Nr. 18/93— Seite 6
INTERVIEW
„Das Hauptprodukt an den Universitäten sind aber die Studenten“
Zu den in jüngster Zeit neu berufenen Professoren gehört auch Frau Prof. Horn. Sie ist Informatikerin und sieht ihre Aufgabe im Aufbau eines Instituts für Informatik an der Universität Potsdam. PUZ nutzte die Gelegenheit, sie nach ganz persönlichen Erfahrungen und Sichten zu befragen.
PUZ: Frau Prof. Horn, können Sie bitte den Lesern kurz die Inhalte Ihrer Professur umreißen?
Prof. Horn: Meine C4-Professur heißt nach der Ausschreibung der Universität„Angewandte Informatik“. Eigentlich ist diese Bezeichnung nicht ganz korrekt—„Praktische Informatik“ wäre richtiger. Dieses Gebiet umfaßt alle Fragen der Entwicklung-und der Benutzung von Programmen.
Dies schließt z. B. dazugehörige Betriebssysteme, Benutzerschnittstellen von Programmen usw. ein.
Mein engeres Fachgebiet ist Software-Engineering. Das ist ein relativ neuer Zweig der Informatik, der vor allem auf die Entwicklung und Anwendung großer verteilter Programme zielt. Im einzelnen gehören dazu theoretische Grundlagen, Modelle, Methoden, Vorgehensweisen bis hin zur Gestaltung z. B. von Benutzerschnittstellen. Ebenfalls dazu zählt das Gebiet der Software-Ergonomie, das vor allem die Anpassung von Software an die menschlichen Bedürfnisse umfaßt.
Software-Engineering paßt sehr gut zu unseren Vorstellungen, die wir zur Profilierung des Instituts für Informatik an der Universität Potsdam entwickelt haben.
PUZ: Welche Vorstellungen sind das?
Prof. Horn: Wir möchten die Informatik in Potsdam insbesondere auf das Gebiet der „Verwaltungsinformatik“ ausrichten. Dieser Begriff ist so auf der diesjährigen Jahrestagung
der Gesellschaft für Informatik geprägt worden. Im Rahmen des_Bonn-Berlin-Programms liegen hier auch gute Entwicklungschancen. Möglichkeiten der Forschungskooperation z. B. mit Forschungs- und Industrieeinrichtungen sind viel
fältig. Erste Kontakte sind bereits‘‘hergestellt. Neben der„Verwaltungsinformatik“
möchte ich auch die Ausrichtung der Informatik auf die Anwendung in anderen Fachgebieten, z. B. den Naturwissenschaften erwähnen.
PUZ: Sie haben zunächst gezögert, den Ruf anzunehmen. Wo lagen die Ursachen? Prof. Horn: Das stimmt, ich habe gezögert. Vielleicht wissen Sie, daß in diesem Jahr die Immatrikulation der Informatik-Studenten unterbrochen wurde.
Meine Rufzusage erfolgte erst nach einem Gespräch im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur, in dem eine klare Aussage über die Informatik als Hauptstudiengang an der Universität Potsdam getroffen wurde. Ich gehe nun davon aus, daß der Diplom-Studiengang Informatik im nächsten Jahr wieder zugelassen wird. Diese optimistische Haltung wird dadurch bestärkt, daß bereits die Ausschreibung zweier weiterer Professoren-Stellen für den Fachbereich vollzogen wurde. PUZ: Welche Hürden mußten Sie in Ihrer wissenschaftlichen Laufbahn nehmen, um das zu werden, was Sie heute sind?
