Heft 
(1.1.2019) 06
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ERASMUS

Nr. 6/94 - Seite 9

ERASMUS MOBILITÄTSPROGRAMM FÜR STUDENTEN ODER EUROKRATISCHER DRAHTSEILAKT FÜR ÜBERLASTETE HOCHSCHULLEHRER

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] wort, mit dem so mancher Stu­dent den Sesamberg des Aus­landsstudiums in der Hoffnung öffnen möchte, die nötigen fi­nanziellen Mittel darin vorzu­finden. Doch was sich hinter dem Wort verbirgt, garantiert nicht die Erfüllung aller Aus­landswünsche, sondern wird ganz profanMobilitätszulage genannt. Trotzdem rückt mit Hilfe von ERASMUS das Auslandsstudium in greifbare Nähe.

Erasmus von Rotterdam, der diesem Programm mit seinem Namen Pate gestanden hat, war im modernen Sprachgebrauch ein Europäer. Studium in den Niederlanden, Promotion in Turin, Griechischlehrer in Cambridge. Das sind nur einige Lebensstationen, die selbst ei­nen Studenten im freizügigen und modernen Europa vor Neid erblassen lassen. Und den Titel seines WerkesLob der Torheit entleihen wir uns ganz respektlos, um damit die Torheiten moderner Bürokratie im Universitätsbereich an den mittelalterlichen Pranger zu stellen.

Was die Europäische Gemein­schaft 1987 unter der Bezeich­nung ERASMUS aus der Taufe hob, heißt mit vollem Namen European Community Action Scheme for the Mobility of University Students und hat außer seinem voluminösen Na­men auch noch einen gehörigen eurokratisehen Rucksack mit­zuschleppen. Mithin wurde es von einigen Skeptikern alsbald zu Grabe getragen. Doch be­kanntermaßen ist Totgesagten ein langes Leben beschieden, und wir erfreuen uns derzeit be­reits an ERASMUS II. Heute studieren ca. 15.000 deutsche Studenten und Studentinnen bis zu einem Jahr mit EU-Geldem

an einer europäischen Universi­tät. 1987 waren es ganze 650. Und da wir gerade bei der Stati­stik sind, hier noch ein paar Zahlen:

Bundesdeutsche Hochschulen sind an 2200 sogenannten HKPs (Hochschulkooperations­programmen) beteiligt und wer­den 1993/94 ca. 16.000 auslän­dische Studenten aufnehmen. Die meisten Stipendiaten sind Studierende der Betriebswirt­schaftslehre sowie Ingenieur- und Sprachstudenten. (Übri­gens, für Sprachstudenten gibt es ein Programm mit Namen Lingua, was das gleiche wie ERASMUS und zugleich Aus­druck Brüsseler Logik ist.) Be­züglich der Zielländer sind Großbritannien mit 32% und Frankreich mit 24% am meisten gefragt. Was heute bei so man­chem Studenten die Mobilität hemmt, das Fehlen einer ein­heitlichen Wissenschaftsspra­che nämlich, war für Erasmus von Rotterdam kein Problem. Das Programm wiederum hat sich zum Ziel gestellt, Sprach­barrieren durch Finanzierung von Sprachkursen abzubauen. Das Hauptziel von ERASMUS jedoch sollte sein, Studierenden europäische Erfahrungen zu vermitteln, ohne daß sich die Studienzeiten verlängern. Da­von sind wir allerdings noch ein gutes Stück entfernt. Trotzdem hat das ERASMUS-Programm zahlreiche Vorzüge, die hier noch einmal aufgezählt werden sollen:

1. Studierende erhalten die Möglichkeit zum Auslandsstu­dium.

2. Die EU gewährt eine finanzi­elle Unterstützung, die maximal DM 550,00 für EU-Länder und DM 650,00 für Efta-Länder be­tragen kann.

3. Die Stipendiaten zahlen keine Studiengebühren.

4. Die Anerkennung der Studi­enleistungen an der Heimatuni­versität ist gewährleistet.

5. Die Stipendiaten werden an der Gastuniversität akademisch und kulturell betreut.

Ganz abgesehen von diesen di­rekten Vorteilen für die Studie­renden beweist ERASMUS auch, daß die Annäherung der europäischen Universitätssyste­me möglich ist, oder wie ein Kölner Kollege es ausdrückte: Aber diese Freizügigkeit setzt Großzügigkeit voraus: den fe­sten Willen etwa, kleinliches Aufrechnen von Einzelleistun­gen durch pauschale Regelun­gen über die Gleichwertigkeit von Studienabschnitten in an­ders angelegten Ausbildungssy­stemen zu ersetzen; oder die Be­reitschaft, sich zumindest passi­ve Kenntnisse in möglichst vie­len europäischen Sprachen anzueignen, um die Überlegun­gen des anderen nachvollzie­hen zu können und ihm zu zei­gen, daß man seine Identität achtet.

Daß dieser feste Wille an der Universität Potsdam in vielen Bereichen vorhanden ist, be­weisen die 17 ERASMUS- und Lingua-Programmanträge für das nächste Studienjahr, allen voran die Romanistik.

Für Studierende, die sich für ei­nen Studienplatz interessieren, noch ein paar Tips, wie man es angehen sollte:

1. Im Institut oder im Akademi­schen Auslandsamt nachfragen, welche Programme existieren. Es ist wichtig zu beachten, daß einzelne Hochschullehrer im Rahmen von ERASMUS mit­einander kooperieren.

2. Bei dem jeweiligen Pro­grammkoordinator klären, ob man in das Programm aufge­nommen werden kann;

3. die sprachliche Vorbereitung beginnen;

4. Antrag auf Auslands-Bafög stellen;

5. mit dem Koordinator das Studienprogramm besprechen;

6. mit der Gastuniversität die Unterbringung klären;

7. mit dem Akademischen Aus­landsamt einen Studentenver­trag über die Mobilitätszulage schließen.

8. Viel Spaß im Ausland!!

Auch wenn ERASMUS II 1995 offiziell in seiner jetzigen Form endet, so wird der europäische Gedanke weitergeführt, ab 1997 wahrscheinlich durch SOKRA­TES, von dem allerdings bis­lang noch nicht allzu viel be­kannt ist. Nur soviel ist klar, SOKRATES soll den Bürokrati­schen Programmdschungel ent­rümpeln, ein Vorhaben, zu dem man ihm nur Erfolg wünschen kann. Augenblicklich bleibt also nur zu hoffen, daß der Re­dakteur einer großen Berliner Tageszeitung unrecht hatte, als er unlängst behauptete, mögli­cherweise ist das neue Pro­gramm seinem realen Vorbild sehr nahe, denn Sokrates hätte auch nur wenige seiner Ideen in die Tat umgesetzt.

Übrigens hat ERASMUS 1993 erstmals den Schritt über den großen Teich gewagt und einige USA-Universitäten in den Ver­bund aufgenommen.

Sollten Sie Interesse an ERAS­MUS bekommen haben, so sind Sie herzlich eingeladen, sich bei mir weitere Informationen zu holen.

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Dr. Regina Neum Akademisches Auslandsamt