Nr. 19/93— Seite 8
FORSCHUNG
Nichtlineare Dynamik trägt zur Erkennung von Hoch-RisikoPatienten für einen plötzlichen Herztod bei
Von seiten der Universität Potsdam ist an diesem Projekt die Max-Planck-Arbeitsgruppe „Nichtlineare Dynamik“ beteiligt. Die Gruppe wird von Dr. habil. Hans-Jürgen Kurths geleitet.
Foto: Rüffert
Dem plötzlichen Herztod, der durch finales Kammerflimmern herbeigeführt wird, erliegen in Deutschland jährlich nahezu
| 100 000 Menschen. Ohne Vor
warnung kann dieser sogar bei
] bis dahin offenbar gesunden
bzw. medizinisch unauffälligen
‚| Personen auftreten. Bisher wer
den nur 30% aller Betroffenen vorher als Risikopatienten diagnostiziert.
Der plötzliche Herztod zählt zu den dynamischen Krankheiten. Diese zeichnen sich dadurch aus, daß Gesunde ein nichtstationäres Verhalten aufweisen, weil sie in der Lage sind, äußere Störeinflüsse auszugleichen. Im Sprachgebrauch der nichtlinearen Dynamik heißt das: Gesunde sind chaosfähig. Deshalb ist die_Herzfrequenzvariabilität,
die man aus EKG-Messungen erhält, auch für Gesunde durch eine komplexe(anpassungsfähige) Dynamik charakterisiert. Folglich ist die Erkennung von Risikopatienten aus EKGs ein nicht-triviales Problem.
Dieser Herausforderung hat sich ein interdisziplinäres Team, in dem theoretische Physiker und Mathematiker von der MaxPlanck-Arbeitsgruppe„Nichtlineare Dynamik“ an der Universität Potsdam, Bioinformatiker (Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin) sowie Kardiologen(FU Berlin; FranzVolhard-Klinik, Berlin-Buch) zusammenwirken, gestellt. Unter Ausnutzung neuartiger Verfahren, wie sie in der Chaosforschung entwickelt werden— insbesondere sei eine renormali
sierte Entropie hervorgehoben— ist so ein Instrumentarium entstanden, das eine überraschend wirkungsvolle Klassifikation in Gesunde und in Patienten mit hohem Risiko auf der Grundlage von EKGs ermöglicht.
Die ersten Resultate, die mit dieser Methodik in einer Pilotstudie erzielt wurden(Analyse der EKGs von ca. 90 Personen), wurden gemeinsam von den beteiligten Theoretikern der Universität Potsdam sowie Bioinformatikern und Kardiologen aus Berlin-Buch am 14. 12. 1993 in Potsdam vorgestellt. Die Ergebnisse fanden bereits nachhaltige internationale Resonanz(u. a. Sonderpreis auf dem 20. Internationalen Kongreß für Elektrokardiologie in Kanada).
Effiziente Nutzung moderner Methoden der Informationsbeschaffung und Wissensvermittlung
Seit Oktober 1992 wird an den Universitäten Saarbrücken und Potsdam ein vom Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft gefördertes Modellvorhaben, WINGS(Wissenstransfer und Informationstechnologien in den Geistes- und Sozialwissenschaften) realisiert.
Das Projekt versucht eine mögliche Antwort zu geben auf die Fragen, wie die Aufgaben der Gegenwart mit den Traditionen der Vergangenheit in diesen Wissenschaftsdisziplinen zu verbinden sind, wie Stärken des Ausbildungskonzeptes klassischer Prägung in eine sich verändernde Bildungslandschaft integriert werden können und entwickelt dazu Lehrmodule, die in erster Linie versuchen, den Arbeitsablauf wissenschaftlicher Tätigkeit und universitären Lernens abzubilden.
Wir haben festgestellt, daß viele
Studierende, und nicht nur sie, an alltäglichen Arbeitsaufgaben scheitern, weil sie nicht über die angemessenen Arbeitstechniken verfügen oder sie nur unzureichend beherrschen. Unsere Aufgabe sehen wir darin, den Studierenden zu veranschaulichen, daß es einen engen Zusammenhang gibt zwischen zu lösender Aufgabe, Medium und Arbeitsstil. Erfahrungen in der täglichen Lehrpraxis zeigen, daß diese Einsicht weit weniger verbreitet ist als man annehmen möchte. Neuere Forschungsarbeiten bestätigen diese Erkenntnis.
Zwei Beispiele sollen das verdeutlichen: Für eine Vorlesungsmitschrift sind Papier und Bleistift immer noch die angemessenen Medien. Ähnliches gilt für das Erarbeiten erster konzeptioneller Entwürfe. Die Ausarbeitung von Vorlesungen oder Konzepten könnte dage
gen viel effektiver durch den Einsatz eines Textverarbeitungssystems erfolgen.
Auch bibliographiert wird immer noch nach den herkömmlichen Methoden, indem man über Kataloge, Lexika und Standardwerke Literaturangaben ermittelt. Dabei stellen die neuen Möglichkeiten der Informationstechnik— wie schneller Zugriff auf große Datenmengen in Bibliothekskatalogen und anderen thematischen Datenbanken, die Gewinnung neuer Erkenntnisse durch die Verknüpfung von Informationen, um nur einige zu nennen— ein wesentliches Erkenntnismittel und Arbeitsinstrument für fast alle Fächer dar.
Auch für Geistes- und Sozialwissenschaftler sind neue Arbeitsmethoden und Denkweisen gefragt. WINGS hat sich zum Ziel gestellt, mit der Erarbeitung und Erprobung neuer
Lehrmethoden eine Einheit von informationstechnischer Ausbildung und fachspezifischen Methoden und Inhalten herzustellen. Dazu zählen das Vorstellen von Möglichkeiten der gezielten Auswahl und Verarbeitung von Informationen, das Bewerten der selektierten Informationen, das Erkennen komplexer fächerübergreifender Funktionszusammenhänge bis hin zur effizienten Gestaltung von wissenschaftlichen Arbeiten mit Hilfe des PC am Arbeitsplatz oder in einem der Pools an der Universität.
Themen, die wir zur Zeit bearbeiten, sind z. B.: Bibliographieren, Aufbau einer eigenen Literatur- oder Terminologiedatenbank, Exzerpieren mit dem PC, Idea-Processing und Gliederung, Vorlesungsmitschrift aufarbeiten, effiziente Textproduktion für wissenschaftliche Arbeiten(Referate, Thesenpa