„LEICHEN PFLASTERN IHREN WEG"
25 Jahre Verwaltungsreform und wenig Ergebnisse - Zur Antrittsvorlesung Prof. Janns
1993 hätte die Projektgruppe Regierungs- und Verwaltungsreform in der Bundesrepublik ihr 25jähriges Jubiläum feiern können, wenn sie es denn gefeiert hätte. Doch die Ergebnisse nicht nur dieses Projektes, sondern auch zahlreicher anderer Bemühungen um eine akzentuierte Verwaltungspolitik in deutschen Landen halten sich in Grenzen. Grund genug für Professor Dr. Werner Jann aus der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät, dem Verhältnis von Politik, Verwaltung und Verwaltungspolitik im demokratischen Staat einmal genauer nachzugehen und zu hinterfragen, durch wen denn nun unser Verwaltungssystem wirklich gesteuert, entwickelt und gegebenenfalls modernisiert wird - oder auch nicht. Jann, der in Potsdam eine Professur für Politikwissenschaft, Verwaltung und Organisation inne hat, präsentierte nun einige seiner dabei gewonnenen Erkenntnisse in Form einer öffentlichen Antrittsvorlesung.
Seine Ausgangsthese lautete, daß es sich die Politik nicht mehr länger leisten könne, in Bezug auf die öffentliche Verwaltung wie bisher ohne Organisationsbewußtsein zu agieren: So habe sie sich in der Vergangenheit meist darauf verlassen, daß die Verwaltung die von ihr formulierten Politikinhalte schon irgendwie umsetzen werde. Wie das dann jeweils geschehen sei (und ob überhaupt in dem gewünschten Maße) wäre allerdings weitgehend unberücksichtigt geblieben.
Jann konstatierte also eine nur mangelhaft von der legitimierten politischen Führung ausgeübte Steuerung und Entwicklung der Prinzipien, Verfahren und Stile der Verwaltungstätigkeit. Einen Grund dafür sieht er in dem deutschen Trugschluß, daß die Verwaltung in der Gewaltenteilungslehre und der demokratischen Theorie keine eigenständige Kategorie bilde und stets unter der Exekutive subsumiert werde. So gehe man nach wie vor von einer Verwaltung aus, die allein über Gesetze und den Haushalt gesteuert und programmiert werden könne. Dies aber setze voraus, daß alle Wertkonflikte bereits gelöst seien, bevor die Verwaltung damit beschäftigt wird. Demnach müßte Verwaltung ein gänzlich unpolitischer, nur auf blinden Gehorsam ausgerichteter Vollzug sein. Daß dem in der Praxis durchaus nicht so ist, war nicht nur den zahlreich erschienenen Zuhörern aus den unterschiedlichsten Bereichen der Universität als einer zwar speziellen, aber eben auch öffentlichen Behörde klar. Werner Jann trat trotzdem die Beweisführung für seine Behauptung an und zeigte
auf, inwiefern Verwaltung bei der Formulierung von Politik und Recht sowie deren Durchsetzung eine entscheidende Rolle spielt. Als ein Beispiel verwies er dabei auf den häufig auftretenden Fall, daß Handlungsalternativen in der Phase einer Entscheidungsvorbereitung bereits von der Verwaltung ausgeschieden werden, ehe überhaupt irgendein verantwortlicher Politiker mit dem Entscheidungsprozeß befaßt war. „Verwaltung ist nicht etwa ein unpolitisches Element, sondern sie ist in gesellschaftliche Interessenstrukturen eingebunden. Sie programmiert Politik und wendet Recht nicht nur an - sie erzeugt es auch", erklärte Jann, dessen bisheriger beruflicher Werdegang von zahlreichen Stationen in der Praxis der Politik gekennzeichnet ist.
Die Frage sei aber nun, wie diese eigenständige Organisation Verwaltung, für die Gesetze eher die Funktion von Landkarten als die von Zügeln erfüllten, im Sinne der Politik gesteuert werden könne.
Daß dies keinesfalls unproblematisch ist, da der Politiker seitens der Verwaltung häufig „allein mit scheinbaren Sachzwängen“ anstelle von Entscheidungsalternativen konfrontiert werde, betonte der Referent. Auch verwies er auf die Größe und Vielfalt des schwer manövrierbaren Körpers „Öffentliche Verwaltung“, formulierte vor diesem Hintergrund jedoch auch die Notwendigkeit einer
tatsächlich greifenden - und somit wirklich steuernden - Verwaltungspolitik: Ergeben doch Umfragen innerhalb und außerhalb der Verwaltung, daß in ihr Regelungswut, unverständliche Verfahrensabläufe, Ineffizienz, mangelnde Flexibilität, starre Entscheidungswege, mangelndes Zeitbewußtsein und fehlende Leistungsbereitschaft vorgeworfen werden. „Jeder private Betrieb mit einem solchen Image würde sehr schnell vom Markt verschwinden“, lautet die Einschätzung Werner Janns dazu.
Allerdings läge die Ursache dafür nicht primär bei den vielgescholtenen Beamten, die besser seien als ihr Ruf. Der Politikwissenschaftler machte vielmehr überkommene Strukturen, die die Beschäftigten in mühsame Verfahren einbinden und Motivation eher vermindern würden, als Hauptprobleme aus. Sein Lösungsansatz: Man müßte eine anreiz- und ergebnisorientierte Steuemng etablieren, den öffentlichen Sektor künftig durch ein modernes Management lenken. Dies bedeute nicht, daß möglichst umfassend privatisiert werden solle: „Der Staat muß auch in Zukunft viele Aufgaben erledigen, die der Markt nicht übernehmen kann, weil sie nicht profitabel sind“, so Jann. Aber der öffentliche Sektor müsse lernen, Aufgaben, die er übernehme, so effizient wie möglich zu erledigen.
Dazu gehört der Ersatz planwirtschaftlicher Prinzipien durch ökonomische Anreize, grö-
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Die Verwaltung modernisieren - aber wie? Nicht immer weiß die Politik ganz genau darüber Bescheid, was die Verwaltung wie macht und wo ihre Probleme hegen. Die Verwaltung hingegen füllt die „leeren Stellen" (gezwungenermaßen?) oft recht eigenständig aus. Zeichnung: Arnulf Triller
PUZ 16/94
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