Heft 
(1.1.2019) 18
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Nr. 18/93 Seite 6

INTERVIEW

Das Hauptprodukt an den Universitäten sind aber die Studenten

Zu den in jüngster Zeit neu be­rufenen Professoren gehört auch Frau Prof. Horn. Sie ist In­formatikerin und sieht ihre Auf­gabe im Aufbau eines Instituts für Informatik an der Universi­tät Potsdam. PUZ nutzte die Ge­legenheit, sie nach ganz persön­lichen Erfahrungen und Sichten zu befragen.

PUZ: Frau Prof. Horn, kön­nen Sie bitte den Lesern kurz die Inhalte Ihrer Professur umreißen?

Prof. Horn: Meine C4-Profes­sur heißt nach der Ausschrei­bung der UniversitätAnge­wandte Informatik. Eigentlich ist diese Bezeichnung nicht ganz korrektPraktische In­formatik wäre richtiger. Dieses Gebiet umfaßt alle Fragen der Entwicklung-und der Benut­zung von Programmen.

Dies schließt z. B. dazugehörige Betriebssysteme, Benutzer­schnittstellen von Programmen usw. ein.

Mein engeres Fachgebiet ist Software-Engineering. Das ist ein relativ neuer Zweig der In­formatik, der vor allem auf die Entwicklung und Anwendung großer verteilter Programme zielt. Im einzelnen gehören dazu theoretische Grundlagen, Modelle, Methoden, Vorge­hensweisen bis hin zur Gestal­tung z. B. von Benutzerschnitt­stellen. Ebenfalls dazu zählt das Gebiet der Software-Ergono­mie, das vor allem die Anpas­sung von Software an die menschlichen Bedürfnisse um­faßt.

Software-Engineering paßt sehr gut zu unseren Vorstellungen, die wir zur Profilierung des In­stituts für Informatik an der Universität Potsdam entwickelt haben.

PUZ: Welche Vorstellungen sind das?

Prof. Horn: Wir möchten die Informatik in Potsdam insbe­sondere auf das Gebiet der Verwaltungsinformatik aus­richten. Dieser Begriff ist so auf der diesjährigen Jahrestagung

der Gesellschaft für Informatik geprägt worden. Im Rahmen des_Bonn-Berlin-Programms liegen hier auch gute Entwick­lungschancen. Möglichkeiten der Forschungskooperation z. B. mit Forschungs- und In­dustrieeinrichtungen sind viel­

fältig. Erste Kontakte sind bereitshergestellt. Neben derVerwaltungsinformatik

möchte ich auch die Ausrich­tung der Informatik auf die An­wendung in anderen Fachgebie­ten, z. B. den Naturwissenschaf­ten erwähnen.

PUZ: Sie haben zunächst ge­zögert, den Ruf anzunehmen. Wo lagen die Ursachen? Prof. Horn: Das stimmt, ich habe gezögert. Vielleicht wis­sen Sie, daß in diesem Jahr die Immatrikulation der Informa­tik-Studenten unterbrochen wurde.

Meine Rufzusage erfolgte erst nach einem Gespräch im Mini­sterium für Wissenschaft, For­schung und Kultur, in dem eine klare Aussage über die Informa­tik als Hauptstudiengang an der Universität Potsdam getroffen wurde. Ich gehe nun davon aus, daß der Diplom-Studiengang Informatik im nächsten Jahr wieder zugelassen wird. Diese optimistische Haltung wird da­durch bestärkt, daß bereits die Ausschreibung zweier weiterer Professoren-Stellen für den Fachbereich vollzogen wurde. PUZ: Welche Hürden mußten Sie in Ihrer wissenschaftli­chen Laufbahn nehmen, um das zu werden, was Sie heute sind?

