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MUT UND HILFE FÜR DIE ENTMUTIGTEN
Erzieher gefährdeter Jugend tagten in Babelsberg
Die brandenburgische Ministerin für Arbeit, Gesundheit, Soziales und Frauen, Dr. Regine Hildebrandt (Mitte), hielt das Eröffnungsreferat des XBI. Weltkongresses der AIEJI. Auf unserem Bild ist sie im Gespräch mit dem Vorsitzenden der AIEJI, Daniel Dupied (Zweiter von rechts), und Prof Dr. Bärbel Kirsch, Dekanin der Philosophischen Fakultät II (rechts). Links im Bild die Kongreßpräsidentin und Vorsitzende des deutschen Zweiges der Vereinigung, Renate Blum-Maurice, und Prorektor Prof. Dr. Gerhard Kempter.
Foto: Rüffert
Die Welt ist in Bewegung, mehr denn je. Zwar gibt es keine Krise an sich, doch krisenhafte Erscheinungen weltweit. Allein zwanzig Länder werden derzeit von Kriegen und Revolutionen heimgesucht, zahlreiche Drittländer verzeichnen Verschlechterungen der ohnehin schon unzureichenden Lebensqualität, und in Osteuropa geht der Zusammenbruch des Sozialismus einher mit erschreckenden materiellen und psychischen Belastungen großer Bevölke- rungsgruppen. Zu den stets Betroffenen gehören Kinder, Jugendliche und Erzieher.
Unter dem Motto „Erzieherisches Handeln in weltweiten Krisen", bot der XIE Weltkongreß der „Association Internationale des Educa- teurs des Jeunes inadaptes“ (AIEJI) seinen Mitgliedern und Gästen vom 11. - 16.9.1994 in Potsdam Gelegenheit, sich über aktuelle theoretische und praktische Fragen der Erziehung und Sozialisation von Kindern und Jugendlichen zu verständigen. Erstmalig tagte man „soweit im Osten", wobei die Veranstalter die Wahl des Ortes auch als Reverenz an das nun direkt erreichbare Osteuropa verstanden wissen wollten. Die Schirmherrschaft über den Kongreß hatte Dr. Regine Hildebrandt, brandenburgische Ministerin für Arbeit, Gesundheit, Soziales und Frauen, übernommen.
Die Universität Potsdam als Mitveranstalter hatte große Teile der aufwendigen Vorbereitungsarbeit für 350 Mitglieder des Ver
eins und diverse Tagesgäste aus 39 Ländern übernommen. Wissenschaftlich repräsentiert wurde sie durch die Dekanin der Philosophischen Fakultät I, Prof. Dr. Bärbel Kirsch, und Dr. Dietmar Sturzbecher vom Institut für Angewandte Familien-, Kindheits- und Jugendforschung.
Der Kongreß hatte ein anspruchsvolles und vielschichtiges Thema gewählt, das leicht zu resignativen Aussagen hätte führen können. Doch sahen eine Reihe von Teilnehmern auch die positiven Möglichkeiten, die Umbrüche und Krisen für die Pädagogik und ihre Vertreter bereithalten. „Jetzt ist der Pädago
ge die Bandagen los“, „seine Phantasie und sein Geschick sind gefordert“, „in Schwierigkeiten rückt man enger zusammen“ und „weniger Geld erfordert mehr Nachdenken“ - solche und ähnliche Worte konnte man hören.
Zugleich - und darüber herrschte Einigkeit - verlangt die Arbeit von Erziehern in Krisenzeiten ein klares Selbstverständnis und größtmögliche Professionalisierung. Sie sollen sensibel sein, auch das Wort Seismograph fiel, für die besondere Situation, sich aber nicht als Krisenmanager gesellschaftlicher Prozesse verstehen und versuchen. Überhöhte Ansprüche an die Sozialarbeit sind fehl am Platze; worum es geht, sind kleine Schritte. Was kann und soll der Erzieher nun leisten? Professionalisierung war hier das Schlagwort. Stärker als bisher muß der Erzieher in die Lage versetzt werden, den Dialog mit Benachteiligten und Ausgegrenzten, aber auch mit sozial starken Kräften führen zu können. Mit den sozial Schwachen gemeinsam gilt es, Konzepte für die Bewältigung ihrer existentiellen Notlagen zu entwickeln. Sie müssen befähigt werden, ihre Forderungen selbst zu artikulieren. Sich selbst zu äußern ist Ausdruck sozialer Würde, die oft verlorengegangen ist oder auch abgesprochen wird.
Es bestand Konsens, daß eine solche Arbeitsweise Fragen der Aus- und Fortbüdung auf die Tagesordnung holt. Neben der überall und immer anzutreffenden Forderung, Forschung, Praxis sowie Aus- und Fortbüdung müßten stärker Zusammenarbeiten, setzt man auf eine Erhöhung der praktischen, insbesondere der kontakt- und dialogorientierten Anteile in der Ausbildung. Gefordert wurden ferner praxisnahe Konzepte für die Gestaltung von sozialen und emotionalen
Im Kongreßbüro gab es alle Hände voll zu tun. Immerhin waren 350 ständige Teilnehmer und diverse Tagesgäste zu betreuen. Foto: Rüffert
PUZ 14/94
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