Heft 
(1.1.2019) 06
Einzelbild herunterladen

Nr. 6/94 - Seite 4

WISSENSCHAFT

Zu Gast an der Universität

Ende Januar diesen Jahres weilte Professor Klimontovic zu einem Arbeitsbesuch an der Universität Potsdam. Sein Interes­se galt den Forschungen der Max-Planck-ArbeitsgruppeNicht­lineare Dynamik (hier im Gespräch mit deren Leiter, Dr. habil. Jürgen Kurths). Während seines Aufenthaltes sprach der Phy­siker auch im Rahmen des Einstein Forums zum ThemaEin­stein and Bohr Revisited: The Statistical Foundations of Schrödinger's Equation. Fotos: Rüffert

Professor Klimotovic, wie sind Sie dazu gekommen, auf dem Gebiet der Theoretischen Phy­sik zu forschen?

Ich habe zunächst zwei Jahre Ingenieurwissenschaften stu­diert, merkte dabei aber, daß mein Interesse für die Grundlagen­wissenschaften stärker war. Mit erheblichen Schwierigkeiten ge­lang mir dann der Wechsel von der Ingenieurschule zur Lomo­nossow Universität. Nach dem Studium habe ich mich mit dem Problem der Reibung in dissipativen Systemen befaßt. In meiner Diplomarbeit hatte ich unter der Anleitung von Prof. Fursow eine neue Theorie dazu entwickelt.

Nach dem Diplom kam ich zu meinem langjährigen Lehrer und Förderer, Prof. Bogoljubov, ei­nem herausragenden Mathema­tiker. Bei ihm belegte ich Vorle­sungen und Seminare zur Theo­rie statistischer Systeme und wurde sein Doktorand. In mei­ner Doktorarbeit entwickelte ich eine neue Theorie zur Kinetik von Plasmen. Sie stellte eine Er­weiterung der bekannten Vlasov- Theorie dar. Vlasov gehörte üb­rigens zu den Gutachtern meiner Arbeit und sprach sich gegen meine Theorie aus, doch er wur­de überstimmt.

Einige Jahre arbeitete ich dann als Lehrer, bevor ich endgültig an die Lomonossow Universität kam. Dort erhielt ich auch eine Professur.

Seit wann interessieren Sie sich für das Gebiet der offenen Sy­steme?

Relativ schnell erkannte ich bei meinen Forschungsarbeiten, daß nur wenig Erkenntnisse zu Plas­men vorliegen, die sich nicht im Gleichgewicht befinden. Solche Systeme werden auch offene Systeme genannt. Das ist seit den sechziger Jahren mein Haupt­forschungsgegenstand. Eine er­ste Beschreibung derartiger Plas­men, die zugleich die typischen in der Natur sind (z. B. in Ster­

nen), habe ich 1967 in einem bei Pergamon Press erschienenen Buch vorgelegt. Weitere Unter­suchungen in diese Richtung schlossen sich an, beispielswei­se zu nichtidealen Plasmen und Gasen (nichtideale Systeme). Ich wandte mich dann dem neu aufkommenden Gebiet der La­ser zu, da ich hier meine Theorie unmittelbar anwenden und er­weitern konnte. Zu Ringlasem habe ich eine statistische Theo­rie entwickelt, die auf der Unter­suchung elektromagnetischer Prozesse basiert. Diese Überle­gungen fügten sich ein in neu entstehende Gebiete wie Sy­nergetik oder nichtlineare Dyna­mik. Aus dieser Sicht kann man die Gegenstände aller meiner Untersuchungen auch als offene Systeme bezeichnen.

Jetzt befasse ich mich mit einer neuen Grundlegung - der Hy­drodynamik. Es geht um eine Beschreibung turbulenter Zu­stände, wie wir sie an vielen Stel­len unserer Umwelt beobachten (z.B. Wetter und Klima­geschehen). Die übliche Darstel­lung der Hydrodynamik reicht nicht aus. Ich versuche nun, ei­nen neuen Mechanismus, die sogenannte Selbstdiffusion, in die Hydrodynamik einzubringen.

Die russische Wissenschaft ist bekannt für ihre hervorragen­den Schulen. Was halten Sie von solchen Schulen?

Wissenschaftliche Schulen be­deuten für mich ein ganz wesent­liches Element aktiver und er­folgreicher Forschung. In Ruß­land gibt es sehr berühmte Schu­len, auch in anderen Ländern trifft man sie, vielleicht nicht so zahl­reich.

Unterscheiden muß man aller­dings zwei Typen von Schulen: In der einen dominiert ein her- ausragender Lehrer, während die Schüler dem Niveau nicht gewachsen sind (z.B. die Mos­kauer Schule des Physikers Lew Landau). Die andere Form, die ich übrigens für demokratischer und effizienter halte, vereint ei­nen herausragenden Lehrer mit herausragenden Schülern, die geduldet und gefördert werden. Dafür steht die Schule des No­belpreisträgers IgorPrigogine in Brüssel. Eine solche Schule för­dert die Selbständigkeit und Kreativität der Schüler, was für die Menschen und die Wissen­schaft wohl die interessantere Variante darstellt. Meine Bemü­hungen in Moskau richteten sich auf den Aufbau einer Schule letz­teren Typs.

Welche Aussichten sehen Sie für Ihre Disziplin und die Wis­senschaft allgemein?

Meine langjährigen Forschungen - ich bin 68 Jahre - erlauben mir die Einschätzung, daß es bei den offenen Sy Sternen eine Reihe von grundlegenden ungelösten Pro­blemen gibt. Die Lösung der Fra­gen verlangt eine gute Zusam­menarbeit zwischen Forschem unterschiedlicher wissenschaft­licher Herkunft. Unverzichtbar ist die Zusammenarbeit von Ma­thematikern, Physikern und Computerspezialisten. Im Allein­gang lassen sich die komplexen Probleme nicht lösen.

Lassen sie mich noch einen Aspekt anführen, der auch für die Universität Potsdam wichtig ist. Eine produktive Wissenschaft setzt gute Studenten voraus! Das wiederum bedeutet, eine attrak­tive Universität zu haben, eine sehr gute Lehre anzubieten, die durchaus Elemente der Anwen­dung enthalten sollte. Erst auf dieser Grundlage wird man auch eine Forschung auf hohem Ni­veau betreiben können.

(Mit Professor Jurij Klimon­tovic sprachen Dr. habil. Jür­gen Kurths und Regine Der- dack)

ärnrntm

Jurij Klimontovic ist Professor für Theoretische Physik an der Lomonossow Universität Mos­kau. Seine Hauptforschungen richten sich aufKomplexe Systeme fernab vom Gleich­gewicht. Die wissenschaftli­chen Ergebnisse der Arbeit von Professor Klimontovic sind in mehreren Büchern veröffent­licht; zwei erschienen bei Per­gamon Press.