Heft 
(1.1.2019) 19
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WISSENSCHAFT/FORSCHUNG

Nr. 19/93 Seite 7

Identitäten in der Gutsherrschaftsgesellschaft 1550-1850

Das von der Volkswagen-Stif­tung bewilligte Forschungspro­jekt, an dem vier Mitarbeiter be­teiligt sind, greift ein traditio­nelles agrarhistorisches Thema (Gutsherrschaftsgeschichte öst­lich der Elbe) unter gänzlich

neuen Aspekten auf. Mit der

Frage nachIdentitäten in der Gutsherrschaftsgesellschaft wird ein moderner sozialhistori­scher Erklärungsansatz ge­wählt, der helfen soll, minde­stens drei Arten von Verzerrun­gen zu überwinden, die im Hi­storikergepäck immer wieder mitgeführt wurden: teils die bis­lang dominierenden rein wirt­schaftshistorischen und verfas­sungsrechtlichen Zugangswei­sen zum Thema, teils die übli­che Reduktion der Geschichte ostelbischer Großgüter auf Herrschaftsgeschichte(als sei für die Geschichte der Gutsherr­schaft das Selbstverstädnis der Untertanen ohne Belang), teils auch die das Thema stets be­drängenden politisch vorge­prägten Sichtweisen(reaktionä­res bzw. edles Junkertum, heim­tückische Untertanen bzw. klas­senkämpferische Bauern usw.). Das Forschungsprojekt will die Wahrnehmungs- und Verarbei­tungsweisen in der ganzen so­zialen Bandbreite der Gutsherr­schaftsgesellschaften ins Auge fassen. Besonders aber interes­sieren die Selbstsicht, die Emp­

findung für das Übereinstim­men des einzelnen mit seinem Umfeld und die historisch-le­bensweltlich geprägte Eigenart des Individuums im Sozialge­bilde Gutsherrschaft.

Zu dieser Perspektive gehören z. B. Fragen nach Konfliktver­arbeitungsfähigkeit, Akzep­tanzbereichen und Resistenzpo­tentialen, nach Volkskulturen, Geschlechterrollen und Soziali­sationsvorgängen, nach Nor­men für Anerkennung, Ehre und Vorbildlichkeit, nach Ei­gensinnigkeit, Widerständigkeit und Einfügsamkeit. Solche Fel­der historischer Identitäts- und Individuationsforschung sind weder zureichend besetzt noch aus dem einschlägigen archiva­lischen Bestand in hinreichen­der Dichte erarbeitet worden. Das hängt mit traditionellen Sichtweisen, mit der Sprödig­keit des Quellenbefundes, aber auch damit zusammen, daß die­se Themen, gemessen ankla­ren Fakten, unter Historikern oft als zuwolkig gelten. Ob allerdings einehandfeste Graphik oder Tabelle über eine gegebene Sozialstruktur(in der der Mensch als statistische Ein­heit nur vorausgesetzt wird, als wahrnehmend-handelnder Mensch aber verschwindet) hi­storische Lebenswirklichkeit und Realität überhauptbesser einzufangen vermag, scheint

zumindest fraglich. Nach dem historisch-anthropologischen Konzept des Forschungspro­jekts ist eine Gutsherrschaftsge­schichte ohne Menschen(mit ihrem je eigenen Selbstver­ständnis) nicht vorstellbar. Die identitätsstiftenden Formen von Selbstwahrnehmung im Ssozia­len Spannungsbereich zwischen Unter-, Mittel- und Herrschafts­schichten kann und muß auch für die Gutsherrschaftsregionen als geschichtsmächtige Größe verstanden werden. Die Erfah­rung des eigenen Selbst durch Bauern, Kossäten und Land­armut, durch Bewohner kleiner adelsabhängiger Ackerbürger­städte, durch Handwerker, Knechte, Mägde und Tagelöh­ner im einzelnen zu erforschen, ist unverzichtbar für die Be­stimmung der Sozialordnung der Gutsherrschaft(und ihrer möglicherweise bis in die Ge­genwart hineinreichenden Wir­kungsmächtigkeit).

