EIN DESIDERAT IN DEUTSCHER FORSCHUNGSLANDSCHAFT
Interdisziplinäres Zentrum für Gerechtigkeitsforschung eröffnet
Der Gedanke, ein Zentrum für Gerechtigkeitsforschung an der Universität Potsdam zu etablieren, geht auf Prof. Dr. Dr. h.c. Wolfgang Edelstein zurück. Bereits bei der Gründungsarbeit für die Universität wies der Direktor des Max-Planck-Institutes für Bildungsforschung auf ein fehlendes ständiges Forum der mit Gerechtigkeitsforschung befaßten Wissenschaftler hin. Für das Vorhaben konnten sich alle Mitglieder des Gründungssenates erwärmen; auch im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes fand die Idee Unterstützung. Ende Januar 1995 war es nun soweit: Das Zentrum wurde im Beisein des Ministers Steffen Reiche feierlich eröffnet. Mit der Leitung der zweijährigen Aufbauphase ist der Psychologe Prof. Dr. Leo Montada von der Universität Trier betraut.
In seinen einleitenden Worten wies Prorektor Prof, Dr. Manfred Görtemaker auf die Notwendigkeit einer solchen Einrichtung hin, deren Bedarf durch schwierige aktuelle Gerechtigkeitsprobleme belegt sei. Die Gründung an der Universität wollte er als Gewähr dafür verstanden wissen, daß es zu diesen Fragen „keine vorab feststehenden und bekannten Wahrheiten gibt, sondern daß hier Forschungs- und Aufklärungsbedarf besteht“. Die Berufung von Leo Montada als Vertreter einer empirischen Wis
senschaft sei als programmatische Entscheidung für die weitere Arbeit zu werten. Es habe sich, so anschließend der Minister für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg, bis zu ihm herumgesprochen, daß Leo Montada „ein besonderes Gespür für divergierende Mentalitäten in Ost und West entwickelt hat und Gerechtigkeitspraxis mit nach Potsdam bringt“. Er sei sich sicher, daß er auch das Zentrum mit großer Profession durch die ersten zwei Jahre führen werde.
In seinen Ausführungen spannte Steffen Reiche einen weiten Bogen von „den alten Fragen der Theozidee bis zur Gerechtigkeit
im globalen Kontext“. Damit verbunden sei auch die Frage nach der Ambivalenz von Gerechtigkeit und Recht, Gleichheit und Freiheit, Erziehung und Selbstentfaltung. Für die Arbeit des Zentrums nannte der Minister drei persönliche Erwartungen: das Aufgreifen von Gerechtigkeitsproblemen, die den Brandenburgern unter den Nägeln brennen, Beiträge zur Verbesserung der Dialogkultur, und mit Blick auf die Verantwortung einer universitären Ausbildungsstätte sollten Lösungsansätze für die oft
sehr komplexen Probleme erarbeitet werden, die die Spanne zwischen existentiellen persönlichen Erfahrungen von Ungerechtigkeit bis zu solchen globalen Ausmaßes umfassen. Gerade künftigen Lehrern müsse man diese Probleme bewußt machen, so daß sie bereit sind, Antworten zu suchen und angemessene Formen der Auseinandersetzung darüber zu vermitteln. Gerechtigkeit, so Leo Montada in seinem Eröffnungsvortrag, sei eine der Grundforderungen im Zusammenleben der Menschen, ob es sich um die Verteilung oder den Entzug von Gütern, Privilegien und Pflichten, um den Ausgleich von Schäden,
den Austausch zwischen Menschen oder um die Vergeltung guter bzw. böser Täten handele. Sie spiele eine Rolle beim Austausch zwischen Gruppen, Populationen und Institutionen und gehöre zu den entscheidenden Voraussetzungen menschlicher Ausgeglichenheit und Zufriedenheit. Sie bilde eine Voraussetzung für den inneren und äußeren Frieden sozialer Systeme. Ungerechtigkeiten würden zur Korrektur motivieren. Blieben sie jedoch bestehen, schlügen sie oft in Bitterkeit, Haß, Feindseligkeit und Aggression um.
An drei Beispielen illustrierte Montada, daß zwischen Gerechtigkeit für Individuen und jener für soziale Gruppen differenziert werden muß. Als Beispiel dienten ihm Umverteilungen von West- nach Ostdeutschland, Quotenregelungen für Frauen und Rechtsfragen. Dabei stellte er z. B. die These auf, daß der Westen nach dem zweiten Weltkrieg glücklich zugeordnet „oder plakativ ausgedrückt, die Freiheit des Westens durch das Opfer des Ostens erkauft wurde“. Hierfür sei auf der Ebene der Populationen eine Kompensation zu leisten. Fraglich sei allerdings, ob dies auch auf der Ebene der Individuen gelte, beispielweise für Menschen, die die Zuordnung Ostdeutschlands zum kommunistischen System gewollt und den DDR-Staat als das bessere System präferiert hatten oder heute ansehen.
Quotenregelungen und andere Privilegierungen für Frauen seien unter Gerechtigkeitsaspekten insofern problematisch, als sie fälschlicherweise Frauen als eine soziale Gruppe betrachten würden, in der alle Mitglieder durch die Erfolge einzelner materiellen oder immateriellen Nutzen hätten. Als schwierige Materie kennzeichnete Montada die Verhängung von Sühnestrafen. Zumeist litten durch die Bestrafung auch Unschuldige, z.B. Familienangehörige. Deshalb müßten die Konsequenzen der Bestrafung in anderen Dimensionen, als gegenwärtig üblich, gesucht werden.
Im Zusammenhang mit der Dialogkultur stellte Montada eines seiner Grundprinzipien vor:“ Der Singular Gerechtigkeit ist eine Illusion und eine nicht ungefährliche Suggestion. Den Singular sollte man aus dem Sprachgebrauch nehmen.“ Es sei wichtig, sich auf konkurrierende Prinzipien und Ansichten zur Gerechtigkeit einzustellen. Das realistische Ziel bestehe darin, „die Summe der Ungerechtigkeiten zu reduzieren". Zur Verbesserung der Dialogkultur könne man u.a. auf die Prinzipien der Diskursethik, Erfahrungen aus der Moralerziehung und Forschungen über Verfahrensgerechtigkeiten zurückgreifen.
Die Darlegungen machten deutlich, welch schwierige und weitläufige Aufgaben vor dem neuen interdisziplinären Zentrum der U. 'versität stehen. Das Zentrum, so sein
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Der Eröffnung des Zentrums für Gerechtigkeits-forschung wohnten zahlreiche Gäste bei. In der ersten Reihe (von links): Prof Dr. Leo Mondada; Steffen Reiche, Minister für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg: der ehemalige Brandenburgische Wissenschaftsminister, Hmrich Enderlein; Prof. Dr. Emst Schmeer, Universität Potsdam, und Hauke Krüger vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur. Foto: Rüffert
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