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DAS EINFACHE, DAS SCHWER ZU MACHEN IST
Prof. Dr. Julius H. Schoeps hielt seine Antrittsvorlesung
Ohne Zweifel ist Toleranz - erlaubt sei der Gebrauch des bekannten Brecht- Wortes - das Einfache, das schwer zu machen ist. Dies gilt nicht nur in der Gegenwart, sondern zieht sich durch die Geschichte. Eine wissenschaftliche Annäherung an den Toleranzbegriff von der Reformation bis heute versuchte Prof. Dr. Julius H. Schoeps in seiner sehr gut besuchten Antrittsvorlesung im Rahmen der Vorstellung des Historischen Instituts der Universität Potsdam am 18. Januar 1995. Sein exaktes Thema lautete: Auf dem Weg zur Glaubensfreiheit. Die Herausbildung des Toleranzbegriffes in Brandenburg-Preußen im Zeitalter Moses Mendelssohns.
Ausgehend von der Definition des Toleranzbegriffes in Lexika und modernen Ge- schichtslehrbüehern, begann Julius H. Schoeps seine Betrachtung mit der Reformationszeit, in der die Anfänge der Herausbildung des Begriffes in Europa vermutet werden. Christliche Mystiker, Spiritualisten und Chiliasten plädierten für Religionstoleranz und praktizierten sie häufig auch, wie z. B. der böhmische Pfarrerssohn Felgenhauer. Wichtiger für die Entwicklung der Toleranzidee sei allerdings die naturrechtliche Theorie gewesen. Mit ihrer Vorstellung der Existenz von Gerechtigkeitsprinzipien, angelegt in der Natur der Sache oder der Natur des Menschen, bot sie die Plattform für die Verständigung von Vertretern verschiedener Weltanschauung. Jean Bodin, Johannes Alt- husius und Hugo Grotius gehörten zu den Gelehrten des 16. bzw. 17. Jahrhunderts, die in diesem Sinne über ihre Wissenschaft vor- wärtstreibend agierten.
Im 17. Jahrhundert erfuhr der Toleranzgedanke Angriff und Verbreitung in einem. 1865 ordnete Ludwig XIV. die Zurücknahme des Toleranzediktes von Nantes (1598) an, was eine halbe Million Hugenotten außer Landes trieb. Aber diese Aktion brachte die Idee von der Existenzberechtigung verschiedener Konfessionen in einem Land auch erneut auf die Tagesordnung. John Locke, Pierre Bayle und Christian Thomasius gehörten zu denen, die sich ihrer annahmen und sie popularisierten.
Im 17. und 18. Jahrhundert wurde insofern ein Durchbruch erreicht, als der Gedanke, ausgehend von den Niederlanden, zunächst in England (Toleranzakte) und dann in den Vereinigten Staaten (Bill of Rights) Einzug halten konnte. Letztere wurden zum Vorbild für Frankreichs 1789 propagierte „Droits naturelles et inscriptibles".
Wo steht Brandenburg-Preußen, häufig „als Musterland religiöser Freiheit" apostro
phiert? Insbesondere Herrscher wie der Große Kurfürst oder Friedrich II. werden in diesem Zusammenhang genannt. Schoeps machte deutlich, daß ihrer Einwanderungspolitik vorrangig politische und wirtschaftliche Überlegungen zugrunde lagen. Er mahnte an, nicht zu vergessen, daß Juden innerhalb der Einwanderer stets mindere Rechte zugestanden wurden. Dafür spricht z. B. das „Edikt wegen aufgenommenen 50 Familien Schutz-Juden" von 1671, in dem diesem Personenkreis Synagogen verboten wurden. Kritisch ging auch Schoeps ins Gericht mit dem über Jahrzehnte gepflegten Bild von Friedrich II. als aufgeklärtem Monarchen. Berühmt gewordene Aussprüche des Königs kollidierten mit der Realität in seinem
Lande. Allerdings unterschied er sich damit wenig von anderen Aufklärern, die „nur bedingt bereit waren, ihr Gegenüber zu akzeptieren, ... wie sich dieser selbst verstand“. Als Beispiel führte der Historiker die Debatte um die Staatsbürgerrechte der Juden an.
Daß die Toleranzidee weitere Verbreitung erlangte, ist mit das Verdienst von Literaten, die ein über die Zeit sehr populär werdendes Bild vom „guten Juden“ zeichneten (so Geliert und insbesondere Lessing). Doch es sei ein „Irrtum, zu glauben, die Aufklärung
sei per se aufgeklärt gewesen"; unter den Aufklärern habe es viele Judengegner gegeben. Für Montesquieu, Rosseau, Diderot und vor allem Voltaire waren die Juden „gefährliche Vertreter des Aberglaubens“. Man könne, so der Historiker, die Einstellung zum Juden und zum Judentum Ende des 18. Jahrhunderts durchaus als generellen Prüfstein für das Aufgeklärtsein werten.
1783 veröffentlichte Moses Mendelssohn das Buch „Jerusalem oder die religiöse Macht und Judentum“ und erregte damit beträchtliches Aufsehen. Es war ein Jude, der das Verhältnis von Kirche und Staat zur Diskussion stellte und zur religiösen Duldung und gegenseitigen Toleranz aufrief! Grundsätzlich war Mendelssohn der Ansicht, „der Staat habe in Fragen der Religion eine Haltung der Neutralität einzunehmen, wie sich auch die Kirche nicht der Staatsgewalt bedienen dürfe“. Das Buch endete mit einem direkten Appell an die christlichen Völker und Fürsten. Dem 19. Jahrhundert war es Vorbehalten, der Toleranzidee Eingang in die höchsten Gesetze des Staates zu verschaffen. Doch „die sich formierende bürgerliche Gesellschaft tat sich schwer, tolerantes Verhalten zu praktizieren“, was sich deutlich wiederum an der realen Stellung der Juden zeigt. Brüche zwischen Theorie und Praxis seien bis in unsere Zeit zu konstatieren. Dieser Umstand u. a. ließ den Historiker zum Abschluß seiner Vorlesung die Frage aufwerfen, „ob Toleranz letztlich nur gegenüber Angehörigen des eigenen Bekenntnisses möglich ist“. Trotzdem wurden die Anwesenden nicht mit dieser Erkenntnis nach Hause geschickt. „Den Andersglaubenden oder Andersdenkenden nicht wegen seines Glaubens oder seiner Überzeugung zu verfolgen, ist eine Botschaft, die auch heute noch Bestand hat, aber immer wieder neu vermittelt werden muß.“ De.
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DATO WIEN, 22 .MÄRZ 1810
Wie Prof. Di. Julius H. Schoeps in seiner Antrittsvorlesung betonte, konnte sich im Unterschied zu Friedrich II. der österreichische Kaiser Joseph II. zu einer grundsätzlichen Toleranzerklärung für die Juden entschließen. Allerdings lagen auch seinem 1792 erlassenen Toleranzpatent ökonomische Motive zugrunde, und es blieben zahlreiche gravierende Einschränkungen. So war beispielsweise das Wohnrecht in Wien nur wenigen jüdischen Familien Vorbehalten, die jüdischen Besucher der Stadt unterlagen genauer Kontrolle, wie aus der abgebildeten Aufenthaltserlaubnis für Veitl Hecht hervorgeht.
Quelle: Jüdisches Museum Wien
Seite 4
PUTZ 2/95