VORLESUNG
Nr. 8/94 - Seite 7
Deutschland vor den Wahlen: Das Ende des stabilen
Parteiensystems?
Antrittsvorlesung von Prof. Dr. Wilhelm P. Bürklin
Mit dieser Frage eröffnete Prof. Dr. Wilhelm P. Bürklin am 13.4. seine Antrittsvorlesung als Inhaber des Lehrstuhls Innenpolitik/ Politisches System der Bundesrepublik an der Wirtschafts- und Sozial wissenschaftlichen Fakultät.
Dies war bereits die dritte Veranstaltung dieser Art an der Fakultät. Diese „Reihe“ hat sich langsam zu einem Stelldichein der Potsdamer Prominenz entwik- kelt. Neben zahlreichen Specta- bilitäten, Magnifizenzen, Kollegen, Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen und Studierenden der Universität Potsdam konnten der Polizeipräsident Dr. von Schwerin und der Landtagspräsident Dr. Knoblich im voll besetzten großen Hörsaal des Hauses begrüßt werden.
Nach einer pointierten und kenntnisreichen Würdigung des beruflichen Werdegangs und der Person des derzeitigen Dekans durch den Prodekan Prof. Dr. Wagner ging Prof. Bürklin mit seinem Vortrag auf die derzeit aktuellste politikwissenschaftliche Frage nach den Ursachen der „Parteienverdrossenheit“ ein. Das Jahr 1994, das Prof. Bürklin in seinem Ende April erscheinenden Buch über dieses Thema als „Superwahljahr“ bezeichnet, wird zeigen, so die These, daß im politischen System der Bundesrepublik, insbesondere im Parteiensystem grundsätzliche Veränderungen stattgefunden haben. Untersuchungen ergaben ein gestörtes Verhältnis zwischen Wählern und den Parteien. DerGrund dafür liegt nach Ansicht Prof. Bürklins bei den Parteien selbst. In der Wissenschaft spricht man schon längst von einer Legitimitätskrise in den westlichen Demokratien. Das weit verbreitete Unbehagen an den Parteien und die Tatsache, daß sie den Erwartungen der Bürger immer weniger gerecht werden, wird in vielen Umfragen festgestellt.
Um die Frage zu beantworten, wie die etablierten Parteien -
denn diese trifft Parteiverdrossenheit am stärksten - auf diese Herausforderungen reagieren können, muß untersucht werden, aus welcher Motivation heraus Wähler ihre Wahlentscheidung treffen und ob diese sich im Zuge der Modernisierung der Gesellschaft verändert hat.
Prof. Bürklin stellte die These auf, eine der wichtigsten Ursachen für die bisher hohe Stabilität des Parteiensystems ist darin zu sehen, daß viele Wähler nicht wirklich gewählt haben. Sie wurden in der Regel im frühen Erwachsenenalter politisch geprägt durch das Elternhaus und das soziale Umfeld und blieben „ihrer“ Partei treu. Auch wenn in Zwischenwahlzeiten die Verärgerung über die Partei einmal überhandnimmt, werden die gefühlsmäßigen Bindungen an die Partei spätestens in der Endphase des Wahlkampfes wieder verhaltensbestimmend. Das erklärt auch, weshalb in turbulenten Zeiten Wahlprognosen, die in größerem Abstand vor dem Wahltermin erstellt werden, nur mit Vorsicht zu interpretieren sind. Eine weitere Ursache für eine dauerhafte Bindung an eine Partei ist das Zugehörigkeitsgefühl zu einer sozialen Gruppe und die Erfahrung, daß sich eine der bestehenden Parteien als Interessenvertretung dieser Gruppe anbietet.
Aber durch die Entwicklung der Industriegesellschaft sind immer größere Teile der Wählerschaft höher gebildet, stärker politisch interessiert und möchten an der Politik mitwirken. Dadurch sind sie aber auch eher geneigt und befähigt, ihre politische „Prägung“ zu ändern. Im Zuge der Herausbi ldung moderner Gesellschaften lösen sich die alten Sozialmilieus - Arbeiterschaft und selbständiger, kirchengebundener Mittelstand - auf. Die beiden großen Parteien, Union und SPD, haben auf diese Modernisierung mit der Modernisierung ihrer Parteien reagiert.
Prof. Dr. Bürklin während seiner Antrittsvorlesung
Foto: Rüffert
Sie paßten ihre Programmatik an die Erwartungen der modernen Mittelschichten an und wurden zur Volkspartei. Diese Anpassung wurde allerdings in gewisser Weise zur Modemisierungs- falle, da sie den Rückgang der gefühlsmäßigen Parteiidentifikation verstärkte.
Was ist die Konsequenz aus dem Rückgang der stabilen Parteibindungen?
Nach Prof. Bürklin müssen sich die Parteien - sehr zu ihrem Verdruß - darauf einrichten, daß die Wähler bei den Wahlen tatsächlich zwischen den Parteien wählen. Der Trend zur wachsenden Bedeutung der Sachthemen für die Wahlentscheidung, der Trend zur Issuc-Wahl, wird sich fortsetzen.
In diesem Aspekt unterscheiden sich im übrigen die Ostdeutschen kaum von der westdeutschen Wählerschaft. Die Beziehung der Parteien zu ihren Wählern wird geschäftsmäßiger, nutzenorientierter.
Was sind nun die Konsequenzen für die Parteien und das politische System?
Die veränderte Wählerorientierung hat dazu geführt, daß die beiden großen Volksparteien ihre Organisationen für Partizipationswillige, selbst für Nichtmitglieder und Quereinsteiger öffnen. Nun ist es aber äußerst schwierig, die unterschiedlichen Ansprüche der Basis in ein wi
derspruchsfreies und in sich geschlossenes politisches Programm zu bringen. Die Parteien selbst gehen diesem Problem derzeit dadurch aus dem Weg, daß sie die Mitwirkung ausdrücklich auf die lokale Ebene begrenzt sehen wollen. Sie sprechen sich damit für die Einführung plebis- zitärer Elemente unter Beibehaltung des repräsentativen Prinzips aus.
Zum Ende seines sehr komprimierten Vortrages ging Prof. Bürklin noch auf die konkret anstehenden Wahlen und die aktuellen Prognosen über deren Ausgang ein: Die Ausgangslage ist für die CDU seit Monaten unverändert schlecht. Sowohl die langfristigen Parteibindungen als auch die Kandidateneffekte geben der SPD und ihrem Kanzlerkandidaten Scharping einen klaren Vorsprung. Berücksichtigt man darüber hinaus den dramatischen Einbruch in den Zufriedenheitswerten für die Regierung, dann hätte man zu früheren Zeiten auf dieser Grundlage mit einiger Sicherheit einen rot-grünen Sieg vorhergesagt. Prof. Bürklin schränkt allerdings ein, daß diese Sicherheiten heute nicht mehr so eindeutig gegeben sind, denn die Betonung der rationalen Sachentscheidung der Wähler hat zur Konsequenz, daß sich im Zuge eines wirtschaftli-
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