Heft 
(1.1.2019) 10
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NACHRUF

Nr. 10/94-Seite 5

Die Äußerungen Müller-Stolls 1961 waren ein willkommener Anlaß, denFall Müller-Stoll endlich zubereinigen.

So hat der damalige Rektor in der Sitzung des Akademischen Senats am 12. 10. 1961 mitge­teilt,daß wir Prof. Dr. Müller- Stoll von seiner Lehrtätigkeit und seinen Funktionen als Prorektor, Forschungsleiter und Instituts­direktor beurlaubt haben. Wir bitten den Senat, dieser Beurlau­bung zuzustimmen. Der Senat beauftragt den Dekan, der Fa­kultät diesen Beschluß mitzutei­len und ihn auch in der Fakultät von den genannten Funktionen zu entbinden. Das Protokoll ist erhalten geblieben, und es ist be­schämend zu lesen:Der Senat stimmt geschlossen dem Vor­schlag zu.

Die Entscheidung des Senats hat hochschulintem bei vielen Mit­arbeitern stillen und z. T. auch lauten Protest hervorgerufen. Außerhalb der Hochschule ha­ben international bekannte Per­sönlichkeiten mit Empörung rea­giert und in Schreiben an Walter Ulbricht protestiert. Alle Prote­ste halfen nichts. Partei- und staatliche Leitung der Hochschu­le verstärkten ihre diktatorischen

Maßnahmen: Disziplinarverfah­ren wurden ausgesprochen, Mit­arbeiter gemaßregelt und finan­ziell bestraft. Müller-Stoll wur­de mit einigen seiner Mitarbeiter in eine Abteilung des Instituts für Kulturpflanzenforschung der Akademie der Landwirtschafts­wissenschaften abgeschoben. Er konnte zwar einige seiner wis­senschaftlichen Arbeiten fortset­zen, doch zunehmend übernah­men seine Mitarbeiter eigene Aufgaben, so daß er schließlich allein blieb.

Mit der Beurlaubung und Ab­schiebung von Müller-Stoll be­gann nicht nur für ihn, sondern auch für seine Familie eine ver­hängnisvolle Tragödie. Ihm fehl­te die Arbeit als Hochschullehrer und Forscher. Er war isoliert und vereinsamt. Trotzdem hat er bis zu seinem Tode frühere eigene und von seinen Schülern erar­beitete Ergebnisse in Manuskrip­ten und Publikationen zusam­mengefaßt. Soweit es sein Ge­sundheitszustand zuließ, nahm er noch vor einigen Jahren an Symposien und Exkursionen teil. Unmittelbar nach der Wende haben sowohl ehemalige Mitar­beiter als auch akademische Schüler von Müller-Stoll wie­

derholt den Wunsch geäußert, seine Rehabilitierung in Gang zu bringen und öffentlich kundzu­tun, welch großes Unrecht ihm vor mehr als 30 Jahren angetan worden ist. Leider blieb es bei den entscheidenden Gremien nur bei einer halbherzigen Entschul- digungfürdas angetane Unrecht. Erst nach dem Wechsel im Rek­torat und in der Leitung des Fach­bereichs Biologie wurde endlich eine solche Übereinstimmung innerhalb der Hochschule er­reicht, daß am 3. 7. 1991 im Fachbereich Biologie ein Ehren­kolloquium in Würdigung der Verdienste von Herrn Prof. Dr. Müller-Stoll und seine öffentli­che Rehabilitierung durch die Brandenburgische Landeshoch­schule Potsdam stattfinden konn­te. Dieses vom Rektor und vom Geschäftsführenden Direktor des Fachbereiches Biologie veran­staltete Ehrenkolloquium hatte eine große Resonanz. Viele aka­demische Schüler und ehema­lige Mitarbeiter sind der Einla­dung gefolgt. Sowohl die Veran­stalter als auch die Teilnehmer der Veranstaltung haben ihre Freude und Genugtuung darüber bekundet, daß Herr Müller-Stoll diesen Tag seiner offiziellen Re­

habilitierung im Beisein seiner Familienangehörigen noch erle­ben konnte. Diese öffentliche Rehabilitierung kurz vor der Gründung der Universität Pots­dam war gleichzeitig Ausdruck für die politische Erneuerung unserer Bildungseinrichtung. Trotz aller Genugtuung, die man mit seiner öffentlichen Rehabili­tierung empfand, kann ungetrüb­te Freude nicht aufkommen, denn der persönliche Schaden, den er und seine Familie genommen haben und durchleben mußten, kann nicht wieder gut gemacht werden. Trotzdem wollen wir alle dankbar sein, daß Herr Müller- Stoll diesen Tag noch erleben durfte.

In seinen Arbeiten und in seinen zahlreichen Schülern, die heute im Osten und Westen Deutsch­lands Professuren und andere Leitungsfunktionen innehaben, hat er sich selbst das schönste Denkmal gesetzt.

Wir ehren in Prof. Dr. Wolfgang R. Müller-Stoll einen wahren Mitbegründer und Emeritus der Universität Potsdam.

Wir gedenken seiner in dankba­rer Erinnerung.

Prof. Dr. R. Mitzner Prof. Dr. H. Scheel

ACHTUNG! ACHTUNG! ACHTUNG! ACHTUNG!

Noch einmal die Termine für die Gremienwahlen:

Dienstag, den 21. Juni 1994 Mittwoch, den 22. Juni 1994 Donnerstag, den 23. Juni 1994

-jeweils in der Zeit von 9.00 - 15.00 Uhr -

Wahlorte sind für die

- Juristische Fakultät

- Philosoph. Fakultät I

- Philosoph. Fakultät II

- Math.-Nat. Fakultät

- Wirtsch.-Soz. Fakultät

- Zentralebene

Uni-Komplex III, August-Bebel-Str. 89 Hauptgebäude, Raum 207 Uni-Komplex II, Bereich Golm Haus 13 (Großer Sitzungssaal) Uni-Komplex II, Bereich Golm Haus 13 (Großer Sitzungssaal) Uni-Komplex I, Am Neuen Palais 10 Haus 08, Raum 181 (alte Professorenmensa)

Uni-Komplex III, August-Bebel-Str. 89 Hauptgebäude, Raum 119 Am Neuen Palais 10, Haus 09,

Raum 1.19, (Kleiner Sitzungssaal)

Gemeinsame Kolloquienreihe Universität Potsdam und Forschungsschwerpunkt Europäische Aufklärung der Förderungsgesellschaft Wissenschaftliche Neuvorhaben m.b.H.

Veranstaltungen im Juni/Juli 1994

Donnerstag, 9. Juni Prof. Dr. Otto Dann, Köln Berlin, Leipziger Str. 3/4 Die Nationbildung im Zeichen der Raum 3015 französischen Herausforderung

Donnerstag, 7. Juli

Berlin, Leipziger Str. 3/4 Raum 3015

Dr. Christa Kersting, Berlin Pädagogik vor der Pädagogik der Systeme. Zu Joachim Campes Allgemeine Revision des ge­samten Schul- und Erziehungs­wesens (1785-1792)

Koreferat: Prof. Dr. Hanno Schmitt Potsdam (angefragt)

Montag, 11. Juli

Universität Potsdam 17.00 Uhr, Haus 11 Am Neuen Palais Raum 205

Dr. Reinhard Blänkner, Göttingen Klassenlose Bürgergesellschaft und konstitutionelle Verfassung

Koreferat:

Dr. Hans-Christoph Kraus, FSP