KOLLOQUIUM
Nr. 8/94 - Seite 9
VERSUCHSSCHULEN IN ZEITEN GESELLSCHAFTLICHEN WANDELS
Am 30. März fand das fünfte Kolloquium des Interdisziplinären Zentrums für Lern- und Lehrforschung statt. Als Referent war Prof. Dr. Hanno Schmitt (Historische Pädagogik, Potsdam) eingeladen. Erreferierte zum Thema „Versuchsschulen in Zeiten gesellschaftlichen Wandels“.
In vier historischen Umbruchsphasen beleuchtete H. Schmitt Geschichte und Praxis ausgewählter Versuchsschulen: die Musterschulen der Philanthropen im 18. Jahrhundert, die Rezeption der Pestalozzischen Pädagogik in der Preußischen Reformzeit, die Universitätsübungsschulen der Herbartianer und schließlich die reformpädagogischen Versuchsschulen in der Weimarer Republik als Vorläufer gegenwärtiger Schulversuche. Folgende Fragestellungen standen dabei im Zentrum:
Welche historischen Erscheinungsformen von Versuchsschulen haben sich im Verlauf der schulgeschichtlichen Entwicklung seit der Aufklärung herausgebildet? Worin bestand ihre innovative Wirkung? Welche Erwartungen und Hoffnungen wurden jeweils an ihre Einrichtung geknüpft? Haben Versuchsschulen auf die Weiterentwicklung des Regelschulwesens gewirkt? Welche Bedeutung hatten sie für die Ausbreitung und Verbreitung von pädagogischen Reformideen?
Diese Fragen wurden für die jeweilige historische Epoche exemplarisch an den erziehungsgeschichtlich wichtigsten Versuchsschulen erörtert. Allen Bemühungen um eine Bildungsreform war gemeinsam, daß sie historisch in gesellschaftlichen Umbruchssituationen entstanden sind.
Die Anfänge moderner Schulreform liegen im 18. Jahrhundert. Philanthropen wie J. B. Basedow hatten die Hoffnung, mit nur einereinzigen Musterschule das gesamte Bildungswesen reformieren zu können. Hier sollte sich unter den Augen der aufgeklärten und schulpädagogisch interessierten Öffentlichkeit das Fundament
für eine allgemeine, zeitangemessene neue Schule auf der Grundlage von Vernunft und Erfahrung entwickeln. Die Pädagogik der Philanthropen zielte in Frontstellung gegen die scholastische Schulmethode durch lebensnahe und weltoffene Unterrichtsinhalte auf Aufklärung und Bildung, Gemeinnützigkeit und Selbsttätigkeit.
Die Erfolge der philanthropischen Musterschulen waren aber nur singulär. Die erhoffte umfassende Bildungsreform blieb aus.
Was dem Philanthropismus versagt blieb, beförderte die Ausbreitung der Pädagogik J. H. Pestalozzis in Preußen: Die landesstaatlich initiierte und getragene Bildungsreform war nach der militärischen Niederlage von 1806 gegen Napoleon für den bildungspolitischen Flügel der Reformpartei (Stein, Süvem, Nicolovius, später Humboldt) der konsequente Schritt in Richtung auf eine gesellschaftliche Erneuerung. Die vor allem auch auf Volksbildung ausgerichtete Reform sollte „durch eine radikale Verbesserung des Erziehungswesens die innere Wiedergeburt der Nation“ begründen. Dazu wurden Schulamtskandidaten (Eleven) für ein bis drei Jahre zu Ausbildungszwecken auf Kosten des Preußischen Staates nach Yverdon geschickt, wo sie Pestalozzis Pädagogik praktisch erlernen konnten. Nach ihrer Rückkehr sollten sie vor allem als Multiplikatoren in der Lehrerausbildung wirken und „das bessere Zeitalter innerlich pflanzen“. Die in Pestalozzis Versuchsschule entwickelte Unterrichtsmethodik wurde systematisch und dem Ziel nach flächendeckend (u. a. Neubau zahlreicher Schulen, Einrichtung von Bibliotheken) vom Preußischen Staat eingeführt, um Pestalozzis Pädagogik für den Modemisierungs- prozeß Preußens nutzbar zu machen.
