WISSENSCHAFT AKTUELL
Einbindung vonnöten ist, um bis zur Spitze zu gelangen, soll beleuchtet werden.
In den wichtigsten Fragestellungen schließt die Analyse, so Professor Bürklin, an die Mannheimer Elitestudie von 1981 an. Eine Vergleichbarkeit mit ihr möchte der Politikwissenschaftler, der sich darüber freut, daß es ihm gelungen ist, „die Mannheimer Elitestudie" nach Potsdam geholt zu haben, auch herstellen. Doch die aus einem solchen Vergleich beispielsweise bezüglich Fragen des Werte- oder Einstellungswandels gezogenen Erkenntnisse sollen nun gleichfalls erweitert werden durch einen Einbezug der neuen Bundesländer. Dabei wird einer der spannenden Schwerpunkte folgender sein: Bisher galt die Erkenntnis, daß die Elite der alten Bundesrepublik über ein hohes Maß an gemeinsamen demokratischen Werteinstellungen und Verfahrensregeln zur Konfliktlösung verfügte. Die Existenz dieser „konsensual geeinten Elite" wiederum trug maßgeblich dazu bei, das politische System der Bundesrepublik seit den 60er Jahren nicht mehr grundsätzlich in Frage zu stellen. Allerdings scheint diese Wertewelt bei einem Tfeil der ostdeutschen Elite nicht vorhanden zu sein. Mit Hilfe der Elitestudie möchte man folglich überprüfen, ob durch die Wiedervereinigung und die damit verbundenen Probleme dieser Grundkonsens als Folge der erhöhten Heterogenität und mangelnden Integration gestört ist.
Ein weiterer Schwerpunkt des Projektes wird der Frage gelten, welche Folgen die deutsche Vereinigung auf die Rekrutierung in Elitepositionen der neuen Bundesländer hatte und welche Beziehungen sich daraus zu den Eliten in den alten Bundesländern ergaben, Hat die deutsche Einheit nun die Wege des Aufstiegs verändert oder nicht? Und ist die These der „Kolonialisierung“ Ostdeutschlands durch westdeutsche Eliteimporte richtig oder läßt sie sich nicht bestätigen?
In Form einer weiteren Komponente haben Prof. Bürklin und seine Mitarbeiter ferner vor, danach zu fragen, wo die Positionseliten der ehemaligen DDR geblieben sind. „Es gibt jeweils nur eine bestimmte Anzahl von Führungskräften in einer Gesellschaft. Auch bei einem Systemwechsel kann nur
eine begrenzte Zahl ausgewechselt werden, da die Positionselite eben nicht beliebig austauschbar ist“, erklärte Wilhelm Bürklin dazu.
Insgesamt wollen die Potsdamer Wissenschaftler Unterschiede der politischen Einstellungen, Wertorientierungen und Problemwahrnehmungen sowie die Wahrnehmung der eigenen Rolle bei den Eliten der verschiedenen Sektoren in den neuen und alten Bundesländern herausarbeiten, Dabei sollen auch die Kontaktstrukturen zwischen ihnen dargestellt werden, um daraus Schlußfolgerungen für den demokratischen politischen Prozeß im vereinten Deutschland ziehen zu können. „Es zeichnet sich immer stärker ab, daß viele politische Entscheidungen primär auf der Basis vermeintlicher Stimmungen und Positionen getroffen werden“, erläuterte der Politikwissenschaftler Bürklin dazu und fuhr fort: „Diesem Mißstand wollen wir durch unsere Analyse abhelfen, indem wir die tatsächlich vorhandenen Stimmungen aufzeigen und deren Verknüpfung sowohl mit fälligen Entscheidungen als auch mit den Stimmungen der Bevölkerung ermöglichen.“ Hg.
Auch sie gehören als Inhaber höchster Führungspositionen zum Adressatenkreis von Prof. Dr. Bürklin: Bundeskanzler Helmut Kohl und der brandenburgische Ministerpräsident Manfred Stolpe. Fotos: (Kohl) Bundeskanzleramt; (Stolpe) Rüffert
DER TRAUM VOM THERAPIE- UND BERATUNGSZENTRUM
Kognitionsorientierte Sprachwissenschaft in Potsdam
Zu wünschen ist es keinem, aber vor Schlaganfällen, Himoren oder Autounfällen ist niemand gefeit. In dieser Situation befindlich, hofft jeder auf fachgerechte Behandlung und Betreuung. Bei Patienten mit Himläsionen, also Verletzungen oder Störungen der Funktion des Gehirns, ist die Kirnst der Fachleute gefragt. So versuchen beispielsweise Neurolinguisten und Patholinguisten in jedem einzelnen Fäll, in Zusammenarbeit mit Medizinern herauszufinden, welche Sprachstörungen vorliegen und wie sie zu therapieren sind.
Die Neurolinguistik geht der Ffage des Zusammenhangs zwischen Gehirn und Sprache nach. In welchen Hirnregionen werden welche sprachlichen Phänomene primär verarbeitet? Welche Verbindungen sind zwischen den einzelnen Gebieten des Gehirns für die Sprachfähigkeit von Bedeutung? Die Analyse von Sprachstörungen, die infolge von Verletzungen des Gehirns auftreten, spielt dabei eine wesentliche
Rolle. Während die Neurolinguistik vorwiegend auf dem Gebiet der Theoriebildung Untersuchungen darüber anstellt, welche Schlüsse aus Störungsbildern nach Verletzungen über das Verhältnis von Gehirn und Sprache zu ziehen sind, beschäftigt sich die Patholinguistik (klinische Linguistik) mit den Sprachstörungen vornehmlich unter dem Gesichtspunkt der Verbesserung von Therapiemöglichkeiten.
Prof. Dr. Ria De Bleser, Geschäftsführende Direktorin des Institutes für Linguistik/Allgemeine Sprachwissenschaft und Inhaberin des Lehrstuhls für Patholinguistik/Kognitive Neurolinguistik, hatte schon sehr früh den Wunsch, sich intensiv mit diesem Wissenschaftsgebiet auseinanderzusetzen. Die Verwirklichung dessen war mit einigen Schwierigkeiten verbunden. Sie studierte zunächst im belgischen Leuven Germanistik, Anglistik und im Zweitstudium Orientalistik, besuchte regelmäßig Sommerkurse in England, absolvierte an der Harvard- Universität ein zweijähriges Postgradu
iertenstudium. Bevor die Wissenschaftlerin vor 17 Jahren nach ihrer Promotion über ein psycholinguistisches Thema zum Fremdsprachenerwerb an die Universität Aachen kam, beschäftigte sie sich aufgrund fehlender Angebote autodidaktisch mit der Neurolinguistik.
In Aachen dann schloß sie sich der interdisziplinären Forschungsgruppe „Aphasie und kognitive Störungen“ an, die sich mit den Folgen des Verlustes des Sprach- produktionsvermögens oder des Sprachverständnisses infolge von Erkrankungen des Sprachzentrums im Gehirn beschäftigt, Hier habe sie endlich das gefunden, wonach sie schon lange Ausschau hielt, Die Arbeit in der angeschlossenen Neurologischen Klinik war Tfeil ihrer Tätigkeit, viel Zeit konnte sie für Forschung nutzen, was ihren Intentionen sehr entgegenkam. Die Suche nach dem geeigneten Aufgabenfeld gestaltete sich aus historischen Gründen schwierig. Denn in Deutschland wurden zwar bis zum Ende des letzten Jahrhunderts auf dem
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PUTZ 3/95