DISKUSSION
Nr. 6/94 - Seite 5
Im übernächsten Land ist Krieg und keinen stört das
Im folgenden veröffentlichen wir einen zur Diskussion anregenden Artikel mit Blick auf die Situation im ehemaligen Jugoslawien. In ihm werden z. T. provozierende, nicht immer mit dem suggerierten öffentlichen Meinungsbild konformgehende Fragen gestellt.
Die Ereignisse in dem zerrütteten Land überschlagen sich. Täglich ist Neues zu erfahren. Dies sollte den Leser nicht an der Aufnahme des Beitrages hindern, auch wenn die Aktualität dieser oder jener Aussage bei der Lektüre schon nicht mehr gegeben ist. Zugegeben, die Überschrift scheint nicht zu stimmen; unwidersprochen kann man sie nicht lassen.
Dennoch kann man belegen, daß wir uns weitgehend so verhalten, wie es die Überschrift konstatiert - vielleicht sogar ganz gesetzmäßig so verhalten müssen. Natürlich bringen unsere Nachrichtenmedien zur Information und Urteilsbildung der Rezipienten seit zwei Jahren monoton und alltäglich einen schauerlichen Report vom Kriegsschauplatz samt den erreichbaren Nebenschauplätzen wie Hospitälern, Marktständen, Spielplätzen, Gassen und Wohnsiedlungen.
Freilich herrscht gerade in diesen Tagen fahrig - nervöse Aufgeregtheit, ob man denn nun legitimiert sei, strafende Bombardements vorzunehmen und ob dies militärisch und politisch etwas bringt.
In welcher Lage aber befindet sich der normale deutsche, durchaus beteiligte Durchschnittsbürger? Ich glaube, es ist vor allem Ratlosigkeit, was sein Denken und Nicht-Handeln auszeichnet...
Zum einen also weiß der Bürger sehr wohl von sich, daß er em
pört ist über die grenzenlose Mißachtung der Menschenwürde, zum anderen neigt er zur Löschung des Konfliktbewußtseins, denn er kann nichts tun: der Krieg steht jeden Morgen mit dem Blitzen der Granatwerfer wieder auf und geht jeden Abend im Blutrot der Leichen „zur Ruh“...
Es existieren positive Aussichten, würde man sich engagieren, wenigstens einige der vielen offenen, unberührten Fragen, die sich um Jugoslawien ranken, zu diskutieren oder gar zu beantworten. Es sind dies übrigens allesamt Fragen, die der normale Bürger alle selbst formulieren kann bzw. könnte (falls wir eine solche politische und gesellschaftliche Kultur hätten, in der solches Fragen gelernt wird). Zumindest darf man hoffen, daß der Leser diese Fragen als verblüffend logisch wahmimmt. Also, was sind das für FRAGEN? Zuerst: Woher kommen trotz rechtzeitigen und umfassenden Embargos die Waffen und Tag für Tag die Munition, die verschossen wird? Woher kommt die gute Ernährung der Truppen, das Benzin? Wer bezahlt und schickt die vielen fremdnationalen Söldner?
Mit welcher Absicht brach die Weltbank sofort nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Lagers jede Förderung des jugoslawischen Modells ab und stürzte die Union der Republiken nach 40 Jahren solcher „Betreuung“ ins wirtschaftliche Desaster? Hat man im Lande tatsächlich über vier Jahrzehnte eine Serbi- sierung Jugoslawiens zugelassen und im Gefolge ökonomische Disproportionen zementiert?... Warum sind die Schriftsteller (wie die Film-Femseh- und Bühnenkünstler) des Landes allem Anschein nach ebenfalls ohne Ausnahme dem nationalistischen giftigen Hader verfallen und näh
ren die Kriegsgedanken statt Hoffnungsträger auf Versöhnung und Frieden zu sein?
Welche Rolle spielten seit 1944 die Lehrer an den kroatischen, serbischen, bosnischen, mazedonischen und albanischen Schulen? Haben sie nur nationalistische Vorurteile, Egoismen und Übermenschenrituale erhalten und kultiviert? Hat das nie einer gemerkt? Was stand in den Lehrplänen, was in den Schulbüchern? Welche Gedichte haben die Menschen im Kopf, die sich heute nur noch über Kimme und Korn „angucken“?
Was sind das für Politiker, die alle 10 Tage einen neuen Waffenstillstand verkünden, aber im selben Moment schon wieder die Kanonen umsetzen? Welche Qualifikationen haben sie? Wie lauten ihre Nummemkonten in der Schweiz? Herr Karadzic ist Psychater. Und die anderen? Ist etwa die jugoslawische Völkerfamilie ursprünglich ebenso fahrlässig zusammengestellt worden, wie man mit UNO-Mandat 1949 die umhergetriebenen und geschundenen Juden in Israel ansiedelte, aber versehentlich ein Territorium erwischte, das schon besiedelt war?
War die überaus eilige Anerkennung der Kroatischen Republik durch Bundesaußenminister Genscher tatsächlich der katastrophale Katalysator martialischer Zwietrachtprozesse? Wenn man an Ministerpräsident Schröder denkt, der seine niedersächsischen U-Boot-Geschäf- te hartnäckig verteidigte und an Bonner Beamte, die Giftgasprojekte für den Irak abstempelten, darf man dann fragen, ob wir auch solche Politiker wie Tud- jman und Milosevic haben? Wäre der jugoslawische Brudermord ohne UNPROFOR und Lord Owen längst ausgestanden, weil er ja eine zutiefst innere Angelegenheit ist?
Alles in allem scheinen die Serben extrem kriegslüstern zu sein, das neue „Reich des Bösen“ zu verkörpern. Ist tatsächlich die Grausamkeit, die Verbrechensneigung, die Tötungs,Effektivität“ so unausgewogen? Handelt es sich eventuell schon latent um den Aufbau eines neuen Bedrohungsgespenstes „Ost“? Nur weiter hinten, nur eben neuerdings die „Bedrohung durch die Slawen“.
Der Vance-Owen-Plan fand die Billigung der Kroaten und Moslems, nur die Serben lehnten ab. Friedensfeindlichkeit? Oder sollten sie tatsächlich aussichtslos benachteiligt werden bei den Rohstoffvorkommen (Bauxit, Zink, Eisenerz...), den Vermögenswerten, den Kraftwerken, den Anteilen am Eisenbahn- und Straßennetz?
Sind neuerlich weltweit wirklich die reichen Moslems diejenigen, die den vielleicht sonst erlahmenden Krieg wieder kräftig beleben? Haben sie dabei eventuell ihre eigenen (iranischen, türkischen, syrischen) Interessen im Auge?
Ist das aufschreckende Blutbad auf dem Marktflecken tatsächlich nur gestellt, indem eigene (muslimische) Raketenwerfer schossen und zu den tatsächlichen Opfern weitere Leichen und sogar Plastikimitationen hinzugelegt wurden? Eine tückische Variante des Betrugs mit globaler Verbreitung. (Sie haben das Szenario gesehen. War es eindeutig? Können Sie den Verdacht ausschließen?) Also ein neuer Fall „Gleiwitz“? Gut gelernt bei Goebbels und Konsorten?
Sie merken schon:
Fragen über Fragen.
Ob die Medien sie aufgreifen? Und die Politiker?
Aber gewiß Sie!
Dr. Frank Schubert, im Februar 1994