nem wissenschaftlichen Mitarbeiter wohl nicht ausreichend gewürdigt zu sein" scheine. Schließlich benötigten die Absolventen jedes Studienganges eine philosophische Grundausbildung, im Zuge deren sie auf neue Weise nach der Wahrheit suchen könnten. In diesem Zusammenhang rief er auch zum fachübergreifenden „Studieren zwischen den Disziplinen" auf.
Ein recht plastisches Bild des noch keineswegs abgeschlossenen Gebildes Philosophische Fakultät I lieferte im Anschluß die Dekanin, Professor Dr. Helene Harth. Sie schilderte kurz die vier Institute, die bereits vor der Universitätsgründung existiert haben (dabei handelt es sich um die Institute für Anglistik und Amerikanistik, für Germanistik, das Historische Institut und das für Slavistik) sowie die fünf neu gegründeten (worunter die für Klassische Philologie, für Kunstgeschichte, Phüosophie, Religionswissenschaft und für Romanistik zu verstehen sind) und stellte fest, daß vor allem die Neugründungen zum Teü noch sehr unbefriedigend ausgestattet seien. „Die Klassische Philologie, die aufgrund des umfangreichen Latein- bedarfs in den neuen Bundesländern dringend ihre Arbeit aufnehmen müßte, ist überhaupt noch nicht besetzt“, erklärte sie. An die Kunstgeschichte denke man sogar noch nicht einmal „in Ausschreibungen". Ferner hätten die Romanistik und die Philosophie noch immer nicht 50 Prozent ihrer vorgesehenen Ausbaustufe erreicht und stünden z.B. in der Germanistik sowie der Anglistik essentielle Professuren offen.
Es folgte eine recht launige Ansprache Stefan Zellmers als dem Vertreter der Studierenden, der vor allem die Gleichgültigkeit und „Stillhaltetaktik“ vieler Studierender und wissenschaftlicher Mitarbeiter monierte und frustriert feststellte, daß Konformität sowohl vor als auch nach der Wende Konjunktur gehabt hätte bzw. haben würde. In diese unterstellte
Kritiklosigkeit ein schloß er die Entstehung der Strukturen an der Potsdamer Universität und somit auch die Entscheidung, Fakultäten zu gründen (siehe dazu das Interview mit Stefan Zellmer an anderer Stelle dieser PUZ). Der Festredner Dr. Eberhard Lämmert, Professor emeritus für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin und ehemaliger Präsident derselben, griff den Gedanken Zellmers geschickt auf und meinte, daß es stets Licht- und Schattenseiten in einer Fakultät gäbe; entscheidend sei allerdings ihre Existenz und daraus resultierend ihre Funktionsfähigkeit im Interesse all ihrer Mitglieder.
Eine Ahnung von strukturübergreifend elementaren und aktuellen Erfordernissen nicht nur an Akademiker, sondern an „den Menschen“ vermittelte Lämmert im Anschluß durch seinen Festvortrag über den Kopf und die Denkmaschinen. „Der Kopf“ stand dabei für den Menschen, der sich in Form des Computers eine „Denkmaschine“ geschaffen hat als eine Art Verstärker - so, „wie der Dampfhammer ein Verstärker unserer Faust wurde“. Dank dieser Erfindung müsse man aber nun auch von tradierten, überholten Formen des Wissens Abstand nehmen, erklärte Eberhard Lämmert. So könne es nicht länger als erstrebenswert angesehen werden, einen weitgehend abgeschlossenen Kanon an Wissen von sich zu geben, da dies bereits in viel besserer Form von „CD-roms" geleistet werde. Vielmehr müsse man dem von Computern mühelos produzierten (und auch durchaus erwünschten und wichtigen) Informati
onsbergen das jeweils unterschiedliche Erfahrungswissen des einzelnen Menschen gegenüberstellen: „Der unaufhebbare Vorteil des natürlichen Denkens liegt in der Anreicherung jeder Denkarbeit mit den unberechenbaren Beständen historisch gewachsener und persönlich gewonnener Alltagserfahrung“, sagte der Literaturwissenschaftler.
Die Dekanin, Professor Dr. Helene Harth, ließ die Entwicklung ihrer Fakultät Revue passieren und sprach Probleme und Wünsche offen an.
Foto: Tribukeit
Er sieht den Menschen durch diese Flexibilität als dem Computer voraus an und wertet deshalb auch diese Maschine als in positivem Sinne entlastendes Werkzeug. Allerdings warnte er davor, sich zu stark auf den Computer zu verlassen und dadurch in ein sehr kanalisiertes, schematisiertes Denken und Handeln zu verfallen. „Die Entlastung des Kopfes durch den Computer kann leicht zu neuer Unbehilflichkeit bei der Lösung von Lebenskonflikten führen", erklärte Lämmert und wies auf die als bereits vielfach vorhandene Untugend hin, Informationen unbefragt zu glauben. Weil diese Informationen immer weniger selbst erlebbar seien, durchmischten sich (eigenes) Wissen und das Meinen anderer (der Allgemeinheit) zusehends. Vor diesem Hintergrund rief er zu einem nachdenklicheren Umgang mit dank der Denkmaschinen einfach nur abrufbarem Wissen auf und wollte stattdessen Lebensklugheit und gesunden Menschverstand stärker gewichtet sehen.
„Wie bei jeder Erfindung, die das Leben komfortabler macht, gehört die Ermittlung ihrer Grenzen zu den Leistungen, die den Köpfen überlassen bleibt“, sagte der frühere FU-Prä- sident. Und genau in dieser Funktion sieht er auch die Leistung der Wissenschaftler und vor allem der Kulturwissenschaftler angesiedelt, die sich in Anbetracht der karnickelartigen Ausbreitung von PC’s in unseren Kinderzimmern und Büros dieser Entwicklung in stärkerem Maße vergleichend und kritisch hinterfragend widmen sollten. Denn schließlich könnte man von einem Computer keine Wertentscheidungen und Abwägungen erwarten - von einer Universität aber sehr wohl.
Als unabdingbar erforderlich auf diesem Wege sieht Eberhard Lämmert gelebte Querverbindungen und somit Interdisziplinarität an einer Hochschule an, weshalb er auch der Potsdamer Universität bescheinigte, hier auf gutem Wege zu sein. Hg.
Gelebte Kultur konnten die Gäste im Anschluß an die Fakultätseröffnung in Form eines Kalten Buffets genießen, das von den Mitarbeitern der Institute nach jeweiliger Landessitte zubereitet worden war. Den Durst wiederum stillte die „Kindl-Brauerei“ als Sponsor der Feier. Foto: Rüffert
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PUZ 16/94
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