Heft 
(1.1.2019) 02
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WISSENSCHAFT AJCI UELL

VOM AKADEMIEGRÜNDER BIS ZUR HEBAMME

Ein WIP-Projekt über Dichter und Gelehrte der Mark Brandenburg

Zahlreiche Wissenschaftler aus Einrich­tungen der Akademie der Wissenschaf­ten erhielten nach deren Auflösung eine Förderung im Rahmen des Wissen­schaftler-Integrationsprogramms (WIP), das Teil der Hochschulerneuerung in den neuen Bundesländern ist. Zu den Zielen der Erneuerung gehört die Rück­führung der Forschung an die Universi­täten. In derPUTZ stellen wir in lo­ser Folge WIP-Projekte vor, hier die Pro­jektgruppeBrandenburgische Litera­tur- und Geistesgeschichte der Frühen Neuzeit. Sie ist beim Institut für Ger­manistik/Abteilung Literaturwissen­schaft in der Philosophischen Fakul­tät I angesiedelt und wird von Prof. Dr. Knut Kiesant geleitet. Die Gruppe arbei­tet seit Sommer 1994 anBio-bibliogra- phischen Darstellungen zu Dichtern und Gelehrten der Mark Brandenburg in der Frühen Neuzeit.

In Vergessenheit Geratenes wieder in Erin­nerung zu rufen, ist oft auch Anliegen von Wissenschaftlern. Deshalb befassen sich Dr. Lothar Noack und Dr. Jürgen Splett mit Dich­tern und Gelehrten der Mark Brandenburg in der Frühen Neuzeit. Schon Mitte der 80er Jahre entwickelten die Wissenschaftler enge Kooperationen sowohl mit der Universität Osnabrück als auch mit der Universität Pots­dam bzw. ihren Vorgängereinrichtungen. Im Zuge der damaligen Forschungen stellte sich sehr schnell heraus, daß die in Anwendung gebrachten Instrumentarien nicht mehr aus­reichten. Auf der Grundlage der seinerzeit entstandenen Studien zu Brandenburg/Preu­ßen in der europäischen Geistesgeschichte der Frühen Neuzeit wurde das heutige Pro­jekt konzipiert.Ich war sehr froh, den Kon­takt zu dieser wissenschaftlichen Arbeits­gruppe zu haben, die auch in den Wende­zeiten kontinuierlich weiterarbeitete, so Knut Kiesant.

Zwei eng miteinander verknüpfte Vorhaben sollen nun realisiert werden. Zum einen geht es um die Sammlung und Auswertung von bio-bibliographischen Informationen zu bran- denburgischen Dichtern und Gelehrten der Frühen Neuzeit in einer Datenbank, CD- ROM, für den Zeitraum von 1486 bis 1713. Parallel dazu erstellen die beiden Germani­sten selektiv aus der Datenbank einBran- denburgisches Dichter- und Gelehrtenlexi­kon der Frühen Neuzeit als bio-bibliographi­sches Hilfs- und Informationsmittel für die historische Mark Brandenburg. Ein Buchvor­haben in mehreren Bänden ist avisiert. Der erste soll 1996 zu Berlin-Cöllnischen Gelehr­ten für den Zeitraum 1640 bis 1713 erschei­nen.Unser Anliegen ist es, sowohl die viel­

fach vergessenen Autoren, insbesondere des Kasualschrifttums, als auch in der Über­lieferungsgeschichte mehr oder weniger präsente Verfasser auf eine aus den Quellen erarbeitete neue bio-bibliographische Grund­lage zu stellen, erläutern die Wissenschaft­ler.

Die fünf- bis vierzehnseitigen Texte sind chronologisch aufgebaut und aussagefähig hinsichtlich der Beziehungen der Autoren zu anderen Personen, wichtige Schriften werden durch knappe Werkbeschreibungen in ihrem geistes- und wissenschaftsgeschichtlichen Kontext erläutert. Die biographischen Aus­führungen werden durch eine Bibliographie der Wer­ke und der Sekundärlitera­tur ergänzt. Um die Grö­ßenordnung zu verdeutli­chen, sei erwähnt, daß ma­ximal 120 Autoren jeweils in einem Lexikonband Be­rücksichtigung finden kön­nen, die Datenbank aber gegenwärtig bereits 6000 Namen, darunter die von 1000 Autoren, enthält.

Das Spektrum der erfaßten Personen ist breit gefä­chert. Es reicht von Hofärz­ten, Hofpredigern und an­deren hohen Beamten über Gymnasiallehrer, Professo­ren verschiedener Wissen­schaftsdisziplinen bis zu Unbekannten, die sich lite­rarisch betätigt haben. Der Leser kann sich beispiels­weise über den Gründer der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Ber­lin, Gottfried Wilhelm Leib- nitz, ebenso informieren wie über den Pädagogen und Theologen Johannes Heinzeimann oder die Heb­amme Justine Siegemun­din. Diese Frau ohne höhe­re Schulbildung drang in eine Männerdomäne ein und verfaßte 1690 ein zur damaligen Zeit vielbeach­tetes Hebammenbuch.

Wir versuchen, die gei­steswissenschaftliche Wirk­samkeit zu erfassen", be­schreiben Lothar Noack und Jürgen Splett ihr Vor­haben. Das Interessante und Neue ihrer For­schungsarbeiten seien der von ihnen behandelte Zeit­

raum sowie die Weite des zur Anwendung kommenden Literaturbegriffs. Somit werde der Gesamtkomplex der Künste und Wissen­schaften auf allen sozialen Ebenen unter­sucht.

Sie verstehen das Projekt alsDienstlei­stungsangebot für alle historisch relevanten Wissenschaftsdisziplinen; es könnte in Koor­dinierung mit Fachkollegen, die ähnliche Projekte bearbeiten, langfristig als For­schungsschwerpunkt zur Erfassung und Auswertung des brandenburgisch-preußi- schen Schrifttums der Frühen Neuzeit aus­gebaut werden." B.E.

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Die Erfassung und Auswertung von Gelegenheitsdrucken nimmt im Rahmen des WIP-Projektes einen besonderen Platz ein. Denn viele der in die Datenbank aufgenommenen Autoren haben Gelegenheitsgedichte verfaßt. Anlässe boten Geburt, Taufe, Hochzeit, Tod und andere wichtige Ereignisse im Leben eines Menschen. Hier handelt es sich um das Titelblatt eines Hochzeitsgedichtes, das der Lehrer Ferdinand Posth zur Eheschließung von Markgraf Philipp Wähelm mit Johanna Charlotta von Anhalt 1699 verfaßte. Abbildung: zg.

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PUTZ 2/95