Heft 
(1.1.2019) 02
Einzelbild herunterladen

GEFÄLSCHTE KÖNIGSURKUNDEN IN DER MARK?

Zur Antrittsvorlesung Prof. Dr. Helmut Assings

Beginnt die Geschichte der Mark Brandenburg mit gefälschten Königsurkunden? Über dieses Thema sprach kürzlich in der Reihe der Antrittsvorlesungen des Hi­storischen Instituts Prof. Dr. Helmut Assing. Seine wissenschaftliche Laufbahn, so Assing, sei aufgrund von Reglementierungen in der früheren DDR zwei jähen Wendungen unterworfen gewesen. Von 1959 bis 1972 und dann wieder seit 1980 war bzw. ist er in der Mittelalterforschung und -lehre tätig, dazwischen arbeitete er auf dem Gebiet der Logik, in der er sich auch habilitierte. Seine Vorlesung je­denfalls behandelte ein wichtiges Teilproblem der Entstehung der Mark Branden­burg.

So schrieb um 1200 ein Brandenburger Dom­herr, daß der letzte auf der Brandenburg re­sidierende Fürst des slawischen Stammes der Heveller einem Angehörigen des deut­schen Hochadels erst einen Teil seines Herrschaftsgebietes geschenkt und schließ­lich den Rest vererbt hätte. Von da hat die Entwicklung ihren Anfang genommen. Der deutsche Fürst war Albrecht der Bär aus dem Hause der am Ostharz begüterten Askanier. Bisher setzte die Forschung den Beginn die-

tragende mit zwei Urkunden auseinander, die nach ihrer Datierung angeblich durch den deutschen König Lothar in den dreißiger Jah­ren des 12. Jh. ausgestellt sein sollen. In ih­nen wird Albrecht der Bär bereits als Mark­graf von Brandenburg bezeichnet, obwohl zu dieser Zeit noch der Slawenfürst auf der Burg saß. Die nicht mehr als Originale, sondern nur noch abschriftlich überlieferten Urkunden enthalten eine Reihe von Unstimmigkeiten. So passen z.B. die angegebene Jahreszahl

Wi

Der Historiker Prof. Dr. Helmut Assing widmete sich in seiner Antrittsvorlesung der Entstehung der Mark Brandenburg. Dabei listete er auch Hinweise dafür auf daß die entsprechenden Urkunden als später hergestellte Fälschungen anzusehen seien. Foto: Puffert

ses Prozesses für das Jahr 1127 fest. Prof. Assing brachte jedoch mehrere Indizien da­für vor, daß die Ursprünge wahrscheinlich bereits in die Jahre 1123/24 gehören. Das heißt nun nicht einfach, daß die Geschichte der Mark Brandenburg drei oder vier Jahre weiter zurückreicht, sondern daß sich völlig neue Zusammenhänge ergeben.

Vor diesem Hintergrund setzte sich der Vor­

und das ebenfalls vermerkte Königs- bzw. Kaiserjahr Lothars nicht zusammen. Auch erscheinen im Text äußerst zweifelhafte Be­stimmungen, die eine wesentlich spätere Niederschrift wahrscheinlich machen. Aus diesen und weiteren Gründen entschied sich Prof. Assing dafür, daß die betreffenden Ur­kunden als spätere Fälschungen anzusehen sind Lutz Partenheimer

BILDUNG UND ERZIEHUNG UNTERPROPORTIONAL ENTWICKELT"

Zur Antrittsvorlesung Professor Dieter Holtmanns

Seine Antrittsvorlesung zuModelle(n) der Sozialstruktur hielt im Januar Prof. Dr. Dieter Holtmann vor Studenten, Mitarbeitern und Gästen der Wirt­schafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät. Den Auftakt bildete dabei die Darstellung dreier Typen von industri­ellen Dienstleistungsgesellschaften nach Esping-Andersen (1993). Demnach gibt es zunächst das konservative - mit der Bundesrepublik als Prototyp-, das sozialdemokratische - mit Schweden als Prototyp - und das liberale Modell - mit den USA als Prototyp.

Die Bundesrepublik, so Holtmann erklärend, sei strukturkonservativ in dem Sinne, daß sich der Industriesektor noch deutlich größer als in Schweden und den USA darstelle. Die sozialen Dienstleistungen einschließlich Bil­dung und Erziehung dagegen müsse man als unterproportional entwickelt bezeichnen. Dies finde auch seinen Ausdruck im hohen Anteil der Nicht-Erwerbstätigen, u.a. der Hausfrauen und Rentner. Schweden verfüge im Gegensatz dazu, so der Wissenschaftler weiter, über einen stark ausgebauten staat­lichen Sektor sozialer Dienstleistungen, der deutlich größer sei als in der Bundesrepublik und den USA. Es handele sich hierbei vor allem um das Gesundheitswesen, das Bil­dungswesen und um Kinderbetreuungs­einrichtungen. Der gefestigte Sozialstaat bil­de u.a. die Grundlage für die hohe Frauen­erwerbstätigkeit im Land.

Einen im Vergleich zu Deutschland und sei­nem skandinavischen Nachbarn besser ent­wickelten Bereich der verbraucherbezogenen Dienstleistungen könne die USA aufweisen, erläuterte der Soziologe. So umfasse das Gebiet der Konsum- Dienstleistungen (Ga­stronomie, Freizeitbeschäftigungen und ähn­liches) dort den doppelten Umfang des in den anderen beiden Staaten Vorhandenen. Insge­samt biete sich als Option für die deutschen Bundesländer, so Holtmann schlußfolgernd, der Ausbau der Dienstleistungsberufe an, und zwar sowohl der verbraucherbezogenen privaten Serviceeinrichtungen als auch der sozialen Dienstleistungen.

Der Referent widmete sich des weiteren der Charakterisierung der Sozialstruktur der Bun­desrepublik durch ein Berufsstrukturmodell als Bündelung gesellschaftlicher Handlungs­ressourcen.

Das Konzept dieser Handlungsressourcen ist besonders geeignet, die Charakteristika der Sozialstruktur zu erfassen. Während Erik Olin Wright (1985) axiomatisch-deduktiv vorging und nur die drei Dimensionen Produktions-

Seite 6

PUTZ 2/95