Prof. Horn: Meinen Werdegang sehe ich als natürlichen Entwicklungsprozeß. Von Kindheit an war ich immer technisch orientiert. Ich habe viele Jahre in der Industrie gearbeitet, in denen ich auch Erfahrungen auf dem Gebiet des Computereinsatzes sammeln konnte. Die Hürde, die ich nehmen mußte, war der Wechsel von der Industrie in die Universität im Jahr 1983. Dort bin ich in eine Hier
archie hineingeraten. Nach 13jähriger Tätigkeit in der Industrie als Dozentin an der Universität, in meinem Fall war es die TU Dresden, zu beginnen war schwer. Die Akzeptanzprobleme waren groß. Sie legten sich erst mit der Habilitation, mit ausreichenden Veröffentlichungen usw.
PUZ: Noch kommen Sie Verpflichtungen in Dresden nach. Wann vollzieht sich Ihr endgültiger Wechsel an die Universität Potsdam?
Prof. Horn: In Dresden nehme ich das Lehrgebiet„SoftwareTechnologie“ wahr. Ich habe mich bereit erklärt, meine Vorlesung dort noch durchzuführen. Wesentlich für mich war die Bitte der Studenten, in diesem Semester noch zur Verfügung zu stehen. Seit 1. 11. erfülle ich somit offiziell einen Lehrauftrag in Dresden an einem Tag in der Woche. Diese zusätzliche Tätigkeit endet mit dem Ausgang des Semesters. Ich bin berufene Hochschullehrerin an der Universität Potsdam— das hat Priorität.
PUZ: Noch spielt die Universität Potsdam in der Wissenschaftslandschaft der BRD nicht die Rolle, die wir uns alle wünschen. Gerade in letzter Zeit werden in der Presse Defizite in den Forschungsleistungen kritisiert. Welchen Beitrag kann Ihr Bereich leisten, zu deren Abbau beizutragen?
Prof. Horn: Hier ist sicher eine Vorbemerkung notwendig. Ich sehe Forschung und Lehre als eine Einheit an. An einigen Universitäten in den westlichen Bundesländern wird die Forschung absolut favorisiert. Die Lehre ist pflichtgemäßes Beiwerk. Unser„Hauptprodukt“ an den Universitäten sind aber die Studenten. Wir müssen sie so ausbilden, daß sie in Deutschland und im zukünftigen vereinten Europa bestehen können. Man möge auch bedenken, — das trifft auf alle Universitäten
in den östlichen Bundesländern zu—, daß die Bindungen an ehemalige Industriepartner durch den Rückgang bzw. Zusammenbruch der Wirtschaft verloren gingen. Die Forschung muß neu profiliert und zusammen mit dem Aufbau der Universität entwickelt werden. Forschungsprojekte und Veröffentlichungen müssen eine größere Rolle an der Universität Potsdam spielen. Zu meiner eigenen Forschung: Nennen möchte ich hier vier größere Vorhaben. Erstens: STONE(a Structured and OpeN Enviroment)— ein Rahmensystem für die Installation und Konfiguration von Softwareentwicklungsumgebungen, bestimmt für den Einsatz in der Lehre. Zweitens: ESF(EUREKA Software Factory). Das Projekt verfolgt das Ziel, theoretische Grundlagen, Standards, Methoden und Mittel für die Verbesserung der SoftwareProduktion in Europa zu schaffen. Hier wirken Forschungseinrichtungen und führende europäische Softwareentwicklungsinstitutionen und-unternehmen mit. Drittens: Das Eisenbahnprojekt. Es dient der Erprobung von Ergebnissen und Methoden- und der Mittelentwicklung. Es stellt ein Problemmedium realer Komplexität dar. Basis ist eine digital gesteuerte Modelleisenbahn. Das Projekt wird u. a. im Rahmen der Lehrveranstaltung Softwarepraktik zusammen mit Studenten bearbeitet. Viertens: Ein Kooperationsvertrag mit Siemens/Nixdorf München zu rechnergestützten objektorientierten Softwareentwicklung.
Übrigens: Wir wollen 1995 eine Konferenz an der Universität Potsdam durchführen. Dabei wollen wir unser Profil der „Verwaltungsinformatik‘“ vorstellen.
Herzlichen Dank für das Gespräch. Für die PUZ fragte Petra Görlich.