ANSTÖSSE FÜR DEN BERLIN-BRANDENBURGER RAUM
Prof. Dr. Eberhard Stölting zum Sprecher des Verbundes für Sozialanthropologie gewählt
Markttreiben ermöglicht immer auch vielfältige Kommunikation. Man stelle sich vor, der Würstchenverkäufer wäre kein Handeltreibender, sondern Sozialwissenschaftler. Zugegebenermaßen etwas ungewöhnlich, aber das muß nicht nur ein Gedankenexperiment sein. Denn unter diesen Bedingungen läßt es sich besonders gut und unkompliziert „über Gott und die Welt“ reden. Und genau das liefert umfangreiches Material für die sozialanthropologische Forschung.
so dem europäischen Bürgertum in der Aufklärung und der Geistlichkeit in der italienischen Aufklärung. Die Historiker der Universität haben darüber hinaus einer Mitarbeiterin des Forschungsschwerpunktes einen Lehrauftrag übergeben. Auf diese Weise wird begonnen, auch die Zusammenarbeit im Bereich der Lehre zu vollziehen. Mit dem Sommersemester bieten sie eine Lehrveranstaltung zur „Europäischen Aufklärung“ an.
Auch die Romanistin Prof. Dr. Gerda Häßler, seit ihrer Berufung 1993 an die Universität Potsdam Inhaberin des Lehrstuhls Linguistik und Angewandte Sprachwissenschaft, fühlt sich der Aufklärungsforschung verpflichtet. Innerhalb der beiden Philosophischen Fakultäten sei es Konsens, Bezüge zu diesem Wissenschaftsgebiet herzustellen. Die bereits in der Planungsphase interdisziplinär angelegten Projekte würden eine Kooperation ermöglichen, wie sie im rein universitären Rahmen nicht oder nur sehr schwer realisierbar sei. Im Wintersemester 1995/96 wird innerhalb der Romanistik eine Vorlesungsreihe mit dem Schwerpunkt Aufklärung offeriert. „Durch die Bündelung sowohl der verschiedenen romanischen Literaturen als auch der Sprachwissenschaft wollen wir Interessen wecken“, beschrieb Gerda Häßler das Anliegen. Steffen Reiche erwartet und hofft gleichfalls, daß die Wissenschaftler „Einfluß und Auswirkungen auf die Ausbildung von Lehrern und damit auf die von Schülern bekommen“ . An die Mitarbeiter des Forschungsschwerpunktes gerichtet, sagte er: „Mit Ihrer Arbeit leisten Sie em Stück Standortbestimmung und Orientierung gerade in einer Zeit des Umbruchs, der Transformation und der Neuorientierung, auf die wir nicht verzichten können". B .E.
Wf r -
Nach dem Umzug aus Berlin haben die Mitarbeiter des Forschungsschwerpunktes Europäische Aufklärung ihr neues Domizil in der Potsdamer Gregor-Mendel-Straße gefunden.
Foto: Tribukeit
Einer von jenen, der sich an der Potsdamer Universität neben der Geschichte der Soziologie und anderem mit diesem Bereich, also dem intensiven Befragen von Personen zu unterschiedlichsten Themenkreisen, befaßt, ist Prof. Dr. Erhard Stölting. Dem Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Soziologie in der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät geht es dabei nicht um große quantitative Übersichten oder Reprä
sentativerhebungen, sondern um punktuell gründliches Interviewen und Beobachten. Auf der Basis von historischem und strukturellem Wissen gilt es, daraus Schlüsse zu ziehen, Mit Hilfe all dessen lassen sich beispielsweise Veränderungsprozesse von Industriegesellschaften in den Ländern West- und Osteuropas unter sozialanthropologischer Sicht näher beleuchten. Dieses Anliegen intensiver verfolgend, gründeten Ende vergangenen Jahres Wissenschaftler mehrerer Einrichtungen am Centre Marc Bloch in Berlin den Verbund für die Sozialanthropologie von Industriegesellschaften“. Bereits seit Jahrzehnten in den angelsächsischen Ländern und in Frankreich erprobte Ansätze wollen die Initiatoren des Verbundes verstärkt in Deutschland zur Geltung bringen. Für die Forschung insbesondere im Berlin-Brandenburger Raum sollen so wesentliche Anstöße gegeben und gleichzeitig Zeichen für die zu verstärkende Kooperation zwischen sozialwissen- schafthchen Institutionen beider Länder gesetzt werden. Gründungsmitglieder des
Verbundes sind Akademiker der drei Berliner Universitäten, der Europa-Universität Viadrina Frankfurt/Oder, des Wissenschaftszentrums Berlin, des Wissenschaftskollegs Berlin, des Centre Marc Bloch und der Universität Potsdam. Als ihren Sprecher wählten sie Prof. Dr. Erhard Stölting. Seme Aufgabe besteht nicht zuletzt dann, sich bei der Brandenburger Regierung um finanzielle Mittel zu bemühen. Vorlesungsreihen,
Seminare und Sommerschulen gehören ebenso zu den Vorhaben wie die Erstellung eines Stipendienprogramms für Nachwuchswissenschaftler. Ein internationaler Beirat wählt jeweils die Stipendiaten aus. Eine Feldforschungssommerschule in Jablonec vereinte bereits im Sommer 1994 junge Wissenschaftler. In der „Stadt des Glases“ übten sie sich im Umgang mit Verfahren der qualitativen Sozialforschung bei Befragungen zur Kommunalpolitik und -Verwaltung, zur jüngsten Geschichte wie zu konkreten Lebensumständen,
Odessa ist in diesem Jahr der Austragungsort der Sommerschule, die nach dem Wunsch Erhard Stöltings nicht die letzte sein und dann auch unter Beteiligung Potsdamer Studierender stattfinden möge. Die Aktivitäten des Verbundes unterstützt der Wissenschaftler im Rahmen seiner Forschungsprojekte, die sich u.a. mit Verwaltungskulturen, gemeinsam mit russischen Kollegen bearbeitet, und der Wahrnehmung von Wandlungsprozessen in Kleinmachnow beschäftigen sollen. B.E.
Für Gespräche und Beobachtungen bieten sich dem Soziologen auch auf dem Markt am Potsdamer Bassinplatz günstige Gelegenheiten. Foto: Tribukeit
* 1 Ur
sUSt
-iliäis;
PUTZ 4/95
Seite 9