ERASMUS
Nr. 6/94 - Seite 9
ERASMUS — MOBILITÄTSPROGRAMM FÜR STUDENTEN ODER EUROKRATISCHER DRAHTSEILAKT FÜR ÜBERLASTETE HOCHSCHULLEHRER
j ERASMUS heißt das Zauber-
I
] wort, mit dem so mancher Student den Sesamberg des Auslandsstudiums in der Hoffnung öffnen möchte, die nötigen finanziellen Mittel darin vorzufinden. Doch was sich hinter dem Wort verbirgt, garantiert nicht die Erfüllung aller Auslandswünsche, sondern wird ganz profan „Mobilitätszulage“ genannt. Trotzdem rückt mit Hilfe von ERASMUS das Auslandsstudium in greifbare Nähe.
Erasmus von Rotterdam, der diesem Programm mit seinem Namen Pate gestanden hat, war im modernen Sprachgebrauch ein Europäer. Studium in den Niederlanden, Promotion in Turin, Griechischlehrer in Cambridge. Das sind nur einige Lebensstationen, die selbst einen Studenten im freizügigen und modernen Europa vor Neid erblassen lassen. Und den Titel seines Werkes „Lob der Torheit“ entleihen wir uns ganz respektlos, um damit die Torheiten moderner Bürokratie im Universitätsbereich an den mittelalterlichen Pranger zu stellen.
Was die Europäische Gemeinschaft 1987 unter der Bezeichnung ERASMUS aus der Taufe hob, heißt mit vollem Namen „European Community Action Scheme for the Mobility of University Students“ und hat außer seinem voluminösen Namen auch noch einen gehörigen eurokratisehen Rucksack mitzuschleppen. Mithin wurde es von einigen Skeptikern alsbald zu Grabe getragen. Doch bekanntermaßen ist Totgesagten ein langes Leben beschieden, und wir erfreuen uns derzeit bereits an ERASMUS II. Heute studieren ca. 15.000 deutsche Studenten und Studentinnen bis zu einem Jahr mit EU-Geldem
an einer europäischen Universität. 1987 waren es ganze 650. Und da wir gerade bei der Statistik sind, hier noch ein paar Zahlen:
Bundesdeutsche Hochschulen sind an 2200 sogenannten HKPs (Hochschulkooperationsprogrammen) beteiligt und werden 1993/94 ca. 16.000 ausländische Studenten aufnehmen. Die meisten Stipendiaten sind Studierende der Betriebswirtschaftslehre sowie Ingenieur- und Sprachstudenten. (Übrigens, für Sprachstudenten gibt es ein Programm mit Namen „Lingua“, was das gleiche wie ERASMUS und zugleich Ausdruck Brüsseler Logik ist.) Bezüglich der Zielländer sind Großbritannien mit 32% und Frankreich mit 24% am meisten gefragt. Was heute bei so manchem Studenten die Mobilität hemmt, das Fehlen einer einheitlichen Wissenschaftssprache nämlich, war für Erasmus von Rotterdam kein Problem. Das Programm wiederum hat sich zum Ziel gestellt, Sprachbarrieren durch Finanzierung von Sprachkursen abzubauen. Das Hauptziel von ERASMUS jedoch sollte sein, Studierenden europäische Erfahrungen zu vermitteln, ohne daß sich die Studienzeiten verlängern. Davon sind wir allerdings noch ein gutes Stück entfernt. Trotzdem hat das ERASMUS-Programm zahlreiche Vorzüge, die hier noch einmal aufgezählt werden sollen:
1. Studierende erhalten die Möglichkeit zum Auslandsstudium.
2. Die EU gewährt eine finanzielle Unterstützung, die maximal DM 550,00 für EU-Länder und DM 650,00 für Efta-Länder betragen kann.
3. Die Stipendiaten zahlen keine Studiengebühren.
4. Die Anerkennung der Studienleistungen an der Heimatuniversität ist gewährleistet.
5. Die Stipendiaten werden an der Gastuniversität akademisch und kulturell betreut.
Ganz abgesehen von diesen direkten Vorteilen für die Studierenden beweist ERASMUS auch, daß die Annäherung der europäischen Universitätssysteme möglich ist, oder wie ein Kölner Kollege es ausdrückte: „Aber diese Freizügigkeit setzt Großzügigkeit voraus: den festen Willen etwa, kleinliches Aufrechnen von Einzelleistungen durch pauschale Regelungen über die Gleichwertigkeit von Studienabschnitten in anders angelegten Ausbildungssystemen zu ersetzen; oder die Bereitschaft, sich zumindest passive Kenntnisse in möglichst vielen europäischen Sprachen anzueignen, um die Überlegungen des anderen nachvollziehen zu können und ihm zu zeigen, daß man seine Identität achtet.“
Daß dieser feste Wille an der Universität Potsdam in vielen Bereichen vorhanden ist, beweisen die 17 ERASMUS- und Lingua-Programmanträge für das nächste Studienjahr, allen voran die Romanistik.
Für Studierende, die sich für einen Studienplatz interessieren, noch ein paar Tips, wie man es angehen sollte:
1. Im Institut oder im Akademischen Auslandsamt nachfragen, welche Programme existieren. Es ist wichtig zu beachten, daß einzelne Hochschullehrer im Rahmen von ERASMUS miteinander kooperieren.
2. Bei dem jeweiligen Programmkoordinator klären, ob man in das Programm aufgenommen werden kann;
3. die sprachliche Vorbereitung beginnen;
4. Antrag auf Auslands-Bafög stellen;
5. mit dem Koordinator das Studienprogramm besprechen;
6. mit der Gastuniversität die Unterbringung klären;
7. mit dem Akademischen Auslandsamt einen Studentenvertrag über die Mobilitätszulage schließen.
8. Viel Spaß im Ausland!!
Auch wenn ERASMUS II 1995 offiziell in seiner jetzigen Form endet, so wird der europäische Gedanke weitergeführt, ab 1997 wahrscheinlich durch SOKRATES, von dem allerdings bislang noch nicht allzu viel bekannt ist. Nur soviel ist klar, SOKRATES soll den Bürokratischen Programmdschungel entrümpeln, ein Vorhaben, zu dem man ihm nur Erfolg wünschen kann. Augenblicklich bleibt also nur zu hoffen, daß der Redakteur einer großen Berliner Tageszeitung unrecht hatte, als er unlängst behauptete, möglicherweise ist das neue Programm seinem realen Vorbild sehr nahe, denn Sokrates hätte auch nur wenige seiner Ideen in die Tat umgesetzt.
Übrigens hat ERASMUS 1993 erstmals den Schritt über den großen Teich gewagt und einige USA-Universitäten in den Verbund aufgenommen.
Sollten Sie Interesse an ERASMUS bekommen haben, so sind Sie herzlich eingeladen, sich bei mir weitere Informationen zu holen.
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Dr. Regina Neum Akademisches Auslandsamt