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(1.1.2019) 03
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CAMPUS

SENSIBILITÄT FÜR MENSCHLICHES VERHALTEN BEWAHREN

Prof. Dr. Christoph Kleßmann hielt seine Antrittsvorlesung

Die methodischen Probleme der Vergleichbarkeit zweier ganz unterschiedlicher Dik­taturen seien im Rahmen eines Vortrages nicht zu behandeln. Das betonte der Histori­ker Prof. Dr. Christoph Kleßmann gleich zu Beginn seiner Antrittsvorlesung auch des­halb, weil diese Thematik gegenwärtig vor allem politisch diskutiert werde. So beschäf­tigte sich der Inhaber des Lehrstuhls für Zeitgeschichte im Historischen Institut der Phi­losophischen Fakultät I mit dem ThemaOpposition und Resistenz in zwei Diktaturen.

Die Beurteilung der DDR-Geschichte und der Opposition in der DDR bleibe in hohem Maße mitbestimmt von Einsichten und me­thodischen Standards, die in der den Natio­nalsozialismus betreffenden Forschung for­muliert wurden. Dazu sollte die Erkenntnis gehören, daß mit den Schlüsselbegriffen Opposition und Resistenz zwei inhaltlich verwandte, aber deutlich voneinander zu unterscheidende Zugänge zu einem Zen­tralproblem moderner Diktaturen benannt werden könnten. Die Debatte um eine Aus­differenzierung des Widerstandsbegriffs und die teilweise scharf formulierte Kritik am Konzept der Resistenz bildeten den Aus­gangspunkt für sein Plädoyer, sie als unter­schiedliche Problemstellungen voneinan­der zu trennen und auf diese Weise ihre Spezifik für die Analyse beider Diktaturen zu nutzen.

Zugespitzt formulierte der Vortragende in diesem Kontext seine These:Die Gestapo war in Deutschland zur Aufrechterhaltung des Regimes tendenziell überflüssig, weil die freiwillig und über verschiedene Schie­nen laufende Denunziation in einem unvor­stellbaren Ausmaß funktionierte. Da die Regime-Loyalität in der DDR dagegen viel geringer gewesen sei als im Nationalsozia­lismus und die Denunziation nicht ähnlich effizient funktionierte, mußte der Überwa- chungs- und Verfolgungsapparat einen ent­sprechenden Umfang entwickeln. Die gro­ße Zahl der IM sei insofern der Ersatz für die schlecht funktionierende spontane De­nunziation gewesen. Bei vergleichenden Untersuchungen müßten sowohl die unter­schiedlichen Entwicklungsphasen der DDR als auch die Situation des geteilten Landes mit besonderen Bedrohungsvor­stellungen und Informationsmöglichkeiten Berücksichtigung finden.

Im weiteren untersuchte Kleßmann, wo aus der Sicht der Herrschenden Opposition und Verweigerung begannen und wie rigo­ros jede Abweichung von der vorgegebe­nen totalitären Norm verfolgt wurde. Ttotz aller Schwierigkeiten könne in diesem Zu­sammenhang die Verwendung des Tbtalita- rismus-Begriffs dazu beitragen, die Diffe­renz zwischen Anspruch und Wirklichkeit genauer zu erfassen. Das Etiketttotalitär tauge zwar wenig zur genauen Kennzeich­nung der Systeme insgesamt, sei jedoch

zur Erfassung bestimmter Strukturelemente und Ansprüche nützlich. Mit dem aus der Medizin stammenden BegriffResistenz, der nach Abwehr, Begrenzung und Eindäm­mung der NS-Herrschaft sowie ihres An­spruchs frage, befaßte sich der Referent anschließend. Unabhängig von zu erörtern­den Problemen sei hervorzuheben, daß mit diesem Ansatz ein deutlicher Perspektiven­wandel verbunden gewesen sei. Damit würde näher betrachtet, wieweit sich be­stimmte lokale, regionale, soziale, religiöse und altersspezifische Milieus mit ausge­prägten Verhaltensweisen und Mentalitäten dem totalitären Anspruch des Nationalso­zialismus verweigerten, ohne daß sich be­reits ein auf das Ganze oder auf wichtige Tfeilbereiche des Systems zielender Wider­stand konstatieren ließe.