Zu den Methoden und Verfah­rensweisen der Projektmitarbei­ter gehört vor allem die intensi­ve Bearbeitung von Gutsarchi­ven mit entsprechender Über­lieferung seit dem 16. Jahrhun­dert(insbes. Gerichtsakten und Selbstzeugnisse verschiedener Art), um jene Identitäten zu be­schreiben, die die Gutsherr­schaftsgesellschaft hervor­brachte und die umgekehrt die­

Südosteuropakontakte: DER BALKAN- ein dynamischer Raum

Vom 24. bis 29. November 1993 hatte ich die Möglichkeit (Dank den Mitarbeitern beim DAAD), nach Blagoewgrad/ Bulgarien zu fliegen, um auf der Basis des Vertrages zwischen der Süd-West-Universität Blagoewgrad und der Universi­tät Potsam eine Vereinbarung über bilaterale Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Geographie und Geoökologie abzuschlie­ßen. Diese beinhaltet unter an­derem den Austausch von Lehr­

kräften, Doktoranden und Stu­denten, die gegenseitige Unter­stützung bei der Durchführung von Praktika und Exkursionen, den Austausch vonKnow how.

Es wird angestrebt, die Zusam­menarbeit im Rahmen derBal­kan Educational-Scientific As­sociation for New Technolo­gies, Management and Ecolo­gy zu erweitern und gemeinsa­me Projekte zu bearbeiten. Neben dem Abschluß der bila­

teralen Vereinbarung konnte ich mich mit der Süd-West-Uni­versität, der Ingenieur-Pädago­gischen Fakultät, den dortigen Arbeitsbedingungen sowie den strukturellen, finanziellen und personellen Problemen bei ei­nerErneuerung von innen vertrautmachen, wobei deutlich wurde, daß der Balkan nicht nur politisch und militärisch ein dynamischer Raum ist. Dr. Karsten Grunewald FB Geographie

se langfristig geprägt haben. Die Projektmitarbeiter werden mit der notwendigen mentali­tätshistorischen Sensibilisie­rung ihre Quellengegen den Strich zu lesen und die Aussa­genzwischen den Zeilen und Jenseits der Texte zu ent­schlüsseln haben.

Zu den Voraussetzungen für die Solidität des zu erwartenden Forschungsergebnisses gehören die notwendigen sachlichen und regionalen Kontextualisie­rungen: Die Einbindung in die wirtschafts- und rechtshistori­sche Verfaßtheit der Untersu­chungsräume, ebenso auch der Vergleich mit ähnlichen Ver­hältnissen in ostmittel- und ost­europäischen Gutsherrschafts­gesellschaften sowie mit ganz anders strukturierten ländlichen Gesellschaften, vornehmlich westlich der Elbe. Insofern ver­langt das Projekt eineEuropäi­sierung des Blicks und den Aufbau entsprechender Koope­rationsbeziehungen nach Ost und West. Die Stütze auf und die Zusammenarbeit mit der Max-Planck-Arbeitsgruppe Ostelbische Gutsherrschaft als sozialhistorisches Phänomen

an der Universität Potsdam wird für die Mitarbeiter des Projekts nützlich sein.

Jan Peters

Der Fachbereich Psychologie, Abteilung Sozialpsychologie, lädt ein:

zum Gastvortrag von Prof. Klaus Fiedler(Universität Heidelberg).

Er spricht zum Thema: Etwas Wahrheit über die Lüge.

Alle Interessenten sind zu der am Freitag, dem 14. 1. 1994, von 9.15 bis 10.45 Uhr(Am Neuen Palais, Haus 12, Raum 134) stattfindenden Veranstal­tung eingeladen.