Heft 
(1.1.2019) 10
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Nr. 10/94-Seite 4

NACHRUF

In Memoriam

Prof. em. Dr. Wolfgang R. Müller-Stoll *21.4.1909 t16. 4. 1994

Wenige Tage vor seinem 85. Geburtstag verstarb am 16. 4. 1994 Herr Prof. em. Dr. Wolf­gang R. Müller-Stoll.

Die Universität Potsdam und die Mitarbeiter der Biologischen In­stitute der Universität verlieren mit dem Tod von Herrn Müller- Stoll den Nestor der Botanik und Begründer der Biologie an der Universität Potsdam.

Wolfgang R. Müller-Stoll wur­de am 21. 4. 1909 in Karlsruhe als Sohn des späteren Justiz­oberinspektors Richard Müller und seiner Ehefrau Anne Hele­ne, geborene Stoll, geboren. Nach seinem Schulabschluß studierte er von 1928 bis 1933 Naturwis­senschaften an der Technischen Hochschule zu Karlsruhe und an der Universität Heidelberg. 1933 promovierte er zum Dr. phil. nat. an der Naturwissenschaftlich- Mathematischen Fakultät Hei­delberg. Danach war er für kurze Zeit wissenschaftlicher Hilfsar­beiter an den Badischen Landes­sammlungen für Naturkunde zu Karlsruhe (fürPaläobotanik) und 1933/34 planmäßiger Assistent am Botanischen Institut in Gie­ßen. Von 1934-38 war er als außerplanmäßiger Beamter am Staatlichen Weinbauforschungs­institut zu Freiburg i. Br. tätig. Von April bis September 1938 war er Stipendiat der DFG am Botanischen Institut der TH Stutt­gart zwecks Vorbereitung einer Forschungsreise nach Südafrika, die er 1938 bis Mai 1940 durch­führte. Von Mai 1940 bis Au­gust 1944 wurde er in Südafrika zivilintemiert und konnte erst durch Gefangenenaustausch nach Deutschland zurückkehren. Von 1944 bis 1946 hatte er die Stelle des wissenschaftlichen Assistenten im Forstbotanischen Institut Tharandt der TH Dres­den inne. 1946 habilitierte er sich an dieser TH, erhielt die akade­mische Lehrbefähigung für das Fach Botanik und leitete das Forstbotanische Institut und den

Forstbotanischen Garten in Tha­randt. 1947-49 wirkte er als For­schungsbeauftragter desSäch­sischen Ministeriums für Volks­bildung an diesem Institut.

Am 1. 7. 1949 erfolgte seine Berufung als Professor mit vol­lem Lehrauftrag für Botanik an dieBrandenburgische Landes­hochschule zu Potsdam und sei­ne Ernennung zum Direktor des neu gegründetenBotani­schen Instituts und Botanischen Gartens. Mit Wirkung vom 1.10.1951 wurde er zum Profes­sor mit Lehrstuhl für Allgemeine Botanik ernannt.

Mit großem Engagement und Sachverstand hat Herr Müller- Stoll in den 12 Jahren seiner Tä­tigkeit an der Hochschule in Pots­dam den Grundstein für eine fachlich hochqualifizierte Aus­bildung von Diplom-Biologen und Biologie-Lehrern und für

Foto: Tribukeit

eine international anerkannte Forschung gelegt. Zahlreiche Promotionen und Habilitationen gingen unter seiner Leitung her­vor. Obwohl er Direktor des Botanischen Gartens war, hatte er als Fachrichtungsleiter stets das gesamte Fach Biologie im Auge und setzte sich für einen hohen Qualitätsstandard in Leh­re und Forschung ein. Mit großer Energie kämpfte er um Stellen und Sachmittel. In seine Amts­zeit fiel auch die Errichtung des Hörsaal- und Laborgebäudes in der Maulbeerallee. Bei Studen­ten und Mitarbeitern war Mül­ler-Stoll hochgeachtet. Auch über den Hochschulrahmen hinaus war er aktiv und erwarb sich Ansehen und Verdienste. Er war seit März 1952 Mitarbeiter der Deutschen Akademie der Landwirtschaftswissenschaften zu Berlin (Sektion Landeskultur

und Naturschutz) und seit 1953 Leiter der Zweigstelle Potsdam des Institutes für Landes­forschung und Naturschutz Hal­le. Im Juni 1955 wurde er Mit­glied der Sektion Biologie der Klasse für Chemie, Geologie, Biologie der Deutschen Akade­mie der Wissenschaften zu Ber­lin.

Müller-Stolls Wirken an der Hochschule in Potsdam wurde mit dem für Deutschland so schicksalhaften 13. August 1961 ein jähes Ende gesetzt. Er sprach aus, was viele dachten und fühl­ten:Die Mauer zementiert die Spaltung Deutschlands. Sie wird zur politischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Isolati­on eines Teils des deutschen Volkes führen. Solche Äuße­rungen und Standpunkte konn­ten und wollten die damaligen Machthaber und Verantwortli­chen nicht hinnehmen. Schon früher hatte Müller-Stoll wieder­holt eine kritische Einstellung zu vielen politischen Maßnahmen und Entscheidungen. Er setzte sich stets für eine universitäre Ausbildung ein, die er gefährdet sah in der Überführung der Bran- denburgischen Landeshoch­schule in eine Pädagogische Hochschule, diesozialistische Lehrer auszubilden hatte. Unbe­quem war Müller-Stoll auch des­halb, weil er in seinen Vorlesun­gen gegen den dogmatischen, un­wissenschaftlichen Lyssenkois- mus auftrat und eine klassische Genetik gelesen hatte. Nur wer diese Zeit bewußt miterlebte, kann ermessen, welcher Mut dazu gehörte und was es bedeu­tete, in den fünfziger Jahren un­ter der stalinistischen Diktatur öffentlich Stellung gegen solche Irrlehren zu beziehen und anzu­prangern. Wir wissen heute, daß vielen Genetikern in der damali­gen Sowjetunion die Arbeits­möglichkeit entzogen wurde und viele physisch vernichtet wor­den sind.