WISSENSCHAFT AJCI UELL
VOM AKADEMIEGRÜNDER BIS ZUR HEBAMME
Ein WIP-Projekt über Dichter und Gelehrte der Mark Brandenburg
Zahlreiche Wissenschaftler aus Einrichtungen der Akademie der Wissenschaften erhielten nach deren Auflösung eine Förderung im Rahmen des Wissenschaftler-Integrationsprogramms (WIP), das Teil der Hochschulerneuerung in den neuen Bundesländern ist. Zu den Zielen der Erneuerung gehört die Rückführung der Forschung an die Universitäten. In der „PUTZ“ stellen wir in loser Folge WIP-Projekte vor, hier die Projektgruppe „Brandenburgische Literatur- und Geistesgeschichte der Frühen Neuzeit“. Sie ist beim Institut für Germanistik/Abteilung Literaturwissenschaft in der Philosophischen Fakultät I angesiedelt und wird von Prof. Dr. Knut Kiesant geleitet. Die Gruppe arbeitet seit Sommer 1994 an „Bio-bibliogra- phischen Darstellungen zu Dichtern und Gelehrten der Mark Brandenburg in der Frühen Neuzeit“.
In Vergessenheit Geratenes wieder in Erinnerung zu rufen, ist oft auch Anliegen von Wissenschaftlern. Deshalb befassen sich Dr. Lothar Noack und Dr. Jürgen Splett mit Dichtern und Gelehrten der Mark Brandenburg in der Frühen Neuzeit. Schon Mitte der 80er Jahre entwickelten die Wissenschaftler enge Kooperationen sowohl mit der Universität Osnabrück als auch mit der Universität Potsdam bzw. ihren Vorgängereinrichtungen. Im Zuge der damaligen Forschungen stellte sich sehr schnell heraus, daß die in Anwendung gebrachten Instrumentarien nicht mehr ausreichten. Auf der Grundlage der seinerzeit entstandenen Studien zu Brandenburg/Preußen in der europäischen Geistesgeschichte der Frühen Neuzeit wurde das heutige Projekt konzipiert. „Ich war sehr froh, den Kontakt zu dieser wissenschaftlichen Arbeitsgruppe zu haben, die auch in den Wendezeiten kontinuierlich weiterarbeitete“, so Knut Kiesant.
Zwei eng miteinander verknüpfte Vorhaben sollen nun realisiert werden. Zum einen geht es um die Sammlung und Auswertung von bio-bibliographischen Informationen zu bran- denburgischen Dichtern und Gelehrten der Frühen Neuzeit in einer Datenbank, CD- ROM, für den Zeitraum von 1486 bis 1713. Parallel dazu erstellen die beiden Germanisten selektiv aus der Datenbank ein „Bran- denburgisches Dichter- und Gelehrtenlexikon der Frühen Neuzeit“ als bio-bibliographisches Hilfs- und Informationsmittel für die historische Mark Brandenburg. Ein Buchvorhaben in mehreren Bänden ist avisiert. Der erste soll 1996 zu Berlin-Cöllnischen Gelehrten für den Zeitraum 1640 bis 1713 erscheinen. „Unser Anliegen ist es, sowohl die viel
fach vergessenen Autoren, insbesondere des Kasualschrifttums, als auch in der Überlieferungsgeschichte mehr oder weniger präsente Verfasser auf eine aus den Quellen erarbeitete neue bio-bibliographische Grundlage zu stellen“, erläutern die Wissenschaftler.
Die fünf- bis vierzehnseitigen Texte sind chronologisch aufgebaut und aussagefähig hinsichtlich der Beziehungen der Autoren zu anderen Personen, wichtige Schriften werden durch knappe Werkbeschreibungen in ihrem geistes- und wissenschaftsgeschichtlichen Kontext erläutert. Die biographischen Ausführungen werden durch eine Bibliographie der Werke und der Sekundärliteratur ergänzt. Um die Größenordnung zu verdeutlichen, sei erwähnt, daß maximal 120 Autoren jeweils in einem Lexikonband Berücksichtigung finden können, die Datenbank aber gegenwärtig bereits 6000 Namen, darunter die von 1000 Autoren, enthält.
Das Spektrum der erfaßten Personen ist breit gefächert. Es reicht von Hofärzten, Hofpredigern und anderen hohen Beamten über Gymnasiallehrer, Professoren verschiedener Wissenschaftsdisziplinen bis zu Unbekannten, die sich literarisch betätigt haben. Der Leser kann sich beispielsweise über den Gründer der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, Gottfried Wilhelm Leib- nitz, ebenso informieren wie über den Pädagogen und Theologen Johannes Heinzeimann oder die Hebamme Justine Siegemundin. Diese Frau ohne höhere Schulbildung drang in eine Männerdomäne ein und verfaßte 1690 ein zur damaligen Zeit vielbeachtetes Hebammenbuch.
„Wir versuchen, die geisteswissenschaftliche Wirksamkeit zu erfassen", beschreiben Lothar Noack und Jürgen Splett ihr Vorhaben. Das Interessante und Neue ihrer Forschungsarbeiten seien der von ihnen behandelte Zeit
raum sowie die Weite des zur Anwendung kommenden Literaturbegriffs. Somit werde der Gesamtkomplex der Künste und Wissenschaften auf allen sozialen Ebenen untersucht.
Sie verstehen das Projekt als „Dienstleistungsangebot für alle historisch relevanten Wissenschaftsdisziplinen; es könnte in Koordinierung mit Fachkollegen, die ähnliche Projekte bearbeiten, langfristig als Forschungsschwerpunkt zur Erfassung und Auswertung des brandenburgisch-preußi- schen Schrifttums der Frühen Neuzeit ausgebaut werden." B.E.
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Die Erfassung und Auswertung von Gelegenheitsdrucken nimmt im Rahmen des WIP-Projektes einen besonderen Platz ein. Denn viele der in die Datenbank aufgenommenen Autoren haben Gelegenheitsgedichte verfaßt. Anlässe boten Geburt, Taufe, Hochzeit, Tod und andere wichtige Ereignisse im Leben eines Menschen. Hier handelt es sich um das Titelblatt eines Hochzeitsgedichtes, das der Lehrer Ferdinand Posth zur Eheschließung von Markgraf Philipp Wähelm mit Johanna Charlotta von Anhalt 1699 verfaßte. Abbildung: zg.
Seite 16
PUTZ 2/95