Heft 
(1.1.2019) 03
Einzelbild herunterladen

WISSENSCHAFT AKTUELL

Einbindung vonnöten ist, um bis zur Spitze zu gelangen, soll beleuchtet werden.

In den wichtigsten Fragestellungen schließt die Analyse, so Professor Bürklin, an die Mannheimer Elitestudie von 1981 an. Eine Vergleichbarkeit mit ihr möchte der Politik­wissenschaftler, der sich darüber freut, daß es ihm gelungen ist,die Mannheimer Elite­studie" nach Potsdam geholt zu haben, auch herstellen. Doch die aus einem sol­chen Vergleich beispielsweise bezüglich Fragen des Werte- oder Einstellungs­wandels gezogenen Erkenntnisse sollen nun gleichfalls erweitert werden durch ei­nen Einbezug der neuen Bundesländer. Dabei wird einer der spannenden Schwer­punkte folgender sein: Bisher galt die Er­kenntnis, daß die Elite der alten Bundesre­publik über ein hohes Maß an gemeinsa­men demokratischen Werteinstellungen und Verfahrensregeln zur Konfliktlösung verfügte. Die Existenz dieserkonsensual geeinten Elite" wiederum trug maßgeblich dazu bei, das politische System der Bun­desrepublik seit den 60er Jahren nicht mehr grundsätzlich in Frage zu stellen. Allerdings scheint diese Wertewelt bei einem Tfeil der ostdeutschen Elite nicht vorhanden zu sein. Mit Hilfe der Elitestudie möchte man folg­lich überprüfen, ob durch die Wiederverei­nigung und die damit verbundenen Proble­me dieser Grundkonsens als Folge der er­höhten Heterogenität und mangelnden In­tegration gestört ist.

Ein weiterer Schwerpunkt des Projektes wird der Frage gelten, welche Folgen die deutsche Vereinigung auf die Rekrutierung in Elitepositionen der neuen Bundesländer hatte und welche Beziehungen sich daraus zu den Eliten in den alten Bundesländern ergaben, Hat die deutsche Einheit nun die Wege des Aufstiegs verändert oder nicht? Und ist die These derKolonialisierung Ostdeutschlands durch westdeutsche Elite­importe richtig oder läßt sie sich nicht be­stätigen?

In Form einer weiteren Komponente haben Prof. Bürklin und seine Mitarbeiter ferner vor, danach zu fragen, wo die Positions­eliten der ehemaligen DDR geblieben sind. Es gibt jeweils nur eine bestimmte Anzahl von Führungskräften in einer Gesellschaft. Auch bei einem Systemwechsel kann nur

eine begrenzte Zahl ausgewechselt wer­den, da die Positionselite eben nicht belie­big austauschbar ist, erklärte Wilhelm Bürklin dazu.

Insgesamt wollen die Potsdamer Wissen­schaftler Unterschiede der politischen Ein­stellungen, Wertorientierungen und Pro­blemwahrnehmungen sowie die Wahrneh­mung der eigenen Rolle bei den Eliten der verschiedenen Sektoren in den neuen und alten Bundesländern herausarbeiten, Dabei sollen auch die Kontaktstrukturen zwischen ihnen dargestellt werden, um daraus Schlußfolgerungen für den demokratischen politischen Prozeß im vereinten Deutsch­land ziehen zu können.Es zeichnet sich immer stärker ab, daß viele politische Ent­scheidungen primär auf der Basis vermeint­licher Stimmungen und Positionen getroffen werden, erläuterte der Politik­wissenschaftler Bürklin dazu und fuhr fort:Diesem Mißstand wol­len wir durch unsere Analyse ab­helfen, indem wir die tatsächlich vorhandenen Stimmungen aufzei­gen und deren Verknüpfung so­wohl mit fälligen Entscheidungen als auch mit den Stimmungen der Bevölkerung ermöglichen. Hg.

