NACHRUF
Nr. 10/94-Seite 5
Die Äußerungen Müller-Stolls 1961 waren ein willkommener Anlaß, den „Fall Müller-Stoll“ endlich zu „bereinigen“.
So hat der damalige Rektor in der Sitzung des Akademischen Senats am 12. 10. 1961 mitgeteilt, „daß wir Prof. Dr. Müller- Stoll von seiner Lehrtätigkeit und seinen Funktionen als Prorektor, Forschungsleiter und Institutsdirektor beurlaubt haben. Wir bitten den Senat, dieser Beurlaubung zuzustimmen. Der Senat beauftragt den Dekan, der Fakultät diesen Beschluß mitzuteilen und ihn auch in der Fakultät von den genannten Funktionen zu entbinden.“ Das Protokoll ist erhalten geblieben, und es ist beschämend zu lesen: „Der Senat stimmt geschlossen dem Vorschlag zu.“
Die Entscheidung des Senats hat hochschulintem bei vielen Mitarbeitern stillen und z. T. auch lauten Protest hervorgerufen. Außerhalb der Hochschule haben international bekannte Persönlichkeiten mit Empörung reagiert und in Schreiben an Walter Ulbricht protestiert. Alle Proteste halfen nichts. Partei- und staatliche Leitung der Hochschule verstärkten ihre diktatorischen
Maßnahmen: Disziplinarverfahren wurden ausgesprochen, Mitarbeiter gemaßregelt und finanziell bestraft. Müller-Stoll wurde mit einigen seiner Mitarbeiter in eine Abteilung des Instituts für Kulturpflanzenforschung der Akademie der Landwirtschaftswissenschaften abgeschoben. Er konnte zwar einige seiner wissenschaftlichen Arbeiten fortsetzen, doch zunehmend übernahmen seine Mitarbeiter eigene Aufgaben, so daß er schließlich allein blieb.
Mit der Beurlaubung und Abschiebung von Müller-Stoll begann nicht nur für ihn, sondern auch für seine Familie eine verhängnisvolle Tragödie. Ihm fehlte die Arbeit als Hochschullehrer und Forscher. Er war isoliert und vereinsamt. Trotzdem hat er bis zu seinem Tode frühere eigene und von seinen Schülern erarbeitete Ergebnisse in Manuskripten und Publikationen zusammengefaßt. Soweit es sein Gesundheitszustand zuließ, nahm er noch vor einigen Jahren an Symposien und Exkursionen teil. Unmittelbar nach der Wende haben sowohl ehemalige Mitarbeiter als auch akademische Schüler von Müller-Stoll wie
derholt den Wunsch geäußert, seine Rehabilitierung in Gang zu bringen und öffentlich kundzutun, welch großes Unrecht ihm vor mehr als 30 Jahren angetan worden ist. Leider blieb es bei den entscheidenden Gremien nur bei einer halbherzigen Entschul- digungfürdas angetane Unrecht. Erst nach dem Wechsel im Rektorat und in der Leitung des Fachbereichs Biologie wurde endlich eine solche Übereinstimmung innerhalb der Hochschule erreicht, daß am 3. 7. 1991 im Fachbereich Biologie ein Ehrenkolloquium in Würdigung der Verdienste von Herrn Prof. Dr. Müller-Stoll und seine öffentliche Rehabilitierung durch die Brandenburgische Landeshochschule Potsdam stattfinden konnte. Dieses vom Rektor und vom Geschäftsführenden Direktor des Fachbereiches Biologie veranstaltete Ehrenkolloquium hatte eine große Resonanz. Viele akademische Schüler und ehemalige Mitarbeiter sind der Einladung gefolgt. Sowohl die Veranstalter als auch die Teilnehmer der Veranstaltung haben ihre Freude und Genugtuung darüber bekundet, daß Herr Müller-Stoll diesen Tag seiner offiziellen Re
habilitierung im Beisein seiner Familienangehörigen noch erleben konnte. Diese öffentliche Rehabilitierung kurz vor der Gründung der Universität Potsdam war gleichzeitig Ausdruck für die politische Erneuerung unserer Bildungseinrichtung. Trotz aller Genugtuung, die man mit seiner öffentlichen Rehabilitierung empfand, kann ungetrübte Freude nicht aufkommen, denn der persönliche Schaden, den er und seine Familie genommen haben und durchleben mußten, kann nicht wieder gut gemacht werden. Trotzdem wollen wir alle dankbar sein, daß Herr Müller- Stoll diesen Tag noch erleben durfte.
In seinen Arbeiten und in seinen zahlreichen Schülern, die heute im Osten und Westen Deutschlands Professuren und andere Leitungsfunktionen innehaben, hat er sich selbst das schönste Denkmal gesetzt.
Wir ehren in Prof. Dr. Wolfgang R. Müller-Stoll einen wahren Mitbegründer und Emeritus der Universität Potsdam.
Wir gedenken seiner in dankbarer Erinnerung.
Prof. Dr. R. Mitzner Prof. Dr. H. Scheel
ACHTUNG! ACHTUNG! ACHTUNG! ACHTUNG!
Noch einmal die Termine für die Gremienwahlen:
Dienstag, den 21. Juni 1994 Mittwoch, den 22. Juni 1994 Donnerstag, den 23. Juni 1994
-jeweils in der Zeit von 9.00 - 15.00 Uhr -
Wahlorte sind für die
- Juristische Fakultät
- Philosoph. Fakultät I
- Philosoph. Fakultät II
- Math.-Nat. Fakultät
- Wirtsch.-Soz. Fakultät
- Zentralebene
Uni-Komplex III, August-Bebel-Str. 89 Hauptgebäude, Raum 207 Uni-Komplex II, Bereich Golm Haus 13 (Großer Sitzungssaal) Uni-Komplex II, Bereich Golm Haus 13 (Großer Sitzungssaal) Uni-Komplex I, Am Neuen Palais 10 Haus 08, Raum 181 (alte Professorenmensa)
Uni-Komplex III, August-Bebel-Str. 89 Hauptgebäude, Raum 119 Am Neuen Palais 10, Haus 09,
Raum 1.19, (Kleiner Sitzungssaal)
Gemeinsame Kolloquienreihe Universität Potsdam und Forschungsschwerpunkt Europäische Aufklärung der Förderungsgesellschaft Wissenschaftliche Neuvorhaben m.b.H.
Veranstaltungen im Juni/Juli 1994
Donnerstag, 9. Juni Prof. Dr. Otto Dann, Köln Berlin, Leipziger Str. 3/4 Die Nationbildung im Zeichen der Raum 3015 französischen Herausforderung
Donnerstag, 7. Juli
Berlin, Leipziger Str. 3/4 Raum 3015
Dr. Christa Kersting, Berlin Pädagogik vor der Pädagogik der Systeme. Zu Joachim Campes „Allgemeine Revision des gesamten Schul- und Erziehungswesens“ (1785-1792)
Koreferat: Prof. Dr. Hanno Schmitt Potsdam (angefragt)
Montag, 11. Juli
Universität Potsdam 17.00 Uhr, Haus 11 Am Neuen Palais Raum 205
Dr. Reinhard Blänkner, Göttingen Klassenlose Bürgergesellschaft und konstitutionelle Verfassung
Koreferat:
Dr. Hans-Christoph Kraus, FSP