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Nr. 19/93— Seite 13
le Präsentation stellen, wird deutlich, wenn man zum Bei
_ spiel Leben und Werk von Per
sönlichkeiten wie Theodor Herzl würdigen will. Herzl ist zum einen bekannt
_ lich der Begründer des Zionis
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mus(für die jüdische Welt des
halb heute von großer Bedeu
= tung), gleichzeitig aber auch
ein deutschsprachiger Schrift
um die
steller, der die Wiener Kultur Jahrhundertwende durch seine Feuilletons und seine Bühnenstücke mitgeprägt hat. Eine Herzl-Ausstellung kann nicht umhin, die jüdischen u n d nichtjüdischen Aktivitäten miteinander zu verbinden.
Kein Museum außerhalb Israels, das sich explizit als ein Jüdisches Museum definiert, kann darauf verzichten, Basiswissen und Informationen über Juden und Judentum zu vermitteln. Eine der zentralen Aufgaben des Wiener Jüdischen Museums wird es in Zukunft deshalb sein müssen, die Bandbreite religiösen Lebens in all seinen Facetten und Schattierungen vorzustellen. Zu beachten ist freilich, daß die Ausstellungsobjekte erklärt werden müssen, insbesondere muß gesagt werden, welchem Zweck sie dienen, welche Vorstellungen und welcher Geist sich mit ihnen verbinden.
Ein Aspekt, der künftig sorgfältiger Überlegungen bedarf, ist die Frage, wie mit der Verfolgungsgeschichte bzw. dem Holocaust in einem Jüdischen Museum umgegangen werden soll. Sollen sie fester Bestandteil der Museumsarbeit sein, also unter Umständen sogar Teil einer Dauerausstellung werden? Oder gehört nicht die ganze Thematik in ein allgemeines Historisches Museum, das fast jede größere Stadt besitzt? Zu Recht kann man nämlich argumentieren, daß die
Aufarbeitung dieses Teils der NS-Geschichte zu den originären Aufgaben eines Historischen Stadtmuseums gehört. Andererseits wissen wir, daß dort häufig Berührungsängste existieren, sich der Thematik zu nähern, was dazu führt, daß viele der noch heute uns beunruhigenden Fragen nicht behandelt werden.
Ein Jüdisches Museum wird nicht umhin können, der Opfer
fershelfern ermordert wurden. Aber auch dadurch, daß das Museum sich zum einen der Aufgabe stellt, die Verfolgungsgeschichte bewußt aus der Opferperspektive zu dokumentieren. Zum anderen dadurch, daß das Museum bei der Planung seiner Wechselausstellungen sich regelmäßig der Themen annimmt, die mit der Verfolgung von Minderheiten (neben den Juden zum Beispiel
Setzkasten mit hebräischen Lettern, 2. Hälfte 19. Jh.
des Nazi-Terrors in adäquater Weise zu gedenken. Das kann geschehen durch einen eigenen Gedenk-Raum, dessen Gestaltung sich an dem Konzept des jüngst in Washington eröffneten Holocaust-Museums orientieren könnte, wo in einem Raum zum Beispiel in einem begehbaren Turm die Portraitfotografien von jüdischen Einwohnern einer litauischen Stadt gezeigt werden, von denen fünfundneunzig Prozent von den Nazis und ihren Hel
die Roma, Sinti, Armenier, Homosexuellen u. ä.) zu tun haben.
Hüten muß sich freilich ein Jüdisches Museum davor, daß es nicht die europäisch-jüdische Geschichte ausschließlich auf die Perspektive des NS-Judenmordes verkürzt. Die europäisch-jüdische Geschichte, so traumatisch sie auch sein mag, ist nicht nur eine Topografie des Grauens, sondern hat Tiefen und Höhen, Zeiten des Elends, aber auch das Glanzes.
Zur Aufgabe eines Jüdischen Museums im deutschsprachigen Raum, sei es in Berlin, Frankfurt oder Wien, gehört es deshalb, darauf aufmerksam zu machen, daß das Zusammenleben von Deutschen und Juden bzw. Österreichern und Juden schweren Belastungen und grauenhaften Erfahrungen ausgesetzt war, es aber auch Phasen des fruchtbaren Miteinanders gab, an die zu erinnern Aufgabe und Verpflichtung zugleich ist.
I.
Ein Jüdisches Museum, das von der Öffentlichkeit beachtet werden will, hat sich der jüdischen Realität in Vergangenheit un d Gegenwart zu stellen. Das bedeutet, wenn Ausstellungsprojekte zu historischen Themen realisiert werden, dann sollte auch immer der Gegenwartsbezug berücksichtigt sein.
Das jetzt neu eröffnete Jüdische Museum Wien greift zwar auf jene Museumstraditionen zurück, die mit dem weltweit ersten jüdischen Museum 1896 in Wien begründet wurden, will aber anders als die Vorgängereinrichtung sich nicht allein auf die Präsentation innerjüdischer Kultur und Geschichte beschränken, sondern wird bemüht sein, die Beziehungsgeschichte zwischen Juden; und nicht: jüdischer Umwelt in Österreich und Europa mit ihren Glanz- und Schattenseiten dem Besucher vorzustellen. Der Blick wird dabei über Wien hinaus reichen und einerseits jene die Stadt befruchtenden Einflüsse(etwa durch die aus den östlichen Kronländern Zugewanderten) berücksichtigen, andererseits aber auch die Impulse und Ideen thematisieren, die von Wien aus um die Welt gingen.