Ein Versuchsschultypus besonderer Prägung ist im Umfeld der akademischen Lehrerausbildung entstanden. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlangten die
durch das pädagogische Universitäts-Seminar und das Didaktische Institut von J. F. Herbart angeregten Universitäts-Übungsschulen der Herbartianer (K. V. Stoy, T. Ziller, W. Rein) in Jena und Leipzig eine schulgeschichtliche Bedeutung. Im Gegensatz zu allen übrigen behandelten Reformströmungen spielten in den Übungsschulen der Herbartianer eine radikalere Schulkritik und grundsätzlichere Reform- alternativen kaum eine Rolle. Im Mittelpunkt des schulpädagogischen Interesses standen vielmehr eine Rationalisierung und Effektivierung von Unterrichtsprozessen sowie eine konsequente Systematisierung derUnterrichts- praxis. Die in Jena und (zeitweise) in Leipzig eingerichteten Übungsschulen der Herbartianer blieben ungeachtet der Forderung nach Einrichtung in allen Universitäten auf die genannten Orte beschränkt. Trotz dieser singulären Sonderstellung hat besonders die Jenaer Übungsschule unter Rein einen wichtigen Beitrag zur Festigung und zur Weiterentwicklung der Pädagogik als Wissenschaft sowie zu einer Verbesserung der praktischen Aus- und Fortbildung von Lehrern geleistet. Bei den ausgebildeten Lehrerstudenten hat sie ein starkes pädagogisches Interesse erzeugt, u. a. auch bei Hermann Lietz, dem Gründer der ersten Landerziehungsheime. Hier zeigt sich nun eine Kontinuität der Reformmotive zur Reformpädagogik im ersten Drittel unseres Jahrhunderts.
Für die Jahre der Weimarer Republik kann man von einer Blüte reformpädagogisch inspirierter Versuchsschulpraxis sprechen. H. Schmitt zeigte an einer von ihm entwickelten Karte die tatsächliche geographische Verbreitung reformpädagogisch arbeitender Schulen: am Ende der Weimarer Republik gab es mindestens 200 Versuchsschulen. Es gab sowohl private als auch öffentliche Versuchsschulen. Sie lagen in ländlich abgelegenen Gebieten und inmitten der Großstädte.
Die Zahl der Weimarer Versuchsschulen wurde in der BRD erst wieder 1965 erreicht. Im Zuge der Bildungsreform der 70er Jahre wurden Schul- und Modellversuche als Steuerungsinstrumente für die Schulreform insgesamt hervorgehoben. Dies entsprach der Anregerfunktion der philanthropischen Versuchsschulen. Historisch neu war nun aber die obligatorische wissenschaftliche Begleitung der Versuche (Verwissenschaftlichung des Reformprozesses).
Die abschließende Diskussion suchte nach den Lehren, die man aus dieser Geschichte der Versuchsschulen ziehen kann und fragte nach den Konsequenzen für das heutige Schulsystem. Viele Motive der historischen Reformbemühungen sind nach wie vor aktuell: kindgemäße und lebensnahe Gestaltung von Unterricht und Schulleben, Befreiung vom Ballast toten Wissens, Selbsttätigkeit, ästhetisch-musische Bildung, Ausbildung von Fähigkeiten statt Stoffhuberei, Wahlkollegien, um nur einige zu nennen. Obwohl bereits einige schul- inteme Veränderungen feststellbar sind und einige Schulen, wie übrigens alle historischen Versuchsschulen, ein eigenes Profil gebildet haben, brennt die umfassende Reformierung des Bildungswesens nach wie vor auf den Nägeln. Hierbei kommt nun der Lehrerbildung eine entscheidende Rolle zu. Gerade das Potsdamer Modell der Lehrerbildung bietet, wenn es nicht Papier bleibt, sondern lebensvolle Praxis wird, in dieser Beziehung vielseitigste Kooperationsmöglichkeiten.
Jörg-W. Link, Institut für Pädagogik
Das nächste Kolloquium findet am 27. April statt zum Thema „Der Einfluß des Unterrichts auf die kognitive Entwicklung im Grundschulalter: Ergebnisse einer Längsschnittstudie“. Referent ist Prof. Dr. Franz E. Weinert vom Max-Planck-Institut für Psychologische Forschung München.