Nr. 19/93— Seite 12
MUSEUM
deutsch-jüdische Geschichte
AUFKLÄREN, GEDENKEN UND ERINNERN
Drei Jahre bleibt den Mitarbeitern des gerade eröffneten Jüdischen Museums in Wien Zeit, um eine Ausstellungskonzeption zu erarbeiten, auszuprobieren und auf ihre Wirkung hin zu analysieren. Begonnen hat man am 18. November mit vier Einzelausstellungen, darunter eine zu jüdischer Geschichte und Kultur in Wien/Oesterreich, betitelt „Hier hat Teitelbaum gewohnt“. Der gleichnamige Katalog enthält einen Aufsatz von Julius H. Schoeps, Professor für
an der Universität Potsdam
und Gründungsdirektor des Jüdischen Museums in Wien, mit Gedanken zur Präsentation jüdischer Geschichte und Kultur in unseren Tagen. Im folgenden veröffentlichen wir
eine gekürzte Fassung.
I.
Außerhalb Israels sind Jüdische Museen mit der Schwierigkeit konfrontiert, daß die von ihnen entwickelten Ausstellungskonzepte sowie die von ihnen_verantwortete Sammlungspolitik sich in der Regel an den regionalen und lokalen Bedürfnissen zu orientieren haben. Der Grund dafür liegt in der Tatsache, daß die Trägerschaft bzw. Verantwortung für diese Museen meist in kommunalen Händen liegt. Diese haben ein verständliches Interesse an der Präsentation lokaler oder regionaler Bezüge, was häufig dazu führt, daß die Interpretation zu Lasten allgemeiner Fragestellungen erfolgt und historisch-Kkritische Deutungen des Phänomens Juden/Judentum im speziellen und in seiner Gesamtheit vernachlässigt werden.
Bei den konzeptionellen Bemühungen kommt man in diesen Museen oft nicht über traditionelle Ansichten hinaus. Geschichte und Religion werden meist noch immer als Einheit begriffen, und die Überzeugung ist nach wie vor verbreitet, ein Jüdisches Museum habe in erster Linie die Aufgabe, Kultgegenstände zu sammeln und auszustellen. Dahinter verbirgt sich eine Vorstel
lung vom Judentum, der es nicht so sehr um historisches Wissen und historische Erkenntnis geht, sondern darum, daß Juden und Judentum nur qua Religion zu definieren sind.
Immerhin scheint sich langsam ein Umdenken abzuzeichnen. Die bedeutenderen Jüdischen Museen fangen zunehmend an, sich historisch-kritischer Methoden zu bedienen, um jüdische Vergangenheit zu rekonstruieren oder Gegenwart in ihrer historischen Determiniertheit begreifbar zu machen. Der modernen Geschichtsauffassung fällt dabei eine Rolle zu, die für Museumsfachleute insofern von Wichtigkeit ist, als neben der identitätsstiftenden Funktion ein Sachverhalt immer deutlicher wird, daß nämlich jüdische Geschichte nicht durch die Vorsehung bestimmt ist, sondern daß sie sich auf derselben Realitätsebene vollzieht, derselben Kausalität unterworfen ist, und sich mit denselben Methoden analysieren läßt wie jede andere Geschichte:
Andererseits wissen wir, daß jüdische Geschichte keine einheitliche Struktur oder klare Entwicklungslinien erkennen läßt. Die historischen Brüche
und Wandlungsprozesse der letzten zwei Jahrhunderte zum Beispiel sind so tiefgreifend, daß es so gut wie unmöglich ist, gegenwärtig noch irgendwie geartete Sinnzusammenhänge herzustellen, die es ermöglichten, jüdische Geschichte als Einheit zu begreifen. Es kommt hinzu, daß die kollektiven Erinnerungen, das jüdische Kollektivgedächtnis also, das in früheren Epochen die Grundlage des Glaubens bildete und die Funktion hatte, den Zusammenhalt der Juden als Gruppe oder Volk zu gewährleisten, sich zunehmend auflösen und sich in einer Vielzahl von Erinnerungen und Individualgedächtnissen zu verlieren beginnen.
Welches Konzept heute ein Jüdisches Museum hat, hängt ganz davon ab, wo es sich befindet und welche Funktion ihm zugedacht wird. In israelischen Museen legt man zweifellos einen stärkeren Wert auf das sinnstiftende Moment, mehr jedenfalls als in den Museen in Europa oder den Vereinigten Staaten. Das Israel Museum in Jerusalem, das sich als ein Nationalmuseum begreift, ist zum Beispiel bemüht, die ganze Bandbreite jüdischer Geschichte und Kultur abzudecken, dabei einen deutlich erkennbaren Schwerpunkt in der jüdischen Vor- und Frühgeschichte setzend. Das hat nicht nur den Zweck, diese Epochen mit archäologischen Funden zu dokumentieren, sondern auch jüdische Nationalität zu formen und identitätsstärkend zu wirken.
N. Das jetzt in Wien eröffnete Jüdische Museum geht aus von
dem Standort Wien, historisch wie gegenwartsbezogen, und setzt kKonzeptionell seine Schwerpunkte im Verhältnis von Juden und Nichtjuden. Damit ist gemeint, das Museum behandelt die Geschichte und Kultur der Juden in Österreich nicht isoliert als eine eigenständige Geschichte und Kultur, sondern ist bemüht, diese als integralen Teil der Wiener beziehungsweise Österreichischen Geschichte und Kultur zu begreifen.
Eine solche Betrachtungsweise bedeutet, daß zum Beispiel der Prozeß der Emanzipation bzw. derjenige der Assimilation im 19. Jahrhundert und im ersten Drittel dieses Jahrhunderts nicht losgelöst von den allgemeinen_Rahmenbedingungen sowie den politischen und gesellschaftlichen Wandlungsprozessen behandelt werden darf. Auch die Museumsarbeit muß versuchen, auf bestimmte Fragen Antworten zu geben: Was hat die Emanzipation innerjüdisch ausgelöst? Gibt es überhaupt noch so etwas wie eine Einzigartigkeit der jüdischen geschichtlichen Erfahrungen? Haben die Juden nicht in dem Moment aufgehört, Juden zu sein, als sie sich an die Umgebungsgesellschaft anzupassen begannen? Hat nicht die österreichische bzw. Wiener Gesellschaft mehr von Juden und Judentum angenommen, als sie es bis zum heutigen Tag wahrhaben will? Diese Fragen stellen sich insbesondere dann, wenn man sich mit der Rolle beschäftigt, die Juden in der Literatur, der Musik, der Bildenden Kunst und der Wissenschaft gespielt haben. Welche Probleme sich in diesem Zusammenhang bei der Umsetzung in eine musea