VERTRAUEN SCHAFFEN
Lehrer können Zusatzqualifikation als Beratungslehrer erwerben
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Anhand von Videos analysieren die Fernstudenten Gespräche, die im Zusammenhang mit Rollenspielen stehen und für ihre praktische Tätigkeit von Relevanz sind. Anleitung und Unterstützung erfahren sie dabei von ihrer Trainerin Dr. Brigitta Ketz (Dritte von rechts) aus dem Bereich Sozial- psychologie des Institutes für Psychologie. Foto: Tribukeit
Überforderte Lehrer, gestreßte Schüler, unzufriedene Eltern, Kommunikationsschwierigkeiten zwischen ihnen - so stellt sich häufig der Schulalltag dar. Die stets auf dem Präsentierteller stehenden Lehrerinnen und Lehrer müssen neben der Wissensvermittlung im jeweiligen Fach ein Bündel von Aufgaben lösen. Der Umgang mit Menschen, noch dazu jungen, erfordert bekanntermaßen Fingerspitzengefühl und Einfühlungsvermögen. Nicht jeder hat das richtige „feeling“ dafür. Um interessierte Lehrer stärker mit Handlungskompetenz in dieser Richtung auszustatten, entwickelte das Institut für Psychologie der Philosophischen Fakultät II der Universität Potsdam ein Konzept zur Ausbildung von Beratungslehrem.
Seit 1991 bieten die Wissenschaftler eine Zusatzqualifikation für in der Praxis bereits tätige Pädagogen an, die sie in die Lage versetzen soll, Fehlentwicklungen, Verhaltens- und Lernstörungen von Kindern und Jugendlichen frühzeitig zu erkennen, Handreichungen anzubieten und vorbeugend wirksam zu sein. Diese Idee verfolgen Prof. Dr. Bärbel Kirsch, Dekanin der Philosophischen Fakultät II und Inhaberin des Lehrstuhls für Didaktik der Psychologie/Pädagogische Psychologie, und ihre Mitarbeiter bereits seit 1989. „Es ging uns darum, zu einem System von aufzubauenden psychologischen Beratungsdiensten den Lehrern, Eltern und Schülern Vertrauenspersonen zur Seite zu stellen." Denn die wenigen derzeit im Einsatz befindlichen Schulpsychologen können die auf Unterstützung Hoffenden angesichts der großen Schülerzahlen nicht so intensiv betreuen, wie es erforderlich wäre. Emzelfallhilfe ist unter den gegebenen Bedingungen unmöglich.
Unterstützung für Schüler,
Eltern und Lehrer
Auch die sich aus der wachsenden Differenzierung und damit verbundenen Komplexität des Schulwesens ergebenden zunehmenden Anforderungen in diesem Bereich zeigen die Berechtigung und Notwendigkeit des Einsatzes von Beratungslehrern. Beziehen sich ihre Aufgaben doch auf die direkte Unterstützung und Konsultation von Schülern, Eltern und Lehrern. Die gemeinsame Erarbeitung von Empfehlungen zur Prophylaxe und Überwindung von Entwicklungsproblemen, zur Förderung von Begabungen und zu Schul- bzw. Bildungslaufbahnentscheidungen stehen dabei im Mittelpunkt.
Hinzu kommt, daß die Ausbildungsinhalte pädagogischer Studienrichtungen lange
Zeit zu wenig darauf ausgerichtet waren, zur Verhütung von psychischen Fehlentwicklungen beizutragen sowie Erkenntnisse und elementare Fähigkeiten und Fertigkeiten im entwicklungsförderlichen Umgang mit Kindern und Jugendlichen zu vermitteln.
Schwierige Situation
Aus dem ursprünglich als eigenständig konzipierten Studiengang entwickelte sich zum Bedauern von Bärbel Kirsch „nur" ein viersemestnges Fernstudium, Die zahlreichen Gespräche mit dem Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg zur Etablierung eines Systems von Beratungslehrern im Land Brandenburg sind bisher leider ergebnislos verlaufen. Aber damit will sie sich nicht zufrieden geben.
Das Problematische der Situation verdeutlichend, bemerkt die Psychologin dazu: „Es scheint nahezu, als gäbe man eher viel Geld für die Bearbeitung der Folgen von Fehlentwicklungen aus, statt Investitionen in die Zukunft zu betreiben, indem man im Vorfeld Fehlentwicklungen verhindert bzw. präventiv tätig wird.“
Die Reform des Bildungswesens könne nur dann durchgreifend wirksam werden, wenn sie ein differenziertes Beratungsangebot begleitet. Deshalb strebt die Dekanin an, für jeweils 500 Schüler einen Beratungslehrer zur Verfügung zu stellen. Übrigens gibt es im Land Bayern ca, 5000 dieser Pädagogen, die neben ihrer Unterrichtstätigkeit die
Fach- und Klassenlehrer unterstützen,
Fernstudium erfordert Engagement und Idealismus
Anfangs immatrikulierten sich 30 bis 40 Studierende pro Semester an der Potsdamer Universität, um sich Spezialkenntnisse der Persönlichkeitspsychologie, der Biopsychologie, der Entwicklungspsychologie, des Gesprächstrainings, der Diagnostik, Statistik, Psychotherapie, Sozialpsychologie, des Schulrechts und anderer Bereiche anzueignen. Heute nehmen pro Jahr ungefähr 15 Lehrer die Strapazen eines Fernstudiums auf sich, weder durch Abminderungsstunden noch durch finanzielle Mittel unterstützt. Die Befindlichkeiten der Schüler sind das Motiv für diese „Idealisten“. Potsdams zuständige Schulrätin für die Sekundarstufe I, Petra Knobloch, freut sich über die fachliche Kompetenz der Beratungslehrer, verweist jedoch die Entscheidung über deren Status an die Direktoren der Schulen.
Ausbau der psychologischen Beratung wünschenswert
Ungeachtet dessen erhielt Ende vergangenen Jahres das inzwischen IV Matrikel aus den Händen Prof. Kirschs ihre Zeugnisse. Damit verfügt das Land Brandenburg nun immerhin über ca. 100 Lehrer für psychologische Beratung. Wenn man allerdings bedenkt, daß allein in der Stadt Potsdam 22 500 Kinder und Jugendliche Schulen verschiedener Formen besuchen, eine wesentlich zu geringe Zahl. B.E.
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PUTZ 4/95