VORTRAG
Nr. 19/93— Seite 11
Politik als Kunst des Auswählens und Gestaltens
„Politik aus erster Hand“ ist der Titel einer neuen Vortrags- und Diskussionsreihe, zu der der Rektor der Universität Potsdam und der Lehrstuhl für Politikwissenschaft/Innenpolitik einladen. Geplant sind zwei Veranstaltungen pro Semester.
Der Initiator, Prof. Dr. Wilhelm Bürklin, Lehrstuhlinhaber„Politisches System der Bundesrepublik Deutschland“, erläuterte das Anliegen, indem er auf in Amerika übliche Universitätsreden von Politikern verwies. Universitäten seien der Ort, wo der Wandel gesellschaftlicher Wertorientierungen zuerst sichtbar wird. Um auf die Rolle der Übernahme von Verantwortung vorbereitet zu sein, sollten die Studenten Gelegenheit erhalten, sich mit jenen Personen auseinanderzusetzen, die gegenwärtig an herausragender Stelle in der Gesellschaft stehen.
Es lag nahe, den Ministerpäsidenten des Landes Brandenburg, Dr. Manfred Stolpe, als ersten Referenten und DiskussiOnspartner zu gewinnen. Wenige Tage nach der Brandenburger Kommunalwahl widmete er sich dem Thema „Möglichkeiten und Grenzen der Politik“.
Der Einsatz für eine gerechte Gesellschaft, das Wirken für die Rettung der Umwelt und das Befördern des friedlichen Zusammenlebens der Nationen sind für Manfred Stolpe Grundaufgaben unserer Zeit. Immer wieder betonte er, daß nur kleine Schritte Erfolge bringen und einfache Lösungen nicht zu erwarten sind. Diese Herausforderungen in den gegenwärtigen Umbruchzeiten zwingen zu außergewöhnlichem Denken und ungewöhnlichem Handeln. „Gerade in Bezug auf das nötige besondere Denken und Handeln empfinden die Menschen Defizite.“ Hier würden sie AnSatzpunkte für substantielle Kri
Prof. Dr. Wilhelm Bürklin, Dr.
Manfred Stolpe eröffnete neue Vorlesungsreihe
Manfred Stolpe und Prof. Dr.
Rolf Mitzner auf dem Weg in den Vorlesungsraum(v. I. n. r.)
tik an der Politik erkennen, wie zum Beispiel fehlende Konzepte oder ungenügende Antworten auf die brennenden Fragen unserer Zeit,
Visionen und Programme sind vorhanden, so der Redner, es sei aber die Aufgabe der in diesem Bereich Tätigen, ihnen Gestalt zu geben und die vorhandenen Alternativen in Politik umzusetzen.„Letztlich geht es darum, eine zukunftsfähige, lebensfähige, überlebensfähige Industriegesellschaft zu schaffen, in der es gelingt, die Grundlagen unseres Wohlstandes und unseres Lebens auch für künftige Generationen zu sichern.“
Öffentlich finanzierte Beschäftigungsgesellschaften, ABM sind Angebote, um neue Wege zu gehen.
Der Referent vertrat die Auffassung, daß elitäre Verachtung des Politischen, Haß auf Parteien und Parteilichkeit, Politikferne Gefahren mit sich bringen und als unzeitgemäß zu bezeichnen sind. Er bemerke neben genannten Tendenzen die Bereitschaft Vieler, sich in Parteien, aber auch außerhalb dieser, zu engagieren.
Als Beispiel, undurchschaubare
Foto: Rüffert
Strukturen zu ‚beleuchten‘, nannte er die Mitgliederabstimmung über den Vorsitzenden der SPD und die Vergabe von Listenplätzen an Nicht-SPDMitglieder. Dies seien Ansätze, den Widerspruch zwischen Abstand und Engagement zu lösen. In dem Zusammenhang erinnerte Manfred Stolpe an das in der DDR vorhandene hochgradige Politikinteresse— trotz fehlender Mitwirkungsmöglichkeiten. Daran müsse angeknüpft werden, um oftmals fehlende Auseinandersetzungen zu befördern. Damit Kompromisse gesucht und gefunden werden können, ist die Mitwirkung in eigenen Angelegenheiten gefragt. Objektive Gegebenheiten behindern diese Notwendigkeit. Angesichts der schnellen Systemtransformation, begleitet
von der Entwertung der Lebensleistung, der wirtschaftlichen Ungleichheit, der sozialen Abhängigkeit treten nicht die errungenen Freiheiten, sondern die Ängste in den Vordergrund. Das müsse überwunden werden.
Schwierig sei es ebenfalls, einen Ausweg aus der in den alten Bundesländern gewachsenen politischen Kultur der Parteienkonkurrenz, des Ausstechens und Überbietens zu finden. Einen Beweis des Öffnens für neue Formen der politischen Teilhabe könne in Bürgerinitiativen, Volksinitiativen, Volksbegehren und Volksentscheiden gesehen werden. So wurden in die Brandenburger Verfassung plebiszitäre Elemente aufgenommen. Derartige Formen ermöglichen den Einfluß der Bevölkerung auf parlamentarische- und Regierungsarbeit. Direkt an seine Zuhörer gewandt, sagte der Ministerpräsident:„Ich möchte Mut zur Politik und zur Wahrheit machen. Wir brauchen Sie alle.“
Den zahlreichen, viele Politikfelder streifenden, Fragen der Studierenden konnte man das Interesse entnehmen,„Politik aus‘ erster Hand“ erleben zu wollen.
Mögen in den kommenden Veranstaltungen Politiker und Politikerinnen unterschiedlicher Couleur und Sachgebiete zu Wort kommen.
Der nächste Gast wird übrigens Otto Graf Lambsdorff sein.
Dr. Barbara Eckardt
„Ringvorlesung Kulturwissenschaft und
Kulturmanagement“
Auf Einladung von Prof. Dr. Knut Kiesant und PD Dr. Hartmut Salzwedel sprechen über aktuelle kulturpolitische Entwicklungen
am am
13. 1. 1994 Dr. Regine Hildebrandt 20. 1. 1994 Steffen Reiche
und am 27. 1. 1994 Dr. Hinrich Enderlein. Veranstaltungsort ist der Hörsaal 113 im Haus 11(Nördliches Commun), jeweils Donnerstag von 17.00-18.30 Uhr.