Heft 
(1.1.2019) 03
Einzelbild herunterladen

EIN DESIDERAT IN DEUTSCHER FORSCHUNGSLANDSCHAFT

Interdisziplinäres Zentrum für Gerechtigkeitsforschung eröffnet

Der Gedanke, ein Zentrum für Gerechtigkeitsforschung an der Universität Potsdam zu etablieren, geht auf Prof. Dr. Dr. h.c. Wolfgang Edelstein zurück. Bereits bei der Grün­dungsarbeit für die Universität wies der Direktor des Max-Planck-Institutes für Bildungsforschung auf ein fehlendes ständiges Forum der mit Gerechtigkeitsforschung befaßten Wissenschaftler hin. Für das Vorhaben konnten sich alle Mitglieder des Gründungssenates erwärmen; auch im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes fand die Idee Unterstützung. Ende Januar 1995 war es nun soweit: Das Zentrum wurde im Beisein des Ministers Steffen Reiche feierlich eröffnet. Mit der Leitung der zweijährigen Aufbauphase ist der Psychologe Prof. Dr. Leo Montada von der Universität Trier betraut.

In seinen einleitenden Worten wies Prorek­tor Prof, Dr. Manfred Görtemaker auf die Notwendigkeit einer solchen Einrichtung hin, deren Bedarf durch schwierige aktuel­le Gerechtigkeitsprobleme belegt sei. Die Gründung an der Universität wollte er als Gewähr dafür verstanden wissen, daß es zu diesen Fragenkeine vorab feststehenden und bekannten Wahrheiten gibt, sondern daß hier Forschungs- und Aufklärungsbe­darf besteht. Die Berufung von Leo Mon­tada als Vertreter einer empirischen Wis­

senschaft sei als programmatische Ent­scheidung für die weitere Arbeit zu werten. Es habe sich, so anschließend der Minister für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg, bis zu ihm herumge­sprochen, daß Leo Montadaein besonde­res Gespür für divergierende Mentalitäten in Ost und West entwickelt hat und Gerechtigkeitspraxis mit nach Potsdam bringt. Er sei sich sicher, daß er auch das Zentrum mit großer Profession durch die ersten zwei Jahre führen werde.

In seinen Ausführungen spannte Steffen Reiche einen weiten Bogen vonden alten Fragen der Theozidee bis zur Gerechtigkeit

im globalen Kontext. Damit verbunden sei auch die Frage nach der Ambivalenz von Gerechtigkeit und Recht, Gleichheit und Freiheit, Erziehung und Selbstentfaltung. Für die Arbeit des Zentrums nannte der Minister drei persönliche Erwartungen: das Aufgreifen von Gerechtigkeitsproblemen, die den Brandenburgern unter den Nägeln brennen, Beiträge zur Verbesserung der Dialogkultur, und mit Blick auf die Verant­wortung einer universitären Ausbildungs­stätte sollten Lösungsansätze für die oft

sehr komplexen Probleme erarbeitet wer­den, die die Spanne zwischen existentiellen persönlichen Erfahrungen von Ungerech­tigkeit bis zu solchen globalen Ausmaßes umfassen. Gerade künftigen Lehrern müs­se man diese Probleme bewußt machen, so daß sie bereit sind, Antworten zu suchen und angemessene Formen der Auseinan­dersetzung darüber zu vermitteln. Gerechtigkeit, so Leo Montada in seinem Eröffnungsvortrag, sei eine der Grundfor­derungen im Zusammenleben der Men­schen, ob es sich um die Verteilung oder den Entzug von Gütern, Privilegien und Pflichten, um den Ausgleich von Schäden,

den Austausch zwischen Menschen oder um die Vergeltung guter bzw. böser Täten handele. Sie spiele eine Rolle beim Aus­tausch zwischen Gruppen, Populationen und Institutionen und gehöre zu den ent­scheidenden Voraussetzungen menschli­cher Ausgeglichenheit und Zufriedenheit. Sie bilde eine Voraussetzung für den inne­ren und äußeren Frieden sozialer Systeme. Ungerechtigkeiten würden zur Korrektur motivieren. Blieben sie jedoch bestehen, schlügen sie oft in Bitterkeit, Haß, Feindse­ligkeit und Aggression um.

An drei Beispielen illustrierte Montada, daß zwischen Gerechtigkeit für Individuen und jener für soziale Gruppen differenziert wer­den muß. Als Beispiel dienten ihm Umver­teilungen von West- nach Ostdeutschland, Quotenregelungen für Frauen und Rechts­fragen. Dabei stellte er z. B. die These auf, daß der Westen nach dem zweiten Welt­krieg glücklich zugeordnetoder plakativ ausgedrückt, die Freiheit des Westens durch das Opfer des Ostens erkauft wur­de. Hierfür sei auf der Ebene der Popula­tionen eine Kompensation zu leisten. Frag­lich sei allerdings, ob dies auch auf der Ebene der Individuen gelte, beispielweise für Menschen, die die Zuordnung Ost­deutschlands zum kommunistischen Sy­stem gewollt und den DDR-Staat als das bessere System präferiert hatten oder heu­te ansehen.

Quotenregelungen und andere Privilegie­rungen für Frauen seien unter Gerechtig­keitsaspekten insofern problematisch, als sie fälschlicherweise Frauen als eine sozia­le Gruppe betrachten würden, in der alle Mitglieder durch die Erfolge einzelner materiellen oder immateriellen Nutzen hät­ten. Als schwierige Materie kennzeichnete Montada die Verhängung von Sühnestrafen. Zumeist litten durch die Bestrafung auch Unschuldige, z.B. Familienangehörige. Deshalb müßten die Konsequenzen der Bestrafung in anderen Dimensionen, als gegenwärtig üblich, gesucht werden.

Im Zusammenhang mit der Dialogkultur stellte Montada eines seiner Grundprinzi­pien vor: Der Singular Gerechtigkeit ist eine Illusion und eine nicht ungefährliche Suggestion. Den Singular sollte man aus dem Sprachgebrauch nehmen. Es sei wichtig, sich auf konkurrierende Prinzipien und Ansichten zur Gerechtigkeit einzustel­len. Das realistische Ziel bestehe darin,die Summe der Ungerechtigkeiten zu reduzie­ren". Zur Verbesserung der Dialogkultur könne man u.a. auf die Prinzipien der Diskursethik, Erfahrungen aus der Moral­erziehung und Forschungen über Verfah­rensgerechtigkeiten zurückgreifen.

Die Darlegungen machten deutlich, welch schwierige und weitläufige Aufgaben vor dem neuen interdisziplinären Zentrum der U. 'versität stehen. Das Zentrum, so sein

ä*ss®i

/ LjS

Der Eröffnung des Zentrums für Gerechtigkeits-forschung wohnten zahlreiche Gäste bei. In der ersten Reihe (von links): Prof Dr. Leo Mondada; Steffen Reiche, Minister für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg: der ehemalige Brandenburgische Wissenschaftsminister, Hmrich Enderlein; Prof. Dr. Emst Schmeer, Universität Potsdam, und Hauke Krüger vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur. Foto: Rüffert

Seite 8

PUTZ 3/95