Prof. Horn: Meinen Werde­gang sehe ich als natürlichen Entwicklungsprozeß. Von Kindheit an war ich immer tech­nisch orientiert. Ich habe viele Jahre in der Industrie gearbeitet, in denen ich auch Erfahrungen auf dem Gebiet des Computer­einsatzes sammeln konnte. Die Hürde, die ich nehmen mußte, war der Wechsel von der Indu­strie in die Universität im Jahr 1983. Dort bin ich in eine Hier­

archie hineingeraten. Nach 13jähriger Tätigkeit in der Indu­strie als Dozentin an der Uni­versität, in meinem Fall war es die TU Dresden, zu beginnen war schwer. Die Akzeptanzpro­bleme waren groß. Sie legten sich erst mit der Habilitation, mit ausreichenden Veröffentli­chungen usw.

PUZ: Noch kommen Sie Ver­pflichtungen in Dresden nach. Wann vollzieht sich Ihr end­gültiger Wechsel an die Uni­versität Potsdam?

Prof. Horn: In Dresden nehme ich das LehrgebietSoftware­Technologie wahr. Ich habe mich bereit erklärt, meine Vor­lesung dort noch durchzufüh­ren. Wesentlich für mich war die Bitte der Studenten, in die­sem Semester noch zur Verfü­gung zu stehen. Seit 1. 11. erfül­le ich somit offiziell einen Lehr­auftrag in Dresden an einem Tag in der Woche. Diese zu­sätzliche Tätigkeit endet mit dem Ausgang des Semesters. Ich bin berufene Hochschul­lehrerin an der Universität Pots­dam das hat Priorität.

PUZ: Noch spielt die Univer­sität Potsdam in der Wissen­schaftslandschaft der BRD nicht die Rolle, die wir uns alle wünschen. Gerade in letz­ter Zeit werden in der Presse Defizite in den Forschungs­leistungen kritisiert. Welchen Beitrag kann Ihr Bereich lei­sten, zu deren Abbau beizu­tragen?

Prof. Horn: Hier ist sicher eine Vorbemerkung notwendig. Ich sehe Forschung und Lehre als eine Einheit an. An einigen Uni­versitäten in den westlichen Bundesländern wird die For­schung absolut favorisiert. Die Lehre ist pflichtgemäßes Bei­werk. UnserHauptprodukt an den Universitäten sind aber die Studenten. Wir müssen sie so ausbilden, daß sie in Deutsch­land und im zukünftigen verein­ten Europa bestehen können. Man möge auch bedenken, das trifft auf alle Universitäten

in den östlichen Bundesländern zu, daß die Bindungen an ehe­malige Industriepartner durch den Rückgang bzw. Zusam­menbruch der Wirtschaft verlo­ren gingen. Die Forschung muß neu profiliert und zusammen mit dem Aufbau der Universität entwickelt werden. Forschungs­projekte und Veröffentlichun­gen müssen eine größere Rolle an der Universität Potsdam spielen. Zu meiner eigenen For­schung: Nennen möchte ich hier vier größere Vorhaben. Erstens: STONE(a Structured and OpeN Enviroment) ein Rah­mensystem für die Installation und Konfiguration von Soft­wareentwicklungsumgebungen, bestimmt für den Einsatz in der Lehre. Zweitens: ESF(EURE­KA Software Factory). Das Projekt verfolgt das Ziel, theo­retische Grundlagen, Standards, Methoden und Mittel für die Verbesserung der Software­Produktion in Europa zu schaf­fen. Hier wirken Forschungs­einrichtungen und führende eu­ropäische Softwareentwick­lungsinstitutionen und-unter­nehmen mit. Drittens: Das Ei­senbahnprojekt. Es dient der Er­probung von Ergebnissen und Methoden- und der Mittelent­wicklung. Es stellt ein Problem­medium realer Komplexität dar. Basis ist eine digital gesteuerte Modelleisenbahn. Das Projekt wird u. a. im Rahmen der Lehr­veranstaltung Softwarepraktik zusammen mit Studenten bear­beitet. Viertens: Ein Kooperati­onsvertrag mit Siemens/Nix­dorf München zu rechnerge­stützten objektorientierten Soft­wareentwicklung.

Übrigens: Wir wollen 1995 eine Konferenz an der Universität Potsdam durchführen. Dabei wollen wir unser Profil der Verwaltungsinformatik vor­stellen.

Herzlichen Dank für das Ge­spräch. Für die PUZ fragte Petra Görlich.