WO, WENN NICHT IN POTSDAM?
Forschungsschwerpunkt Europäische Aufklärung kooperiert mit der Universität
Drei Dinge würden im Brandenburgischen nie ausgehen: der sprichwörtliche märkische Sand, Fontane- und Friedrich-Zitate, so der Minister für Wissenschaft, Forschung und Kultur, Steffen Reiche, bei der Eröffnung des neuen Hauses des Forschungsschwerpunktes Europäische Aufklärung in Potsdam. Was Friedrich II. betrifft, lieferte das aus diesem Anlaß Ende Februar 1995 durchgeführte Kolloquium einen Beweis dafür. Wissenschaftler verschiedenster Disziplinen näherten sich dem Thema „Friedrich II. und die europäische Aufklärung“. War es doch der Preußenkönig, der sich für Religionsfreiheit, Toleranz und Menschenrechte einsetzte, die Justiz von der Verwaltung trennte, das Recht vereinfachte und das Strafrecht humanisierte.
Neben dem Forschungsschwerpunkt Zeithistorische Studien (vgl. PUTZ 16/94) ist nun also auch jener der Europäischen Aufklärung in Potsdam präsent. Nach dem Umzug aus Berlin wurde die restaurierte Siemens-Villa in der Gregor-Mendel-Straße zum neuen Domizil. Ein ebenso geräumiges wie repräsentatives Gebäude. Der Weg dorthin war durchaus nicht immer eben. So gründete die Max-Planck-Gesellschaft auf Bitte des Wissenschaftsrates zum 1. Januar 1992 sieben geisteswissenschaftliche Forschungsschwerpunkte. Das Ziel bestand darin, Potentiale zu erhalten und gleichzeitig der außeruniversitären Forschung, verbunden mit universitätsnahen Organisationsformen, Entwicklungschancen in der deutschen Wissenschaftslandschaft einzuräumen. Bis Ende 1995 wird die Drägerschaft noch durch die Max-Planck- Gesellschaft fortgesetzt, dann soll die Überführung in dauerhafte Strukturen abgeschlossen sein. Auch für den Forschungsschwerpunkt Europäische Aufklärung verabschiedete der Wissenschaftsrat im November 1994 Empfehlungen zur Gründung eines Zentrums aus seinem Potential. Die Finanzierungsmodalitäten müssen jedoch der Bund und das Land Brandenburg noch endgültig regeln. Klar ist, daß das Land ein Drittel der Ausstattung trägt, Minister Reiche versicherte schon jetzt: Wir können uns nun zügig ans Gründen machen.“ Denn für den Jahreshaushalt 1996 würde die Deut
sche Forschungsgemeinschaft (DFG) als Hauptfinanzier Mittel über ihre Antragsverfahren bereitstellen. Bereits bis Mitte 1995 sollen nach internationaler Begutachtung ein Leiter und bis Mitte 1996 ein Leitungskollegium berufen sein.
Wie die anderen auch, setzt sich der Forschungsschwerpunkt Europäische Aufklärung aus mehrfach positiv evaluierten Mitarbeitern, in diesem Falle des Projektes zur 18. Jahrhundert-Forschung der ehemaligen Akademie der Wissenschaften zusammen. Aufgrund des Gegenstandes arbeiten Romanisten, Philosophiehistoriker, Germanisten, Slavisten, Neuzeithistoriker und Kunsthistoriker sowohl aus den neuen, aber ebenso aus den alten Bundesländern interdisziplinär an europäischen Themen aus deutscher Perspektive. Der Kommissarische Leiter, Prof, Dr. Martin Fontius, und seine fünfzehn Kollegen freuen sich darüber, daß mit dem „Forschungsschwerpunkt für Deutschland ein Forschungsgebiet erstmalig institutioneile Trägerschaft erlangt, das für die kulturhistorische und geistesgeschichtliche Selbstvergewisserung über die Werthorizonte, Rationalitäts- muster und Verfassungsgeschichte des heutigen Europa von besonderer Bedeutung ist". Es gäbe in der Bundesrepublik keinen geeigneteren Standort für diesen Gegenstand als in der unmittelbaren Nähe Sanssoucis.
Im Mittelpunkt der Forschung stehen sol
In Anwesenheit des Ministers für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg, Steffen Reiche (links), eröffnete Prof. Dr. Martin Fontius das erste Kolloquium im neuen Hause.
Foto: Tribukeit
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„Friedrich II. und die europäische Aufklärung“ gehört zum Themenkreis des Forschungsschwerpunktes.
Stahlstich (urp 1840) Rosmäsler nach L. Eltzholz
che Projekte wie: „Der Berlin-Brandenburger Raum als Zentrum aufklärerischer Kommunikation in Europa“, „Philosophische Grundpositionen der Aufklärung“, „Ikono- graphische Programme der Aufklärung“, „Politisch-emanzipatonsche Aufklärungspublizistik“ sowie „Aufklärung in Osteuropa“. In Verbindung damit befassen sich viele Mitarbeiter zugleich mit Editionsvorhaben wie dem Briefwechsel zwischen Humboldt und Rauch oder der Leibniz- Studientextausgabe.
Das Land Brandenburg und die Universität Potsdam haben sich zu einem sehr frühen Zeitpunkt, Ende 1992, für die Ansiedlung des Forschungsschwerpunktes in Potsdam ausgesprochen. Die wesentlich im 18. Jahrhundert geprägten regionalen Traditionen sind zweifellos ein wichtiges Argument dafür. Wir sind sehr froh, hier zu sein, weil wir neben den guten Arbeitsmöglichkeiten und der Aufgeschlossenheit von Ministerium und Universität in der Nähe der hervorragenden Archivbestände in Berlin geblieben sind, was sehr wichtig ist“, erläuterte die Koordinatorin des Schwerpunktes, Dr. Cornelia Buschmann.
Bereits seit dem Frühjahr 1993 gibt es eine gemeinsame Kolloquienreihe von Forschungsschwerpunkt und Universität zum umfangreichen Komplex der europäischen Geistesepoche des 17. und 18. Jahrhunderts. Für die Bearbeitung der osteuropäischen Aufklärung, insbesondere Polen betreffend, will sich Prof. Dr. Luise Schorn- Schütte, Inhaberin des Lehrstuhls Neuere Allgemeine Geschichte unter besonderer Berücksichtigung der Frühen Neuzeit, ein- setzen. Zwei Habilitationsschriften, die Mitarbeiter ihres Bereiches anfertigen, widmen sich direkt der Aufklärungsforschung,
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PUTZ 4/95