Heft 
(1.1.2019) 04
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Lehrer können Zusatzqualifikation als Beratungslehrer erwerben

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Anhand von Videos analysieren die Fernstudenten Gespräche, die im Zusammenhang mit Rollen­spielen stehen und für ihre praktische Tätigkeit von Relevanz sind. Anleitung und Unterstützung erfahren sie dabei von ihrer Trainerin Dr. Brigitta Ketz (Dritte von rechts) aus dem Bereich Sozial- psychologie des Institutes für Psychologie. Foto: Tribukeit

Überforderte Lehrer, gestreßte Schüler, unzufriedene Eltern, Kommunikations­schwierigkeiten zwischen ihnen - so stellt sich häufig der Schulalltag dar. Die stets auf dem Präsentierteller stehenden Lehrerinnen und Lehrer müssen neben der Wissensvermittlung im jeweiligen Fach ein Bündel von Aufgaben lösen. Der Umgang mit Menschen, noch dazu jun­gen, erfordert bekanntermaßen Finger­spitzengefühl und Einfühlungsvermögen. Nicht jeder hat das richtigefeeling da­für. Um interessierte Lehrer stärker mit Handlungskompetenz in dieser Richtung auszustatten, entwickelte das Institut für Psychologie der Philosophischen Fakultät II der Universität Potsdam ein Konzept zur Ausbildung von Beratungslehrem.

Seit 1991 bieten die Wissenschaftler eine Zusatzqualifikation für in der Praxis bereits tätige Pädagogen an, die sie in die Lage versetzen soll, Fehlentwicklungen, Verhal­tens- und Lernstörungen von Kindern und Jugendlichen frühzeitig zu erkennen, Hand­reichungen anzubieten und vorbeugend wirksam zu sein. Diese Idee verfolgen Prof. Dr. Bärbel Kirsch, Dekanin der Philosophi­schen Fakultät II und Inhaberin des Lehr­stuhls für Didaktik der Psychologie/Pädago­gische Psychologie, und ihre Mitarbeiter bereits seit 1989.Es ging uns darum, zu einem System von aufzubauenden psycho­logischen Beratungsdiensten den Lehrern, Eltern und Schülern Vertrauenspersonen zur Seite zu stellen." Denn die wenigen der­zeit im Einsatz befindlichen Schulpsycholo­gen können die auf Unterstützung Hoffen­den angesichts der großen Schülerzahlen nicht so intensiv betreuen, wie es erforder­lich wäre. Emzelfallhilfe ist unter den gege­benen Bedingungen unmöglich.

Unterstützung für Schüler,

Eltern und Lehrer

Auch die sich aus der wachsenden Diffe­renzierung und damit verbundenen Kom­plexität des Schulwesens ergebenden zu­nehmenden Anforderungen in diesem Be­reich zeigen die Berechtigung und Notwen­digkeit des Einsatzes von Beratungsleh­rern. Beziehen sich ihre Aufgaben doch auf die direkte Unterstützung und Konsultation von Schülern, Eltern und Lehrern. Die ge­meinsame Erarbeitung von Empfehlungen zur Prophylaxe und Überwindung von Entwicklungsproblemen, zur Förderung von Begabungen und zu Schul- bzw. Bil­dungslaufbahnentscheidungen stehen da­bei im Mittelpunkt.

Hinzu kommt, daß die Ausbildungsinhalte pädagogischer Studienrichtungen lange

Zeit zu wenig darauf ausgerichtet waren, zur Verhütung von psychischen Fehlent­wicklungen beizutragen sowie Erkenntnis­se und elementare Fähigkeiten und Fertig­keiten im entwicklungsförderlichen Um­gang mit Kindern und Jugendlichen zu ver­mitteln.

Schwierige Situation

Aus dem ursprünglich als eigenständig konzipierten Studiengang entwickelte sich zum Bedauern von Bärbel Kirschnur" ein viersemestnges Fernstudium, Die zahlrei­chen Gespräche mit dem Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg zur Etablierung eines Sy­stems von Beratungslehrern im Land Bran­denburg sind bisher leider ergebnislos ver­laufen. Aber damit will sie sich nicht zufrie­den geben.

Das Problematische der Situation verdeut­lichend, bemerkt die Psychologin dazu:Es scheint nahezu, als gäbe man eher viel Geld für die Bearbeitung der Folgen von Fehlentwicklungen aus, statt Investitionen in die Zukunft zu betreiben, indem man im Vorfeld Fehlentwicklungen verhindert bzw. präventiv tätig wird.

Die Reform des Bildungswesens könne nur dann durchgreifend wirksam werden, wenn sie ein differenziertes Beratungsangebot begleitet. Deshalb strebt die Dekanin an, für jeweils 500 Schüler einen Beratungslehrer zur Verfügung zu stellen. Übrigens gibt es im Land Bayern ca, 5000 dieser Pädago­gen, die neben ihrer Unterrichtstätigkeit die

Fach- und Klassenlehrer unterstützen,

Fernstudium erfordert Engagement und Idealismus

Anfangs immatrikulierten sich 30 bis 40 Stu­dierende pro Semester an der Potsdamer Universität, um sich Spezialkenntnisse der Persönlichkeitspsychologie, der Biopsycho­logie, der Entwicklungspsychologie, des Gesprächstrainings, der Diagnostik, Stati­stik, Psychotherapie, Sozialpsychologie, des Schulrechts und anderer Bereiche an­zueignen. Heute nehmen pro Jahr ungefähr 15 Lehrer die Strapazen eines Fernstudi­ums auf sich, weder durch Abminderungs­stunden noch durch finanzielle Mittel unter­stützt. Die Befindlichkeiten der Schüler sind das Motiv für dieseIdealisten. Potsdams zuständige Schulrätin für die Sekundarstufe I, Petra Knobloch, freut sich über die fach­liche Kompetenz der Beratungslehrer, ver­weist jedoch die Entscheidung über deren Status an die Direktoren der Schulen.

Ausbau der psychologischen Beratung wünschenswert

Ungeachtet dessen erhielt Ende vergange­nen Jahres das inzwischen IV Matrikel aus den Händen Prof. Kirschs ihre Zeugnisse. Damit verfügt das Land Brandenburg nun immerhin über ca. 100 Lehrer für psycholo­gische Beratung. Wenn man allerdings be­denkt, daß allein in der Stadt Potsdam 22 500 Kinder und Jugendliche Schulen ver­schiedener Formen besuchen, eine wesent­lich zu geringe Zahl. B.E.

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PUTZ 4/95