Fünfzig Jahre nach Ende des Zweiten Welt­krieges wird es zahlreiche Rückblicke auf das Jahr 1945, den Weg dorthin und die Folgen geben. Fünfzig Jahre Abstand bieten die Möglichkeit, sich dieser Zäsur histori­scher und damit wissenschaftlicher, aber auch gerechter für die vielen Betroffenen und vielleicht zukunftsbezogener zu nä­hern. Mit dem Mauerfall und dem Zusam­menbruch des Ostblocks ist manche Quel­le zugänglich geworden, die Vermutungen bestätigt, andere Sichten erlaubt oder völ­lig neue Fragen aufwirft. Entstanden ist die seltene Chance, verschiedene Geschichts­auffassungen zu gleichen Gegenständen vom politischen Putz zu befreien und auf ihren Wahrheitsgehalt abzuklopfen. Wenn sich das geschichtsträchtige Jahr 1995 nicht in Reden, Kranzniederlegungen, Erinnerun­gen und Diskussionen überDenkmäler - durchaus wichtige Aspekte - erschöpft, sondern es gelingt, etwas Boden für länger­dauerndes Interesse an der Auseinander­setzung mit der deutschen Geschichte die­ses Jahrhunderts zu schaffen, wäre viel ge­wonnen. In die Pflicht genommen sind hier u.a. die Hochschulen, die die wissenschaft­lichen Daten und den Rahmen ihrer Bewer­tung vermitteln können.

An der Universität Potsdam werden in den nächsten Monaten eine Reihe von Veran-

Am Beispiel der Thomas-Schule und des Thomanerchores in Leipzig, als Typus einer im protestantisch-kirchlichen Traditions­musterverwurzelten Oberschule, legte der Historiker Anpassung und Resistenz sowohl in der Zeit des Nationalsozialismus als auch der DDR dar. Im Ergebnis der Betrachtun­gen kam er zu dem Schluß, daß der histori­sche Vergleich verdeutliche, wie tief die Unterschiede zwischen beiden Systemen und zwischen einzelnen Phasen eines dik­tatorischen Systems seien. Somit sei die Kennzeichnungtotalitäre Diktatur zwar nicht falsch, bleibe jedoch zu grob und ver­fehle die gesellschaftliche Wirklichkeit, so­bald sich der Blick von politischen Struktu­ren, Funktionsmechanismen und ideologi­schen Ansprüchen auf die diffusen Realitä­ten alltäglichen Lebens und Verhaltens rich­te. Wer über Prägungen der eigenen Bio­graphie durch Herkunft, Kultur, Geschlecht, Lebenswelt nachdenkt, wird immer auf die überindividuellen Bedingungsfaktoren sto­ßen, die eigenes Handeln und Handlungs­spielräume bestimmen, Diese Bedingun­gen sucht die Sozialgeschichte genauer zu erfassen. Gleichwohl sei das Eigenrecht der individuellen Biographie, die Differenz zwischen dem generalisierenden Zugriff und der Verhaltensgeschichte des Einzel­nen unverzichtbar. B.E.

VON 1995?

staltungen stattfinden, die sich im Sinne dieses Auftrags verstehen, Den Auftakt bil­det die KonferenzDer 8, Mai als histori­sche Zäsur, die gemeinsam vom Histori­schen Institut, dem Forschungsschwer­punkt Zeithistorische Forschungen und der Brandenburgischen Landeszentrale für Po­litische Bildung vom 7.-9. Mai veranstal­tet wird. Am 10. Mai folgt ein Konzert mit jüdischen und Zigeunerliedern als Beitrag des Institutes für Musik und Musikpädago­gik.Umgang mit dem Unbegreiflichen ist Thema eines wissenschaftlichen Kolloqui­ums des Pädagogischen Instituts am 13. Mai.

Noch einmal, und zwar vom 31. Juli bis zum 2. August, bieten die Historiker Forschungs­ergebnisse im Rahmen eines Symposiums an. An historischer Stätte, im Schloß Cecilienhof, wird das ThemaDie Potsda­mer Konferenz 1945- 1995 erörtert. Betei­ligt sind die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg sowie die Landeszentrale für Politische Bildung. Eine Bündelung vieler Aspekte wird am 1. Juni Prof. Dr. Jürgen Dittberner, Direktor der Stif­tung Brandenburgische Gedenkstätten und Hochschullehrer an der Universität Pots­dam, in seinem Vortrag Was bleibt? Politi­sche Ausblicke nach den 50. Jahrestagen der Befreiungen" anbieten. De.

WAS BLEIBT

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PUTZ 3/95