Auch sie gehören als Inhaber höchster Führungspositionen zum Adressatenkreis von Prof. Dr. Bürklin: Bundeskanzler Helmut Kohl und der brandenburgische Ministerpräsident Manfred Stolpe. Fotos: (Kohl) Bundeskanzleramt; (Stolpe) Rüffert

DER TRAUM VOM THERAPIE- UND BERATUNGSZENTRUM

Kognitionsorientierte Sprachwissenschaft in Potsdam

Zu wünschen ist es keinem, aber vor Schlaganfällen, Himoren oder Autounfäl­len ist niemand gefeit. In dieser Situation befindlich, hofft jeder auf fachgerechte Behandlung und Betreuung. Bei Patienten mit Himläsionen, also Verletzungen oder Störungen der Funktion des Gehirns, ist die Kirnst der Fachleute gefragt. So versu­chen beispielsweise Neurolinguisten und Patholinguisten in jedem einzelnen Fäll, in Zusammenarbeit mit Medizinern heraus­zufinden, welche Sprachstörungen vorlie­gen und wie sie zu therapieren sind.

Die Neurolinguistik geht der Ffage des Zu­sammenhangs zwischen Gehirn und Spra­che nach. In welchen Hirnregionen werden welche sprachlichen Phänomene primär verarbeitet? Welche Verbindungen sind zwischen den einzelnen Gebieten des Ge­hirns für die Sprachfähigkeit von Bedeu­tung? Die Analyse von Sprachstörungen, die infolge von Verletzungen des Gehirns auftreten, spielt dabei eine wesentliche

Rolle. Während die Neurolinguistik vorwie­gend auf dem Gebiet der Theoriebildung Untersuchungen darüber anstellt, welche Schlüsse aus Störungsbildern nach Verlet­zungen über das Verhältnis von Gehirn und Sprache zu ziehen sind, beschäftigt sich die Patholinguistik (klinische Linguistik) mit den Sprachstörungen vornehmlich unter dem Gesichtspunkt der Verbesserung von Therapiemöglichkeiten.

Prof. Dr. Ria De Bleser, Geschäftsführende Direktorin des Institutes für Linguistik/Allge­meine Sprachwissenschaft und Inhaberin des Lehrstuhls für Patholinguistik/Kognitive Neurolinguistik, hatte schon sehr früh den Wunsch, sich intensiv mit diesem Wissen­schaftsgebiet auseinanderzusetzen. Die Verwirklichung dessen war mit einigen Schwierigkeiten verbunden. Sie studierte zunächst im belgischen Leuven Germani­stik, Anglistik und im Zweitstudium Orien­talistik, besuchte regelmäßig Sommerkurse in England, absolvierte an der Harvard- Universität ein zweijähriges Postgradu­

iertenstudium. Bevor die Wissenschaftlerin vor 17 Jahren nach ihrer Promotion über ein psycholinguistisches Thema zum Fremdsprachenerwerb an die Univer­sität Aachen kam, beschäftigte sie sich auf­grund fehlender Angebote autodidaktisch mit der Neurolinguistik.

In Aachen dann schloß sie sich der inter­disziplinären ForschungsgruppeAphasie und kognitive Störungen an, die sich mit den Folgen des Verlustes des Sprach- produktionsvermögens oder des Sprach­verständnisses infolge von Erkrankungen des Sprachzentrums im Gehirn beschäftigt, Hier habe sie endlich das gefunden, wo­nach sie schon lange Ausschau hielt, Die Arbeit in der angeschlossenen Neurologi­schen Klinik war Tfeil ihrer Tätigkeit, viel Zeit konnte sie für Forschung nutzen, was ihren Intentionen sehr entgegenkam. Die Suche nach dem geeigneten Aufgabenfeld gestal­tete sich aus historischen Gründen schwie­rig. Denn in Deutschland wurden zwar bis zum Ende des letzten Jahrhunderts auf dem

Seite 22

PUTZ 3/95