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REZENSION
REZENSION
„Medienkultur - Kulturkonflikt. Massenmedien in der interkulturellen und internationalen Kommunikation“
Ernest W. B. Hess-Lüttich (Hrsg.). Westdeutscher Verlag Opladen 1992
Der Ordinarius für Neuere deut- - Symbolische Politik und Kon- sche Literatur und für Linguistik fliktaustragung in den Medien an der Universität Bern hat - wie (den Machern in die Karten ge- weithin im „neueren“ Buchwe- schaut) und sen üblich - einen Kraftakt voll- - Theoretische Aspekte inter- bracht und als ideelle Heraus- kultureller Translation und Me- geberleistung etwas vorgelegt, dienkulturim Wandel: Rückblick daß man schlicht und einfach und Perspektiven, zum Lesen empfehlen kann. Der Blick, den uns die Autoren In zwei eigenen Beiträgen kann ermöglichen, ist in der Tat inter- man Hess-Lüttich selbst als en- national, denn sie stammen aus gagierten Streiter für die wohl Frankreich, Rußland, Österreich, aussichtsreichste Denk- und Ar- den USA und Deutschland, und beitsweise der Medienwissen- sie beziehen ihre Erfahrungen schäften kennenlemen, indem er aus Großbritannien und Polen in zumindest andeutungsweise vor- die Darlegungen mit ein. macht, daß verschiedene Wis- Im ganzen gesehen ist das Buch senschaften Zusammenwirken weniger interkulturell im Sinne müssen (Linguistik, Soziologie, von Türken in Deutschland, Afri- Kommunikationswissenschaf- kaner aus Suriname in den Nieten, Zeichenwissenschaften, Me- derlanden, sondern widmet sich dienwissenschaften .. .). den knisternden Spannungsfel-
Man mag ja- hier aufgewachsen dem national-regional, Ostdeut-
- denken wie man will über Sam- sche-Westdeutsche, Freunde melbände von Autoren aller Her- von Hrdlicka und solche, die ren Länder, divergenteste Denk- Hrdlicka hassen.
weisen und (vermutlich) gerade- Aus den insgesamt 18 Beiträgen zu gnadenlos unbegrenzte kann ich nur einige herausgrei- Themen wählen; ist aber das gan- fen, will sie aber als Appetits- ze diszipliniert sortiert (dafür happen zu servieren versuchen, steht der Herausgeber) und kon- Hartmut Keil untersuchte per zentriert geschrieben (dafür stan- Zufall um 1988 die Berichterden die Autoren), hat es einfach stattung des US-Femsehens über seine verlegerische Plausibilität deutsche Dinge und geriet gera- nachgewiesen. Seine Lesbarkeit denwegs ins brisante Jahr 1989. ist gut, und die oft sehr eigenwil- Welch ein Stoff! Daß sich der ligen Betrachtungsweisen haben Umfang des dortigen Fernsehens einen beträchtlichen Reiz. Se- über uns verdreifachte ist banal, hen wir einmal davon ab, daß das die Rubriken der Berichterstat- Buch einen irgendwie eigenen tung zu betrachten, lohnt schon Titel haben sollte, was nicht ge- eher. Umfangreichstes, also verengen ist, wäre darüber zu in- mutlich die US-Bürger am mei- formieren, daß der Editor 4 Blök- sten beschäftigendes Teilthema ke anbietet: ist (vor 1989 wie auch in diesem
- Interkulturelle Medienkom- Jahr selbst) die deutsche Ge- munikation(höchsttagesaktuell), schichte der Neuzeit. Das fällt
- Deutsch-deutsche Teilkultu- besonders auf im methodisch
ren: Medienkommunikation im geschickt gewählten Vergleich Wandel (was Wunder?), mit Frankreich. Herr Hitler wur
