WISSENSCHAFT/FORSCHUNG
Nr. 19/93— Seite 7
„Identitäten in der Gutsherrschaftsgesellschaft 1550-1850“
Das von der Volkswagen-Stiftung bewilligte Forschungsprojekt, an dem vier Mitarbeiter beteiligt sind, greift ein traditionelles agrarhistorisches Thema (Gutsherrschaftsgeschichte östlich der Elbe) unter gänzlich
— neuen Aspekten auf. Mit der
Frage nach„Identitäten in der Gutsherrschaftsgesellschaft“ wird ein moderner sozialhistorischer Erklärungsansatz gewählt, der helfen soll, mindestens drei Arten von Verzerrungen zu überwinden, die im Historikergepäck immer wieder mitgeführt wurden: teils die bislang dominierenden rein wirtschaftshistorischen und verfassungsrechtlichen Zugangsweisen zum Thema, teils die übliche Reduktion der Geschichte ostelbischer Großgüter auf Herrschaftsgeschichte(als sei für die Geschichte der Gutsherrschaft das Selbstverstädnis der Untertanen ohne Belang), teils auch die das Thema stets bedrängenden politisch vorgeprägten Sichtweisen(reaktionäres bzw. edles Junkertum, heimtückische Untertanen bzw. klassenkämpferische Bauern usw.). Das Forschungsprojekt will die Wahrnehmungs- und Verarbeitungsweisen in der ganzen sozialen Bandbreite der Gutsherrschaftsgesellschaften ins Auge fassen. Besonders aber interessieren die Selbstsicht, die Emp
findung für das Übereinstimmen des einzelnen mit seinem Umfeld und die historisch-lebensweltlich geprägte Eigenart des Individuums im Sozialgebilde Gutsherrschaft.
Zu dieser Perspektive gehören z. B. Fragen nach Konfliktverarbeitungsfähigkeit, Akzeptanzbereichen und Resistenzpotentialen, nach Volkskulturen, Geschlechterrollen und Sozialisationsvorgängen, nach Normen für Anerkennung, Ehre und Vorbildlichkeit, nach Eigensinnigkeit, Widerständigkeit und Einfügsamkeit. Solche Felder historischer Identitäts- und Individuationsforschung sind weder zureichend besetzt noch aus dem einschlägigen archivalischen Bestand in hinreichender Dichte erarbeitet worden. Das hängt mit traditionellen Sichtweisen, mit der Sprödigkeit des Quellenbefundes, aber auch damit zusammen, daß diese Themen, gemessen an„klaren Fakten“, unter Historikern oft als zu„wolkig“ gelten. Ob allerdings eine„handfeste“ Graphik oder Tabelle über eine gegebene Sozialstruktur(in der der Mensch als statistische Einheit nur vorausgesetzt wird, als wahrnehmend-handelnder Mensch aber verschwindet) historische Lebenswirklichkeit und Realität überhaupt„besser“ einzufangen vermag, scheint
zumindest fraglich. Nach dem historisch-anthropologischen Konzept des Forschungsprojekts ist eine Gutsherrschaftsgeschichte ohne Menschen(mit ihrem je eigenen Selbstverständnis) nicht vorstellbar. Die identitätsstiftenden Formen von Selbstwahrnehmung im Ssozialen Spannungsbereich zwischen Unter-, Mittel- und Herrschaftsschichten kann und muß auch für die Gutsherrschaftsregionen als geschichtsmächtige Größe verstanden werden. Die Erfahrung des eigenen Selbst durch Bauern, Kossäten und Landarmut, durch Bewohner kleiner adelsabhängiger Ackerbürgerstädte, durch Handwerker, Knechte, Mägde und Tagelöhner im einzelnen zu erforschen, ist unverzichtbar für die Bestimmung der Sozialordnung der Gutsherrschaft(und ihrer möglicherweise bis in die Gegenwart hineinreichenden Wirkungsmächtigkeit).
Zu den Methoden und Verfahrensweisen der Projektmitarbeiter gehört vor allem die intensive Bearbeitung von Gutsarchiven mit entsprechender Überlieferung seit dem 16. Jahrhundert(insbes. Gerichtsakten und Selbstzeugnisse verschiedener Art), um jene Identitäten zu beschreiben, die die Gutsherrschaftsgesellschaft hervorbrachte und die umgekehrt die
Südosteuropakontakte: DER BALKAN- ein dynamischer Raum
Vom 24. bis 29. November 1993 hatte ich die Möglichkeit (Dank den Mitarbeitern beim DAAD), nach Blagoewgrad/ Bulgarien zu fliegen, um auf der Basis des Vertrages zwischen der Süd-West-Universität Blagoewgrad und der Universität Potsam eine Vereinbarung über bilaterale Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Geographie und Geoökologie abzuschließen. Diese beinhaltet unter anderem den Austausch von Lehr
kräften, Doktoranden und Studenten, die gegenseitige Unterstützung bei der Durchführung von Praktika und Exkursionen, den Austausch von„Know how“.
Es wird angestrebt, die Zusammenarbeit im Rahmen der„Balkan Educational-Scientific Association for New Technologies, Management and Ecology“ zu erweitern und gemeinsame Projekte zu bearbeiten. Neben dem Abschluß der bila
teralen Vereinbarung konnte ich mich mit der Süd-West-Universität, der Ingenieur-Pädagogischen Fakultät, den dortigen Arbeitsbedingungen sowie den strukturellen, finanziellen und personellen Problemen bei einer„Erneuerung von innen“ vertrautmachen, wobei deutlich wurde, daß der Balkan nicht nur politisch und militärisch ein „dynamischer Raum“ ist. Dr. Karsten Grunewald FB Geographie
se langfristig geprägt haben. Die Projektmitarbeiter werden mit der notwendigen mentalitätshistorischen Sensibilisierung ihre Quellen„gegen den Strich“ zu lesen und die Aussagen„zwischen den Zeilen‘ und „Jenseits“ der Texte zu entschlüsseln haben.
Zu den Voraussetzungen für die Solidität des zu erwartenden Forschungsergebnisses gehören die notwendigen sachlichen und regionalen Kontextualisierungen: Die Einbindung in die wirtschafts- und rechtshistorische Verfaßtheit der Untersuchungsräume, ebenso auch der Vergleich mit ähnlichen Verhältnissen in ostmittel- und osteuropäischen Gutsherrschaftsgesellschaften sowie mit ganz anders strukturierten ländlichen Gesellschaften, vornehmlich westlich der Elbe. Insofern verlangt das Projekt eine„Europäisierung“ des Blicks und den Aufbau entsprechender Kooperationsbeziehungen nach Ost und West. Die Stütze auf und die Zusammenarbeit mit der Max-Planck-Arbeitsgruppe „Ostelbische Gutsherrschaft als sozialhistorisches Phänomen“
an der Universität Potsdam wird für die Mitarbeiter des Projekts nützlich sein.
Jan Peters
Der Fachbereich Psychologie, Abteilung Sozialpsychologie, lädt ein:
zum Gastvortrag von Prof. Klaus Fiedler(Universität Heidelberg).
Er spricht zum Thema: Etwas Wahrheit über die Lüge.
Alle Interessenten sind zu der am Freitag, dem 14. 1. 1994, von 9.15 bis 10.45 Uhr(Am Neuen Palais, Haus 12, Raum 134) stattfindenden Veranstaltung eingeladen.