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SENSIBILITÄT FÜR MENSCHLICHES VERHALTEN BEWAHREN
Prof. Dr. Christoph Kleßmann hielt seine Antrittsvorlesung
Die methodischen Probleme der Vergleichbarkeit zweier ganz unterschiedlicher Diktaturen seien im Rahmen eines Vortrages nicht zu behandeln. Das betonte der Historiker Prof. Dr. Christoph Kleßmann gleich zu Beginn seiner Antrittsvorlesung auch deshalb, weil diese Thematik gegenwärtig vor allem politisch diskutiert werde. So beschäftigte sich der Inhaber des Lehrstuhls für Zeitgeschichte im Historischen Institut der Philosophischen Fakultät I mit dem Thema „Opposition und Resistenz in zwei Diktaturen“.
Die Beurteilung der DDR-Geschichte und der Opposition in der DDR bleibe in hohem Maße mitbestimmt von Einsichten und methodischen Standards, die in der den Nationalsozialismus betreffenden Forschung formuliert wurden. Dazu sollte die Erkenntnis gehören, daß mit den Schlüsselbegriffen Opposition und Resistenz zwei inhaltlich verwandte, aber deutlich voneinander zu unterscheidende Zugänge zu einem Zentralproblem moderner Diktaturen benannt werden könnten. Die Debatte um eine Ausdifferenzierung des Widerstandsbegriffs und die teilweise scharf formulierte Kritik am Konzept der Resistenz bildeten den Ausgangspunkt für sein Plädoyer, sie als unterschiedliche Problemstellungen voneinander zu trennen und auf diese Weise ihre Spezifik für die Analyse beider Diktaturen zu nutzen.
Zugespitzt formulierte der Vortragende in diesem Kontext seine These: „Die Gestapo war in Deutschland zur Aufrechterhaltung des Regimes tendenziell überflüssig, weil die freiwillig und über verschiedene Schienen laufende Denunziation in einem unvorstellbaren Ausmaß funktionierte“. Da die Regime-Loyalität in der DDR dagegen viel geringer gewesen sei als im Nationalsozialismus und die Denunziation nicht ähnlich effizient funktionierte, mußte der Überwa- chungs- und Verfolgungsapparat einen entsprechenden Umfang entwickeln. Die große Zahl der IM sei insofern der Ersatz für die schlecht funktionierende spontane Denunziation gewesen. Bei vergleichenden Untersuchungen müßten sowohl die unterschiedlichen Entwicklungsphasen der DDR als auch die Situation des geteilten Landes mit besonderen Bedrohungsvorstellungen und Informationsmöglichkeiten Berücksichtigung finden.
Im weiteren untersuchte Kleßmann, wo aus der Sicht der Herrschenden Opposition und Verweigerung begannen und wie rigoros jede Abweichung von der vorgegebenen totalitären Norm verfolgt wurde. Ttotz aller Schwierigkeiten könne in diesem Zusammenhang die Verwendung des Tbtalita- rismus-Begriffs dazu beitragen, die Differenz zwischen Anspruch und Wirklichkeit genauer zu erfassen. Das Etikett „totalitär“ tauge zwar wenig zur genauen Kennzeichnung der Systeme insgesamt, sei jedoch
zur Erfassung bestimmter Strukturelemente und Ansprüche nützlich. Mit dem aus der Medizin stammenden Begriff „Resistenz“, der nach Abwehr, Begrenzung und Eindämmung der NS-Herrschaft sowie ihres Anspruchs frage, befaßte sich der Referent anschließend. Unabhängig von zu erörternden Problemen sei hervorzuheben, daß mit diesem Ansatz ein deutlicher Perspektivenwandel verbunden gewesen sei. Damit würde näher betrachtet, wieweit sich bestimmte lokale, regionale, soziale, religiöse und altersspezifische Milieus mit ausgeprägten Verhaltensweisen und Mentalitäten dem totalitären Anspruch des Nationalsozialismus verweigerten, ohne daß sich bereits ein auf das Ganze oder auf wichtige Tfeilbereiche des Systems zielender Widerstand konstatieren ließe.
Fünfzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges wird es zahlreiche Rückblicke auf das Jahr 1945, den Weg dorthin und die Folgen geben. Fünfzig Jahre Abstand bieten die Möglichkeit, sich dieser Zäsur historischer und damit wissenschaftlicher, aber auch gerechter für die vielen Betroffenen und vielleicht zukunftsbezogener zu nähern. Mit dem Mauerfall und dem Zusammenbruch des Ostblocks ist manche Quelle zugänglich geworden, die Vermutungen bestätigt, andere Sichten erlaubt oder völlig neue Fragen aufwirft. Entstanden ist die seltene Chance, verschiedene Geschichtsauffassungen zu gleichen Gegenständen vom politischen Putz zu befreien und auf ihren Wahrheitsgehalt abzuklopfen. Wenn sich das geschichtsträchtige Jahr 1995 nicht in Reden, Kranzniederlegungen, Erinnerungen und Diskussionen über „Denkmäler“ - durchaus wichtige Aspekte - erschöpft, sondern es gelingt, etwas Boden für längerdauerndes Interesse an der Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte dieses Jahrhunderts zu schaffen, wäre viel gewonnen. In die Pflicht genommen sind hier u.a. die Hochschulen, die die wissenschaftlichen Daten und den Rahmen ihrer Bewertung vermitteln können.
An der Universität Potsdam werden in den nächsten Monaten eine Reihe von Veran-
Am Beispiel der Thomas-Schule und des Thomanerchores in Leipzig, als Typus einer im protestantisch-kirchlichen Traditionsmusterverwurzelten Oberschule, legte der Historiker Anpassung und Resistenz sowohl in der Zeit des Nationalsozialismus als auch der DDR dar. Im Ergebnis der Betrachtungen kam er zu dem Schluß, daß der historische Vergleich verdeutliche, wie tief die Unterschiede zwischen beiden Systemen und zwischen einzelnen Phasen eines diktatorischen Systems seien. Somit sei die Kennzeichnung „totalitäre Diktatur“ zwar nicht falsch, bleibe jedoch zu grob und verfehle die gesellschaftliche Wirklichkeit, sobald sich der Blick von politischen Strukturen, Funktionsmechanismen und ideologischen Ansprüchen auf die diffusen Realitäten alltäglichen Lebens und Verhaltens richte. Wer über Prägungen der eigenen Biographie durch Herkunft, Kultur, Geschlecht, Lebenswelt nachdenkt, wird immer auf die überindividuellen Bedingungsfaktoren stoßen, die eigenes Handeln und Handlungsspielräume bestimmen, Diese Bedingungen sucht die Sozialgeschichte genauer zu erfassen.“ Gleichwohl sei das Eigenrecht der individuellen Biographie, die Differenz zwischen dem generalisierenden Zugriff und der Verhaltensgeschichte des Einzelnen unverzichtbar. B.E.
VON 1995?
staltungen stattfinden, die sich im Sinne dieses Auftrags verstehen, Den Auftakt bildet die Konferenz „Der 8, Mai als historische Zäsur“, die gemeinsam vom Historischen Institut, dem Forschungsschwerpunkt Zeithistorische Forschungen und der Brandenburgischen Landeszentrale für Politische Bildung vom 7.-9. Mai veranstaltet wird. Am 10. Mai folgt ein Konzert mit jüdischen und Zigeunerliedern als Beitrag des Institutes für Musik und Musikpädagogik. „Umgang mit dem Unbegreiflichen“ ist Thema eines wissenschaftlichen Kolloquiums des Pädagogischen Instituts am 13. Mai.
Noch einmal, und zwar vom 31. Juli bis zum 2. August, bieten die Historiker Forschungsergebnisse im Rahmen eines Symposiums an. An historischer Stätte, im Schloß Cecilienhof, wird das Thema „Die Potsdamer Konferenz 1945- 1995“ erörtert. Beteiligt sind die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg sowie die Landeszentrale für Politische Bildung. Eine Bündelung vieler Aspekte wird am 1. Juni Prof. Dr. Jürgen Dittberner, Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten und Hochschullehrer an der Universität Potsdam, in seinem Vortrag Was bleibt? Politische Ausblicke nach den 50. Jahrestagen der Befreiungen" anbieten. De.
WAS BLEIBT
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PUTZ 3/95