für die Ethik zutreffend? Sicherlich ja: Denn sonst wäre es nicht mög­lich, Religion und Ethik gleich­berechtigt zu betrachten, oder doch nur, wenn berücksichtigt wird, daß speziell die Frage nach Gott für Wittgenstein immer gleichbedeutend mit der Frage nach dem Sinn des Lebens war, das aber scheint Kroß für seine Betrachtung nicht bedeutsam genug zu sein. Vielleicht wäre es deshalb wenigstens lohnend

gewesen, die Anmerkung 3 des 4. Kapitels im Text ausführli­cher abzuhandeln, denn gerade die dort angesprochenen Proble­me der Auseinandersetzung Wittgensteins mit Glaubensfra­gen rufen immer wieder Speku­lationen hervor(vgl. bspw. die Schriften von W. Baum).

Entscheidende Namen fehlen in dem Buch: Geht der Autor da­von aus, daß dem Leser die Ent­wicklung des Wittgensteinschen Denkens in allen Einzelheiten bekannt ist? Wichtige Einflüs­se in Hinsicht auf die ethischen Haltungen Wittgensteins wur­den vernachlässigt: James und Weininger finden nur im An­merkungsteil eine kurze Erwäh­nung(WeiningersGeschlecht und Charakter, das Wittgen­steins Formulierungen im Trac­tatus sehr stark beeinflußt hat, findet im Literaturverzeichnis keine Aufnahme!). Gerade im Zusammenhang mit denGren­zen der Sprache.(Kap. 5.2., S. 136 ff.) wäre es auch wichtig und lohnenswert, auf die Paral­lelen zu Karl Kraus hinzuwei­sen: Aber der wird überhaupt nicht erwähnt. Brouwer, dessen Vortrag 1929 den Ausschlag für die Rückkehr Wittgensteins in die Philosophie gegeben hat, fehlt. Auch wenn die Bedeutung Tolstois für die Entwicklung des Wittgensteinschen Denkens nicht sehr umfangreich behan­delt wird, sollte man beachten, daß sich Wittgenstein schon 1914!(S. 36: 1915) ausführlich mit seinerKurzen Auslegung der Evangelien beschäftigt hat. Interessant wäre es, den Einfluß Mauthners in bezug auf die Pro­blematik des Schweigens in der Ethik aufzuzeigen, wobei der Autor hier auch die aktuellen Parallelen(Luhmann/Fuchs) hätte heranziehen können. In

bezug auf den späten Wittgen­stein vermißt man die wichtige Charakterisierung der Ethik als different ways of doing it und eine Betrachtung der damit im Zusammenhang stehenden Er­örterungen des Wortesgut in den Vorlesungen der Jahre 1930-1935. Leider fehlt auch eine(notwendige) Auseinander­setzung mit anderen Interpreta­tionen(bspw.Ethik des Schweigens Bezzel). Abschließend noch drei Bemer­kungen zur Form: 1. Das Inhalts­verzeichnis(nicht sehr originell und schon vielfach kopiert!) scheint mit seiner 7-Teilung eine Reminiszenz an den Tractatus zu sein. 2. Da das Buch einen verhältnismäßig großen Anmer­kungsteil hat, wäre es für die Lesbarkeit sicher günstiger gewesen, die Anmerkungen di­rekt im Textund nicht als An­hang zu drucken. 3. Gerade dem Anspruch Wittgensteins, beim Kampf mit der Sprache immer die richtige Formulierung zu finden, entspricht das Buch nicht, wenn beispielsweise Ori­ginaltexte unkorrekt zitiert wer­den(S. 16 Zitat des Tractatus­satzes 7) und schon auf der 1. Seite(Zeile 4) der Druckfeh­lerteufel seine Tätigkeit auf­nimmt.

Trotz aller Kritikpunkte ist das Buch ein notwendiger Beitrag besonders zur Aufarbeitung der religiösen und ethischen An­schauungen Ludwig Wittgen­steins.

Mathias Iven