Heft 
(1.1.2019) 06
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DISKUSSION

Nr. 6/94 - Seite 5

Im übernächsten Land ist Krieg und keinen stört das

Im folgenden veröffentlichen wir einen zur Diskussion anre­genden Artikel mit Blick auf die Situation im ehemaligen Jugoslawien. In ihm werden z. T. provozierende, nicht im­mer mit dem suggerierten öf­fentlichen Meinungsbild konformgehende Fragen ge­stellt.

Die Ereignisse in dem zerrüt­teten Land überschlagen sich. Täglich ist Neues zu erfahren. Dies sollte den Leser nicht an der Aufnahme des Beitrages hindern, auch wenn die Ak­tualität dieser oder jener Aus­sage bei der Lektüre schon nicht mehr gegeben ist. Zugegeben, die Überschrift scheint nicht zu stimmen; unwi­dersprochen kann man sie nicht lassen.

Dennoch kann man belegen, daß wir uns weitgehend so verhalten, wie es die Überschrift konsta­tiert - vielleicht sogar ganz ge­setzmäßig so verhalten müssen. Natürlich bringen unsere Nach­richtenmedien zur Information und Urteilsbildung der Rezipi­enten seit zwei Jahren monoton und alltäglich einen schauerli­chen Report vom Kriegsschau­platz samt den erreichbaren Nebenschauplätzen wie Hospi­tälern, Marktständen, Spielplät­zen, Gassen und Wohnsied­lungen.

Freilich herrscht gerade in die­sen Tagen fahrig - nervöse Auf­geregtheit, ob man denn nun le­gitimiert sei, strafende Bombar­dements vorzunehmen und ob dies militärisch und politisch et­was bringt.

In welcher Lage aber befindet sich der normale deutsche, durch­aus beteiligte Durchschnitts­bürger? Ich glaube, es ist vor allem Ratlosigkeit, was sein Den­ken und Nicht-Handeln auszeich­net...

Zum einen also weiß der Bürger sehr wohl von sich, daß er em­

pört ist über die grenzenlose Mißachtung der Menschenwür­de, zum anderen neigt er zur Löschung des Konfliktbewußt­seins, denn er kann nichts tun: der Krieg steht jeden Morgen mit dem Blitzen der Granatwer­fer wieder auf und geht jeden Abend im Blutrot der Leichen zur Ruh...

Es existieren positive Aussich­ten, würde man sich engagieren, wenigstens einige der vielen of­fenen, unberührten Fragen, die sich um Jugoslawien ranken, zu diskutieren oder gar zu beant­worten. Es sind dies übrigens allesamt Fragen, die der normale Bürger alle selbst formulieren kann bzw. könnte (falls wir eine solche politische und gesell­schaftliche Kultur hätten, in der solches Fragen gelernt wird). Zumindest darf man hoffen, daß der Leser diese Fragen als ver­blüffend logisch wahmimmt. Also, was sind das für FRAGEN? Zuerst: Woher kommen trotz rechtzeitigen und umfassenden Embargos die Waffen und Tag für Tag die Munition, die ver­schossen wird? Woher kommt die gute Ernährung der Truppen, das Benzin? Wer bezahlt und schickt die vielen fremdnatio­nalen Söldner?

Mit welcher Absicht brach die Weltbank sofort nach dem Zu­sammenbruch des sozialistischen Lagers jede Förderung des jugo­slawischen Modells ab und stürz­te die Union der Republiken nach 40 Jahren solcherBetreuung ins wirtschaftliche Desaster? Hat man im Lande tatsächlich über vier Jahrzehnte eine Serbi- sierung Jugoslawiens zugelassen und im Gefolge ökonomische Disproportionen zementiert?... Warum sind die Schriftsteller (wie die Film-Femseh- und Büh­nenkünstler) des Landes allem Anschein nach ebenfalls ohne Ausnahme dem nationalistischen giftigen Hader verfallen und näh­

ren die Kriegsgedanken statt Hoffnungsträger auf Versöhnung und Frieden zu sein?

Welche Rolle spielten seit 1944 die Lehrer an den kroatischen, serbischen, bosnischen, mazedo­nischen und albanischen Schu­len? Haben sie nur nationalisti­sche Vorurteile, Egoismen und Übermenschenrituale erhalten und kultiviert? Hat das nie einer gemerkt? Was stand in den Lehr­plänen, was in den Schulbü­chern? Welche Gedichte haben die Menschen im Kopf, die sich heute nur noch über Kimme und Kornangucken?

Was sind das für Politiker, die alle 10 Tage einen neuen Waf­fenstillstand verkünden, aber im selben Moment schon wieder die Kanonen umsetzen? Welche Qualifikationen haben sie? Wie lauten ihre Nummemkonten in der Schweiz? Herr Karadzic ist Psychater. Und die anderen? Ist etwa die jugoslawische Völker­familie ursprünglich ebenso fahr­lässig zusammengestellt worden, wie man mit UNO-Mandat 1949 die umhergetriebenen und ge­schundenen Juden in Israel an­siedelte, aber versehentlich ein Territorium erwischte, das schon besiedelt war?

War die überaus eilige Anerken­nung der Kroatischen Republik durch Bundesaußenminister Genscher tatsächlich der kata­strophale Katalysator martia­lischer Zwietrachtprozesse? Wenn man an Ministerpräsident Schröder denkt, der seine nie­dersächsischen U-Boot-Geschäf- te hartnäckig verteidigte und an Bonner Beamte, die Giftgas­projekte für den Irak abstempel­ten, darf man dann fragen, ob wir auch solche Politiker wie Tud- jman und Milosevic haben? Wäre der jugoslawische Brudermord ohne UNPROFOR und Lord Owen längst ausgestanden, weil er ja eine zutiefst innere Angele­genheit ist?

Alles in allem scheinen die Ser­ben extrem kriegslüstern zu sein, das neueReich des Bösen zu verkörpern. Ist tatsächlich die Grausamkeit, die Verbrechens­neigung, die Tötungs,Effek­tivität so unausgewogen? Han­delt es sich eventuell schon la­tent um den Aufbau eines neuen BedrohungsgespenstesOst? Nur weiter hinten, nur eben neu­erdings dieBedrohung durch die Slawen.

Der Vance-Owen-Plan fand die Billigung der Kroaten und Mos­lems, nur die Serben lehnten ab. Friedensfeindlichkeit? Oder soll­ten sie tatsächlich aussichtslos benachteiligt werden bei den Rohstoffvorkommen (Bauxit, Zink, Eisenerz...), den Vermö­genswerten, den Kraftwerken, den Anteilen am Eisenbahn- und Straßennetz?

Sind neuerlich weltweit wirklich die reichen Moslems diejenigen, die den vielleicht sonst erlah­menden Krieg wieder kräftig beleben? Haben sie dabei even­tuell ihre eigenen (iranischen, türkischen, syrischen) Interessen im Auge?

Ist das aufschreckende Blutbad auf dem Marktflecken tatsäch­lich nur gestellt, indem eigene (muslimische) Raketenwerfer schossen und zu den tatsächli­chen Opfern weitere Leichen und sogar Plastikimitationen hinzu­gelegt wurden? Eine tückische Variante des Betrugs mit globa­ler Verbreitung. (Sie haben das Szenario gesehen. War es ein­deutig? Können Sie den Verdacht ausschließen?) Also ein neuer FallGleiwitz? Gut gelernt bei Goebbels und Konsorten?

Sie merken schon:

Fragen über Fragen.

Ob die Medien sie aufgreifen? Und die Politiker?

Aber gewiß Sie!

Dr. Frank Schubert, im Februar 1994