de häufiger gezeigt als Herr Kohl. Neben anderen Erkenntnissen (Daß auch in diesem untersuch- wird deutlich, daß erstere mehr ten Zeitraum der Sport nur aus klassisch nach dem Pyramiden- Tennis, Becker und Graf besteht muster (Spitzenmeldung—> Fak- und damit Platz 3 belegt, ver- ten—> Unterfakten) aufbauen und merke ich nur marginal, aber RTL im Cluster arbeitet, d.h. für bestimmt so verärgert wie sonst die erwünschte Steigerung der auch jeden Abend.) Unterhaltsamkeit werden die
Ulrike Schneider-Wickel kommt Textsorten aufgebrochen zugun- uns mit dem deftigen Titel „Darf sten vieler verschiedener Textein Radio nach Knoblauch rie- sorten und Textsortenmischun- chen?“ und fesselt uns ganz und gen (der Volksmund würde sa- gar. Eigentlich will sie nur, ge- gen: verhackstückt), und man stützt auf akribische Befragung, ahnt, daß die demzufolge stän- wissen, ob Moderatoren von dig wechselnde Perspektive (die Regionalsendern (Bordeaux, der Anchorman als Dreh- und Bergerac) sich trauen, in Abwei- Angelpunkt mühsam zusammen- chung von der offiziell legiti- zuhalten bemüht ist) den Rezipi- mierten Sprechweise Regiolekt enten in neue Zusammenhänge zu sprechen (Akzent, Patois, stellt. Ob dieses Verfahren des Regionalsprache) oder auch hier Senders die Aufmerksamkeit alles eher einen Hauch von steigert oder der Zuschauer ein Champ Elysees haben muß. Im Häppchen aufnimmt, eines fal- Nachbarland ist das eine ganz len läßt, bleibt offen, große Fragestellung, denn Spra- Österreich beging 1988 den 50. che und ihre Pflege gelten dort Jahrestagseiner Annexion durch noch etwas: Politiker profilieren das deutsche Nazireich. Ein will- sich nicht selten mit Veröffentli- kommener Rahmen für die seit chungen über Literaten, staatli- 10 Jahren im Gerede befindliche che Radios organisieren Wettbe- Schaffung und Aufstellung eiwerbe „Welcher Moderator nes Mahnmals mitten in Wien, spricht das beste Französisch?“, Der beauftragte Künstler, kein der staatliche Fernsehsender geringerer als Alfred Hrdlicka. Antenne 2 sendet jährlich zur Und da sind die ewig Gestrigen, prime time live ein schwieriges Negierungs- und Verdrängungs- Diktat als „Concours d’ ortho- Politiker sofort auf dem Plan. Ihr graphe“, und oft sind populäre Sprachrohr ist die konkurrenz- Literatursendungen im Fernse- los auflagenstärkste österreichi- hen bestens plaziert. sc he „Kronenzeitung“.
Auch ein kurzer Blick in die ganz Florian Menz liefert eine spannormalenmenschlichen Abgrün- nende Analyse der Argumen- de wird ermöglicht; so teilt die tationsstrategie und des Wort- Autorin z. B. mit, daß alle be- Schatzes der Starkolumnisten ab fragten Moderatoren ihr Franzö- und spürt auf, wie sie den für sie sisch bewundern und einhellig selbst unsagbaren Rest in Leser- Fremdsprachen, vor allem Eng- briefseiten „plazieren“. Unglaublich, ablehnen. lieh, informativ-, aber lesen sie
Ulrich Püschel wendet sich dem selbst! Denn sicher finden Sie in heutzutage als Infotainment be- den erwähnten und den weiteren zeichneten Nachrichtengeschäft Artikeln dieses Bandes etwas Le- zu, indem er die Nachrichten- senswertes, vor allem wenn Sie Sendungen eines einzigen Tages von berufswegen mit der mar- einer Textsortenanalyse unter- kanten Zeiterscheinung der zieht und dazu sat 1, ARD, ZDF „quellenden Medienmacht“ in und RTL plus miteinander ver- einer Beziehung stehen, gleicht. Dr. Frank Schubert