Nr. 19/93— Seite 10
„Wo Riesen gerufen werden, melden
sich keine Zwerge.
Nur rufen muß man sie unermüdlich—- bis sie kommen.“
S. Grabner las an der Universität
Da stand eine Frau am Rednerpult, der man zuhören und mit Genuß folgen konnte. Viel zu selten ist das geworden, auf welchen Veranstaltungen auch immer.
Sigrid Grabner las im Rahmen der von Prof. Kiesant und Dr. Salzwedel initiierten Ringvorlesung„Kulturwissenschaften/ Kulturmanagement“. Ziel dieser Veranstaltung ist es, fächerübergreifend kulturwissenschaftliche Fragestellungen zu behandeln. Wichtig ist den Organisatoren, die Zusammenarbeit mit außeruniversitären Institutionen zu beleben. So können die Zuhörer Referenten unterschiedlicher Couleur erleben, wie z. B. Politiker, Wissenschaftler, Archiv- oder Museumsfachleute usw. Diesmal stellte sich dem interessierten Publikum die sicherlich vielen bekannte Potsdamer Schriftstellerin. Ihr Thema:„Potsdam— eine europäische Kulturstadt?‘“ Um es vorwegzunehmen, sie bejahte die Frage. Daß diese Aussage jedoch sehr widersprüchlich ist, wurde von ihr im folgenden durch einen Exkurs zu Geschichte und Gegenwart der Stadt herausgearbeitet. Leitfaden dabei waren zehn Thesen, die sie während der Europäischen Kulturkonferenz im September 1993 entwickelt hatte. Bemerkenswert die an den Anfang gestellte Beobachtung mit Blick auf ähnliche Situationen und Interessenlagen anderer osteuropäischer Kulturstädte: „Der absolute Bruch in Traditionen und Lebensweisen, den die Bürger Oosteuropäischer Städte schon zum zweiten Mal seit Ende des Zweiten Weltkrieges erleben, ist für Westeuropäer nur ahnbar, aber auch dann nicht nachvollziehbar, wenn sie die verwahrlosten und verfalle
nen Städte des Ostens mit eigenen Augen sehen.“
Kultureller Wertezerfall und -krise, Neu- und Umorientierung für jeden einzelnen, die Suche nach neuer und alter Identität, vor allem auch in den kulturellen Traditionen, all dies sei in Potsdam auch ein Problem, das regionale wie europäische Dimension besitze.
Dem Rückzug in die märkischprovinzielle Idylle erteilte die
Die Gastreferentin S. Grabner Foto: Tribukeit Autorin in ihrer Rede eine entschiedene Abfuhr. Das Spannungsfeld von Grenzen und Chancen einer europäischen Kulturstadt Potsdam abzustecken, war ein Anliegen der Vorlesung. Die Rednerin konzentrierte sich besonders auf Fragestellungen, die die gewaltsame Abtrennung von einer organisch und trotzdem widersprüchlich verlaufenen kulturellen und geistigen Vergangenheit und das„zerstörte historische Gedächtnis der Bürger“, demographische Strukturveränderungen und die daraus resultierende Identitätskrise, aber auch sehr handfeste wirtschaftliche Bedingungen für das kulturelle Wollen und Sein betrafen.
Vom Zuhörer dankend aufgenommen war sicher die Fähigkeit der Vortragenden, differenzierte und sensible Wertungen ebenso anzubieten wie Vorstellungen zur Notwendigkeit des Aufbrechens verkrusteter kultureller Strukturen. Nicht nur Beobachten und Beschreiben war die Profession der Akteurin auf dem Podium. Vielmehr bestand der Vorzug gerade dieser Vorlesung darin, am Beispiel der spezifisch Potsdamer Interessen, vor allem auch gegenüber Berlin, eigene kulturelle Ansprüche zu formulieren.
Daß die gedankliche Auseinandersetzung nicht selten den Magistrat traf, ist sicher-nicht den „Vorurteilen“ S. Grabners geschuldet, sondern u. a. den konkreten Erfahrungen während ihrer Tätigkeit in Vorbereitung der 1000-Jahr-Feier der Landeshauptstadt. Mit Recht formulierte die Literatin in ihrer letzten These:„Damit Potsdam wieder den Rang einer europäischen Kulturstadt einnehmen kann, bedarf es nicht in erster Linie einer von seiten der Politik hochsubventionierten Kultur. Notwendig ist vielmehr ein vorurteilsfreier Geist der Regierenden, eine Bestandsaufnahme und Weiterführung gewachsener Traditionen, auch aus der DDR-Zeit, und die Förderung kultureller Aktivitäten von unten. Wo eine lebendige Stadtszene existiert, stellt sich die Verbindung zur Welt von selbst her.‘
Das Plädoyer der engagierten „Kulturpolitikerin“ galt der einvernehmlichen Vernunft, der Stadt Potsdam eine kulturelle Zukunft zu bieten, die sich in das Bild des europäischen Sternenkreises einordnet.
Petra Görlich
GASTVORTRAG
Gedanken zu I.
I
SONNE;
Das Zeichen des Glücks an der Wiege—
Stark überbelichtet.
Die Eltern sind nicht immer die HEIMSTATT für ihre Kinder.
Auch im Schatten leben MENSCHEN.
N
Endlich anerkannt
STOLZ
Der Lorbeerkranz KAMERADSCHAFT
WIR— der Gegensatz zu den
ANDEREN ZUSAMMENHALT Der Strudel zieht alle in die Tiefe
HI Der Schlund gähnt bedrohlich überlegen. Er frist alles, was gestrauchelt ist. Verdaut dich, bis du DEUTSCHER bist. Da streckt sich dir hilfesuchend eine Hand entgegen.
SCHAU NICHT WEG, MENSCH- GREIF ZU!
Jens Schumacher, Dezember 1993
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Die Ausgabe 1/94 der Universitäts‘ zeitung erscheint am 17. Januar 1994.
Redaktionsschluß: 4. 1. 1994 DB