Heft 
(1.1.2019) 19
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Nr. 19/93 Seite 10

Wo Riesen gerufen werden, melden

sich keine Zwerge.

Nur rufen muß man sie unermüdlich- bis sie kommen.

S. Grabner las an der Universität

Da stand eine Frau am Redner­pult, der man zuhören und mit Genuß folgen konnte. Viel zu selten ist das geworden, auf welchen Veranstaltungen auch immer.

Sigrid Grabner las im Rahmen der von Prof. Kiesant und Dr. Salzwedel initiierten Ringvor­lesungKulturwissenschaften/ Kulturmanagement. Ziel die­ser Veranstaltung ist es, fächer­übergreifend kulturwissen­schaftliche Fragestellungen zu behandeln. Wichtig ist den Or­ganisatoren, die Zusammenar­beit mit außeruniversitären In­stitutionen zu beleben. So kön­nen die Zuhörer Referenten un­terschiedlicher Couleur erleben, wie z. B. Politiker, Wissen­schaftler, Archiv- oder Muse­umsfachleute usw. Diesmal stellte sich dem interessierten Publikum die sicherlich vielen bekannte Potsdamer Schriftstel­lerin. Ihr Thema:Potsdam eine europäische Kulturstadt? Um es vorwegzunehmen, sie bejahte die Frage. Daß diese Aussage jedoch sehr wider­sprüchlich ist, wurde von ihr im folgenden durch einen Exkurs zu Geschichte und Gegenwart der Stadt herausgearbeitet. Leit­faden dabei waren zehn Thesen, die sie während der Europäi­schen Kulturkonferenz im Sep­tember 1993 entwickelt hatte. Bemerkenswert die an den An­fang gestellte Beobachtung mit Blick auf ähnliche Situationen und Interessenlagen anderer osteuropäischer Kulturstädte: Der absolute Bruch in Tradi­tionen und Lebensweisen, den die Bürger Oosteuropäischer Städte schon zum zweiten Mal seit Ende des Zweiten Weltkrie­ges erleben, ist für Westeuro­päer nur ahnbar, aber auch dann nicht nachvollziehbar, wenn sie die verwahrlosten und verfalle­

nen Städte des Ostens mit eige­nen Augen sehen.

Kultureller Wertezerfall und -krise, Neu- und Umorientie­rung für jeden einzelnen, die Suche nach neuer und alter Identität, vor allem auch in den kulturellen Traditionen, all dies sei in Potsdam auch ein Pro­blem, das regionale wie euro­päische Dimension besitze.

Dem Rückzug in die märkisch­provinzielle Idylle erteilte die

Die Gastreferentin S. Grabner Foto: Tribukeit Autorin in ihrer Rede eine ent­schiedene Abfuhr. Das Spannungsfeld von Gren­zen und Chancen einer europäi­schen Kulturstadt Potsdam ab­zustecken, war ein Anliegen der Vorlesung. Die Rednerin konzentrierte sich besonders auf Fragestellungen, die die gewaltsame Abtrennung von einer organisch und trotz­dem widersprüchlich verlaufe­nen kulturellen und geistigen Vergangenheit und daszer­störte historische Gedächtnis der Bürger, demographische Strukturveränderungen und die daraus resultierende Identitäts­krise, aber auch sehr handfeste wirtschaftliche Bedingungen für das kulturelle Wollen und Sein betrafen.

Vom Zuhörer dankend aufge­nommen war sicher die Fähig­keit der Vortragenden, differen­zierte und sensible Wertungen ebenso anzubieten wie Vorstel­lungen zur Notwendigkeit des Aufbrechens verkrusteter kultu­reller Strukturen. Nicht nur Be­obachten und Beschreiben war die Profession der Akteurin auf dem Podium. Vielmehr bestand der Vorzug gerade dieser Vorle­sung darin, am Beispiel der spe­zifisch Potsdamer Interessen, vor allem auch gegenüber Ber­lin, eigene kulturelle Ansprüche zu formulieren.

Daß die gedankliche Auseinan­dersetzung nicht selten den Ma­gistrat traf, ist sicher-nicht den Vorurteilen S. Grabners ge­schuldet, sondern u. a. den kon­kreten Erfahrungen während ih­rer Tätigkeit in Vorbereitung der 1000-Jahr-Feier der Lan­deshauptstadt. Mit Recht for­mulierte die Literatin in ihrer letzten These:Damit Potsdam wieder den Rang einer europäi­schen Kulturstadt einnehmen kann, bedarf es nicht in erster Linie einer von seiten der Poli­tik hochsubventionierten Kul­tur. Notwendig ist vielmehr ein vorurteilsfreier Geist der Regie­renden, eine Bestandsaufnahme und Weiterführung gewachse­ner Traditionen, auch aus der DDR-Zeit, und die Förderung kultureller Aktivitäten von un­ten. Wo eine lebendige Stadt­szene existiert, stellt sich die Verbindung zur Welt von selbst her.

Das Plädoyer der engagierten Kulturpolitikerin galt der ein­vernehmlichen Vernunft, der Stadt Potsdam eine kulturelle Zukunft zu bieten, die sich in das Bild des europäischen Ster­nenkreises einordnet.

Petra Görlich

GASTVORTRAG

Gedanken zu I.

I

SONNE;

Das Zeichen des Glücks an der Wiege

Stark überbelichtet.

Die Eltern sind nicht immer die HEIMSTATT für ihre Kinder.

Auch im Schatten leben MENSCHEN.

N

Endlich anerkannt

STOLZ

Der Lorbeerkranz KAMERADSCHAFT

WIR der Gegensatz zu den

ANDEREN ZUSAMMENHALT Der Strudel zieht alle in die Tiefe

HI Der Schlund gähnt bedrohlich überlegen. Er frist alles, was gestrauchelt ist. Verdaut dich, bis du DEUTSCHER bist. Da streckt sich dir hilfesuchend eine Hand entgegen.

SCHAU NICHT WEG, MENSCH- GREIF ZU!

Jens Schumacher, Dezember 1993

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Die Ausgabe 1/94 der Universitäts­ zeitung erscheint am 17. Januar 1994.

Redaktionsschluß: 4. 1. 1994 DB