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WISSENSCHAFT
Zu Gast an der Universität
Ende Januar diesen Jahres weilte Professor Klimontovic zu einem Arbeitsbesuch an der Universität Potsdam. Sein Interesse galt den Forschungen der Max-Planck-Arbeitsgruppe „Nichtlineare Dynamik“ (hier im Gespräch mit deren Leiter, Dr. habil. Jürgen Kurths). Während seines Aufenthaltes sprach der Physiker auch im Rahmen des Einstein Forums zum Thema „Einstein and Bohr Revisited: The Statistical Foundations of Schrödinger's Equation“. Fotos: Rüffert
Professor Klimotovic, wie sind Sie dazu gekommen, auf dem Gebiet der Theoretischen Physik zu forschen?
Ich habe zunächst zwei Jahre Ingenieurwissenschaften studiert, merkte dabei aber, daß mein Interesse für die Grundlagenwissenschaften stärker war. Mit erheblichen Schwierigkeiten gelang mir dann der Wechsel von der Ingenieurschule zur Lomonossow Universität. Nach dem Studium habe ich mich mit dem Problem der Reibung in dissipativen Systemen befaßt. In meiner Diplomarbeit hatte ich unter der Anleitung von Prof. Fursow eine neue Theorie dazu entwickelt.
Nach dem Diplom kam ich zu meinem langjährigen Lehrer und Förderer, Prof. Bogoljubov, einem herausragenden Mathematiker. Bei ihm belegte ich Vorlesungen und Seminare zur Theorie statistischer Systeme und wurde sein Doktorand. In meiner Doktorarbeit entwickelte ich eine neue Theorie zur Kinetik von Plasmen. Sie stellte eine Erweiterung der bekannten Vlasov- Theorie dar. Vlasov gehörte übrigens zu den Gutachtern meiner Arbeit und sprach sich gegen meine Theorie aus, doch er wurde überstimmt.
Einige Jahre arbeitete ich dann als Lehrer, bevor ich endgültig an die Lomonossow Universität kam. Dort erhielt ich auch eine Professur.
Seit wann interessieren Sie sich für das Gebiet der offenen Systeme?
Relativ schnell erkannte ich bei meinen Forschungsarbeiten, daß nur wenig Erkenntnisse zu Plasmen vorliegen, die sich nicht im Gleichgewicht befinden. Solche Systeme werden auch offene Systeme genannt. Das ist seit den sechziger Jahren mein Hauptforschungsgegenstand. Eine erste Beschreibung derartiger Plasmen, die zugleich die typischen in der Natur sind (z. B. in Ster
nen), habe ich 1967 in einem bei Pergamon Press erschienenen Buch vorgelegt. Weitere Untersuchungen in diese Richtung schlossen sich an, beispielsweise zu nichtidealen Plasmen und Gasen (nichtideale Systeme). Ich wandte mich dann dem neu aufkommenden Gebiet der Laser zu, da ich hier meine Theorie unmittelbar anwenden und erweitern konnte. Zu Ringlasem habe ich eine statistische Theorie entwickelt, die auf der Untersuchung elektromagnetischer Prozesse basiert. Diese Überlegungen fügten sich ein in neu entstehende Gebiete wie Synergetik oder nichtlineare Dynamik. Aus dieser Sicht kann man die Gegenstände aller meiner Untersuchungen auch als offene Systeme bezeichnen.
Jetzt befasse ich mich mit einer neuen Grundlegung - der Hydrodynamik. Es geht um eine Beschreibung turbulenter Zustände, wie wir sie an vielen Stellen unserer Umwelt beobachten (z.B. Wetter und Klimageschehen). Die übliche Darstellung der Hydrodynamik reicht nicht aus. Ich versuche nun, einen neuen Mechanismus, die sogenannte Selbstdiffusion, in die Hydrodynamik einzubringen.
Die russische Wissenschaft ist bekannt für ihre hervorragenden Schulen. Was halten Sie von solchen Schulen?
Wissenschaftliche Schulen bedeuten für mich ein ganz wesentliches Element aktiver und erfolgreicher Forschung. In Rußland gibt es sehr berühmte Schulen, auch in anderen Ländern trifft man sie, vielleicht nicht so zahlreich.
Unterscheiden muß man allerdings zwei Typen von Schulen: In der einen dominiert ein her- ausragender Lehrer, während die Schüler dem Niveau nicht gewachsen sind (z.B. die Moskauer Schule des Physikers Lew Landau). Die andere Form, die ich übrigens für demokratischer und effizienter halte, vereint einen herausragenden Lehrer mit herausragenden Schülern, die geduldet und gefördert werden. Dafür steht die Schule des Nobelpreisträgers IgorPrigogine in Brüssel. Eine solche Schule fördert die Selbständigkeit und Kreativität der Schüler, was für die Menschen und die Wissenschaft wohl die interessantere Variante darstellt. Meine Bemühungen in Moskau richteten sich auf den Aufbau einer Schule letzteren Typs.
Welche Aussichten sehen Sie für Ihre Disziplin und die Wissenschaft allgemein?
Meine langjährigen Forschungen - ich bin 68 Jahre - erlauben mir die Einschätzung, daß es bei den offenen Sy Sternen eine Reihe von grundlegenden ungelösten Problemen gibt. Die Lösung der Fragen verlangt eine gute Zusammenarbeit zwischen Forschem unterschiedlicher wissenschaftlicher Herkunft. Unverzichtbar ist die Zusammenarbeit von Mathematikern, Physikern und Computerspezialisten. Im Alleingang lassen sich die komplexen Probleme nicht lösen.
Lassen sie mich noch einen Aspekt anführen, der auch für die Universität Potsdam wichtig ist. Eine produktive Wissenschaft setzt gute Studenten voraus! Das wiederum bedeutet, eine attraktive Universität zu haben, eine sehr gute Lehre anzubieten, die durchaus Elemente der Anwendung enthalten sollte. Erst auf dieser Grundlage wird man auch eine Forschung auf hohem Niveau betreiben können.
(Mit Professor Jurij Klimontovic sprachen Dr. habil. Jürgen Kurths und Regine Der- dack)
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Jurij Klimontovic ist Professor für Theoretische Physik an der Lomonossow Universität Moskau. Seine Hauptforschungen richten sich auf „Komplexe Systeme fernab vom Gleichgewicht“. Die wissenschaftlichen Ergebnisse der Arbeit von Professor Klimontovic sind in mehreren Büchern veröffentlicht; zwei erschienen bei Pergamon Press.