EIN MATHEMATIKFREIES LEBEN IST MÖGLICH, ABER...
Professor Dr. Thomas Jahnke hielt seine Antrittsvorlesung
Nicht wenige Menschen denken noch im fortgeschrittenen Alter mit Unbehagen an ihren Mathematikunterricht in der Schule zurück. Warum? Liegt das am Fach, an den Unterrichtsmethoden, an der Person des Lehrers oder der Lehrerin? Prof. Dr. Thomas Jahnke, Inhaber des Lehrstuhls Didaktik der Mathematik, ist davon überzeugt, daß „ein mathematikfreies Leben natürlich möglich ist, aber einem dann etwas entgeht“. In seiner kürzlich gehaltenen Antrittsvorlesung zum Thema „Konturen eines allgemeinbildenden Mathematikunterrichts“ begründete er seine Auffassung: Mathematik könne zum kritischen Vernunftsgebrauch dienen. Ohne sie, vergleichbar mit Musikspielen oder Spracherwerb, bleibe ein nicht unwesentlicher Bereich menschlicher Kenntnis und Erkenntnis verschlossen. Mathematik sei demnach „eine Farbe zur Weltbetrachtung“.
Zum Dilemma klassischen Lehrerstudiums
Zeichnung: Peter Hatscher
Der Wissenschaftler glaubt, daß Schüler keine Vorurteile gegenüber der Mathematik hegen, sondern sie im Gegenteil für ein wichtiges Fach halten und bereit sind, sich damit zu beschäftigen. Das setzt allerdings entsprechende Bedingungen voraus, die die Organisation des gesamten Schulbetriebs, nicht nur des Unterrichts selbst, betreffen. Inwiefern geschieht dort etwas, was für die Schüler einsichtig, nachvollziehbar, interessant und spannend ist? Oder baut sich über Jahre hinweg eine Haltung auf, die dieses Gebiet als etwas Spitzfindiges und damit Sinnloses erscheinen läßt?
Die Aufgabe des Lehrers muß nach Ansicht Thomas Jahnkes demzufolge darin bestehen, zuvorderst Zugänge zu mathematischem Denken zu öffnen. Wie weit dabei beim Einzelnen vorgedrungen werden kann, betrachtet Prof. Jahnke als ein anderes Problem. Das sei abhängig von der Schulsituation und den Beteiligten selbst. Um also Zugänge zu diesen Denkmöglichkeiten zu schaffen, muß Unterricht Spaß machen, abenteuerlich sein und Überraschungen bieten. Konkrete Beispiele für die Umsetzung dieser Ansprüche führte der Wissenschaftler in seiner Vorlesung an. Er bezog sich u.a. auf Kriminalitäts- statistiken, Bewerbungszahlen von Frauen und Männern sowie „Bankgeheimnisse“. Freude und Wissen vom Pädagogen auf die Schüler zu übertragen, ist demnach eine zu erlernende Kunst. Deshalb ginge es in der
Ausbildung darum, „daß wir mit den Studierenden auf einer anderen Stufe Vergleichbares wie in der Schule vollziehen. Wir ermöglichen wieder Zugänge auf höherer Ebene.“ Wie im „Potsdamer Modell der Lehrerbildung“ explizit hervorgehoben, betont Prof. Jahnke die Rolle des Schülers als Subjekt und nicht als Objekt und Statist. „Unterricht kann nur über Schüler laufen. Fragen und Probleme müssen zu ihren Fragen und Problemen werden." Das mathematische Wissen des Pädagogen allein reicht dafür nicht aus. Seine Vermittlung ist eine gleichrangige Aufgabenstellung. Auch vor dem Hintergrund der Schulrealität betrachtet der Wissenschaftler dies, zumindest streckenweise, als eine noch ungelöste Frage. Um auf dem Wege voranzukommen, fordert er beispielsweise ein stärkeres Integrieren von Fach, Didaktik und Pädagogik. Es dürfe weder zu einer „entfachten“ Pädagogik noch zu einem „entpädagogi- sierten“ Fach in der Ausbildung kommen.
B.E.
Ist davon überzeugt, daß ohne die Mathematik ein nicht unwesentlicher Bereich menschlicher Kenntnis und Erkenntnis verschlossen bleibt: Prof. Dr. Thomas Jahnke. Foto: Rüffert
Die Modernisierung des öffentlichen Sektors, die Reform der Ministerialverwaltung und die politische Steuerung der Verwaltung sind einige der Hauptarbeitsgebiete Professor Dr. habil. Werner Janns, der seit 1993 in der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität eine Professur für Politikwissenschaft, Verwaltung und Organisation inne hat und in der PUZ noch nicht vorgestellt wurde. Jann wurde I960 in Hamburg geboren. Er legte nach einem Studium der Politikwissenschaft und Ökonomie an der FU-Berlin und der University of Edinburgh/ Schottland im Jahre 1976 an der Freien Universität Berlin sein Diplom ab und war danach als Forschungsreferent am Institut für öffentliche Verwaltung in Speyer tätig, wo er 1982 auch promovierte. Im Zuge seiner heutigen Tätigkeit kann er von zahlreichen praktischen Politik-Erfahrungen profitieren: So war er beispielsweise Anfang der 80er Jahre Fellow am Kongreß der Vereinigten Staaten in Washington D. C. und von 1989 bis 1993 Ministerialrat und Leiter der „Denkfabrik Schleswig-Holstein“ in der Staatskanzlei Kiel. Hinter dieser „Denk- fabrik“ verbirgt sich eine kleine Einheit von Wissenschaftlern, Beamten und anderen Verwaltungsmitarbeitern, die externen Sachverstand aus den Bereichen der Wirtschaft, der Kultur und der Wissenschaft finden und für Pläne der Landesregierung zur längerfristigen Entwicklung des Landes nutzbar machen soll. Ihr letztes großes Projekt ist das der Modernisierung des öffentlichen Sektors. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der in dieser „Denkfabrik“ gemachten Erfahrungen fungiert Werner Jann derzeit u.a. als externer Berater und Mitglied der Projektgruppe „Modernisierung des öffentlichen Sektors“ der Staatskanzlei Schleswig-Holsteins und Mitglied der Enquete- Kommission „Entbürokratisierung" des schleswig-holsteinischen Landtages. Für seine 1989 in Speyer abgelegte Habilitation zur Politik- und Verwaltungswissenschaft erhielt er 1990 den Preis des Deutschen Bundestages für wissenschaftlichen und publizistischen Nachwuchs. Hg.
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PUZ 16/94