TITEL
WIDER DIE KOPFJÄGER...
... aber für Aufarbeitung der Vergangenheit an der Universität Potsdam
Nicht nur für großen Medienrummel sorgte eine öffentliche Diskussion über die personelle Erneuerung, die an der Potsdamer Universität zum Ende des vergangenen Sommersemesters angesetzt war. Es zeigte sich dabei auch, daß Schuld tatsächlich immer etwas Persönliches, auf keinen anderen Übertragbares ist.
Allerdings - so das Credo - kann sich eine Universität in Anbetracht der (berechtigten) Frage nach schuldhaften Verstrickungen von übernommenen Mitarbeitern aus Institutionen der ehemaligen DDR nicht einfach auf diesen Standpunkt zurückziehen.
Bei der Frage, ob ein solcher Mitarbeiter durch eine aktive Mitarbeit für das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) seinen Mitmenschen und vor allem seinen Mitarbeitern durch Denunziation beispielsweise geschadet hat oder nicht, ist vielmehr eine genaue Prüfung angesagt.
Entschuldigungen des einen oder anderen Kollegen vermißt Prof. Dt. Helmut Assing aus dem Historischen Institut der Universität (rechts) noch heute. Foto: Tribukeit
Und darum bemüht sich die Universität Potsdam, an der mittlerweile für jeden Mitarbeiter ein Antrag auf Überprüfung bei der Gauck-Gehörde gestellt wurde. Insgesamt haben sich die Vertreter der Universität bei dem Prozeß der personellen Erneuerung ent-
STANDPUNKT DER EVALUIERUNGSKOMMISSIONEN
■ ■ Wer persönlich an ir w Verletzungen der Menschenrechte und der Grundsätze der Rechtsstaatlichkeit verantwortlich teilgenommen hat, und wer eine herausgehobene Position innehatte, die zu politischer Führung verpflichtete oder besonders aktiv im früheren System integriert war, ist prinzipiell nicht geeignet, am Erneuerungsprozeß dieser Hochschule mitzuwirken.
ii
sprechend der brandenburgischen Leitlinie nicht auf pauschalisierende Kriterien zurückgezogen, sondern eine Überprüfung des je- weüs einzelnen Falls angestrebt. Da sich jedoch nur selten ehemals Betroffene klar und deutlich zu Wort meldeten, mußten sie sich ihnen zur Verfügung stehender Mittel bedienen: als da wären das der fachlichen Evaluierung, das einer Bedarfsprüfung oder das einer Anfrage bei dem Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, kurz entsprechend des Namens des Stelleninhabers auch „Gauck- Behörde" genannt.
Natürüch gab es da auch noch eine Überprüfung der moralischen Integrität - an der Potsdamer Universität zum Beispiel in Form von Personalfragebogen oder Anhörungen Einzelner. Doch hing und hängt diese stets von den Angaben der Betroffenen ab, die in gegebenem Falle erst einmal widerlegt werden müssen. AE die Schwierigkeiten, die mit einer solchen Aufarbeitung der DDR-Vergan- genheit verbunden sind, sind an der Universität Potsdam vorhanden - aber eben auch die Bereitschaft, sich ihnen zu steUen und sie zu lösen. Dies vermittelten jedenfaUs die Beiträge der Podiumsdiskutanten im Rahmen des öffentlichen Forums der Hochschule vor den Semesterferien.
Zu dieser Podiumsdiskussion fanden sich außer den Medienvertretern auch zahlreiche Mitarbeiterinnen, Mitarbeiter, Studentinnen, Studenten und externe Interessierte am Neuen Palais ein. Und fast aüe diskutierten mit - was bei dem bunt gemischten Publikum
und dem ansatzweise gemischten Podium nicht schwer war. Auf diesem Podium saßen außer dem Rektor, Professor Dr. Rolf Mitzner, die Prorektoren Professor Dr. Wolfgang Loschelder und Professor Dr. Manfred Görtemaker, die Moderatorin und Dekanin der Philosophischen Fakultät I, Professor Dr. Helene Harth, die Dekanin der Philosophischen Fakultät II, Professor Dr. Bärbel Kirsch, Professor Dr. Helmut Assing aus dem Historischen Institut, Ulrich Baumann als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sportwissenschaft und der Lehramtsstudent Stefan Uhlmann.
Ihnen aHen war gemeinsam, daß sie die an der Potsdamer Universität mittlerweile erreichte „Durchmischung zwischen Ost und West" als positiv empfinden - es also beispielsweise begrüßen, daß die Hochschule bezüglich ihrer Professoren aus rund einem Viertel „Ost“- und drei Vierteln „West“-Lehr- kräften besteht. Damit dies möglich wurde, fing die aus drei Hochschulen entstandene, nunmehrige Universität Potsdam bereits 1989 an, Personal aus DDR-Vorgängerinstitutionen zu überprüfen und in gegebenem FaU zu entlassen. Sie nahm diese Überprüfung in jedem einzelnen FaE vorbehaltlich der zum größten Teü noch ausstehenden Ergebnisse der Gauck-Behörde vor, deren Einsicht in die Stasi-Akten weiterhin für Überraschungen sorgen dürfte.
So wurden von der früheren MfS-Hochschu- le Golm nur die Mitarbeiter der Verwaltung übernommen, wovon mittlerweüe weniger als ein Drittel noch im Dienste der Universi-
Seite 16
PUZ 14/94