Nr. 6/94 - Seite 8
PRAKTIKUM
Nicht unter der Käseglocke der Universität
Umsetzung des Potsdamer Modells der Lehrerbildung
Das Image des Lehrerberufs ist bekanntermaßen nicht das Beste. Deshalb zielt auch das „Potsdamer Modell der Lehrerbildung“ mit seiner integrierten und stufen- übergreifenden Ausbildung auf die Professionalisierung dieses Berufs und damit auf eine pädagogisch und psychologisch fundierte Befähigung zur Vermittlung von wissenschaftlichen Inhalten und Handlungskompetenzen. Zu den in dieses Konzept eingebundenen berufsfelderschließenden Praktika gehört ein sich an das 1. Semester „Schulpädagogik I“ anschließendes Hospitationspraktikum. Acht Potsdamer Schulen ermöglichen auf diese Weise den Studierenden, Erkenntnisse und Erfahrungen zu sammeln.
Dr. Roswitha Lohwaßer (Bereich Pädagogik) betreute 13 Studierende vierzehn Tage an der Sportbetonten Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe „Friedrich Ludwig Jahn“. Aus diesem Anlaß führten wir mit ihr nachfolgendes Gespräch.
PUZ: Worin besteht die Spezifik dieses Hospitationsprakti- kunis im Vergleich zu den anderen Ausbildungsabschnitten im Bereich Erziehungswissenschaften?
R. L.: Dieses Hospitationspraktikum ist ein wichtiger Bestandteil der Lehrveranstaltungen in den Lehramtsstudiengängen des Potsdamer Modells der Lehrerbildung.
Nach dem ersten Semester gehen die Studierenden an die Schulen, um sich an der Praxis zu orientieren, die eigene Motivationslage zum Lehrerberuf zu prüfen und zu stärken. Ich bin der Meinung, daß eine solche Motivation und Orientierung nicht fernab vom Schulalltag unter der Käseglocke der Universität möglich ist.
In einem Kurs „Schulpädagogik I“, der diesem Praktikum vorausging, wurde durch die gemeinsame Bearbeitung solcher Themen wie Mensch und Erziehung, Institution Schule, Schulleben und
Lehramtsstudenten an Potsdamer Schulen Foto: Martin Reiche
_j
Unterricht, das Praktikum vorbereitet. Dabei wurden die Diskussionen zu den Texten und der Erfahrungsaustausch zum Nachdenken darüber genutzt, wie die konkreten Erscheinungen im Leben der Schule und in der Tätigkeit von Schülern und Lehrern in ihrer gegenseitigen Bedingtheit im Praktikum erfaßt werden können. Eine wichtige Spezifik besteht darin, daß sich die Studierenden neben einer obligatorischen Aufgabe aus verschiedenen Aufgabenfeldem ihren individuellen Schwerpunkt aus wählen können. Damit wird es möglich, daß jeder Studierende im Abschnitt „Schulpädagogik II“ seinen selbstbestimmten Beitrag in die Seminare einbringen kann.
PUZ: Welches sind solche selbstgewählten Aufgaben?
R. L.: An dieser Sportbetonten Gesamtschule untersuchten wir beispielsweise an Hand von Beobachtungen das Verhältnis von Internats- und anderen Schülerinnen, die Freizeitmöglichkeiten und deren Auswirkungen auf das Sozialverhalten im Unterricht, die Beziehungen von Lehrern und Schülern.
Eine weitere Spezifik des Hospitationspraktikums besteht darin, daß eine enge Verbindung zwischen pädagogischen und psychologischen Fragestellungen angestrebt wird. Gleichermaßen
ten. Mit Hilfe von Lehrer- und Schülerbefragungen, Dokumentenanalyse, Teilnahme an Konferenzen, Beobachtungen u. ä. konnten Lebens- und Lehrformen, Lehrerkooperation, Möglichkeiten der Mitbestimmung und Mitgestaltung durch Lehrer, Schüler und Eltern sowie Probleme von Schulbezirk und Schuleinzugsbereich, um nur Weniges zu nennen, untersucht werden. Hinzu kamen solche Aufgabenfelder wie Fördernde, zum Lernen anregende Lehrertätigkeit; Differenzierung des Unterrichts; Soziale Anerkennung durch Mitschüler, Methodische Grund- und Sozialform des Unterrichts sowie Mitbestimmung und Mitgestaltung von Unterricht durch Lernende, Aufmerksamkeitsverhalten, Gedächtnisbesonderheiten. Die Studierenden bekamen Hinweise dafür, wie das Geforderte erfaßt werden kann. Es wurden 14 Tage genutzt, um Einblicke in die einzelnen Aufgabenfelder zu erhalten.
Wie bereits angedeutet, betraf die individuelle Schwerpunktsetzung einen besonders wichtigen Aufgabenteil.
Das Gespräch führte Dr. Barbara Eckardt.
In unserer nächsten Ausgabe veröffentlichen wir Eindrücke Potsdamer Lehramtsstudentinnen nach ihrem Hospitationspraktikum.
wie die Lehrveranstaltungen „Schulpädagogik I und II“ dienen jene zur „Einführung in die Per- sönlichkeits- und differentielle Psychologie I und II“ hauptsächlich der Einführung in das Berufsfeld und der Möglichkeit, Fragestellungen an die Profession von Lehrerinnen und Lehrern zu entwickeln.
PUZ: Jene Studierende aus Ost und West, die Sie im Praktikum betreuten, betonten die Schwierigkeit des Einstellens auf den Lehrerblickwinkel bei der Realisierung ihrer Hospitationsaufgaben. Welche Anforderungen wurden an die Studierenden mit welchem Ziel gestellt?
R. L.: Es gehört zu den Absichten des Potsdamer Modells der Lehrerbildung, bereits am Beginn des Studiums wieder die Schule zu betreten, nunmehr mit den Augen eines Praktikanten. In diesem Praktikum ist deshalb die Aufgabe gestellt, zu beobachten, zu beschreiben und verstehen zu lernen, wie Lehrer und Schüler in ihrer Schule miteinander leben können. Diese Aufgabe war für die Ost- und West-Studierenden gleichermaßen etwas Neues. Vorher kannten sie POS, EOS oder Gymnasien. Die Schulform in der Praktikumsschule stellte für sie etwas Besonderes dar.
Die erste Aufgabe bestand darin, das Porträt der Schule zu erarbei