ZUM ENDE VON 1945 GEHÖRT AUCH DER ANFANG VON 1933
Wissenschaftliche Konferenz aus Anlaß des 50. Jahrestages der Befreiung vom Faschismus
200 Jahre nach der Grundsteinlegung des Schlosses Sanssouci und 100 Jahre nach der der FHedenskirche heulten am 14. April 1945 gegen 22.15 Uhr in Potsdam die Sirenen auf. Das sich anschließende ca. 20minütige Bombardement, eines der letzten des Zweiten Weltkrieges, ließ das barocke Stadtzentrum in Schutt und Asche sinken. Dieser Ort, „als symbolischer historischer Name, als Ausdruck einer äußerst widersprüchlichen Tradition weist zurück auf die aus der preußisch-deutschen Vergangenheit herrührenden Belastungen“, ermögliche jedoch zugleich neue Zugänge, so der Historiker Prof. Dr. Christoph Kleßmann von der Universität Potsdam. Dort, wo vor 50 Jahren das Potsdamer Stadtschloß seinen Platz hatte, trafen sich Anfang Mai Fachwissenschaftler, Lehrer, Studierende und weitere Interessierte zu der dreitägigen wissenschaftlichen Konferenz mit internationaler Beteiligung „Der 8. Mai 1945 als historische Zäsur“.
Das barocke Stadtzentrum Potsdams, hier das Rathaus (links) und der Palast Barberim, fiel am 14. April 1945 dem Bombenhagel zum Opfer. Foto: MaxBaur
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Der 50. Jahrestag der Befreiung, ein europäisches wie deutsches Datum, bietet den Anlaß für zahlreiche Veranstaltungen, die jede auf ihre Weise zur Aufklärung und öffentlichen Diskussion beitragen wollen. Sowohl die Erinnerung an das Jahr 1945 wachzuhalten, als auch den Blick auf teilweise besorgniserregende Entwicklungen der Gegenwart zu lenken, ist ihr erklärtes Ziel. Der eng mit der Universität Potsdam kooperierende Forschungsschwerpunkt Zeithistorische Studien und die Branden- burgische Landeszentrale für politische Bildung luden mit ihrer Tägung zur Diskussion neuer Forschungsergebnisse ein und stellten sie einem größeren Kreis vor, um auf diese Weise historische Forschung und politische Reflexion zu verbinden, damit eine unverwechselbare Note in der großen Zahl der Gedenkveranstaltungen zu bieten. Bevor sich der Blick auf 1945 richte, „auf
eine Niederlage, die auch für Deutschland eine Befreiung war", empfahl Christoph Kleßmann, einer der beiden Kommissarischen Leiter des Forschungsschwerpunktes, von ihm als elementar bezeichnete historische Zusammenhänge ins Gedächtnis zu rufen: „Zum Ende von 1945 gehört auch der Anfang von 1933“. Außerdem betonte er, wie andere Tagungsteilnehmer auch, daß sich mit „dem Ende des kommunistischen Systems in Europa und dem Ende des Ost- West-Konflikts 1990“ die Kategorien der historisch-politischen Urteile, auch für das Jahr 1945, verschoben hätten. Heute könne sich der Blick unvoreingenommener auf die neuen Formen von Gewalt und Zerstörung, die mit der Befreiung Europas vom Nationalsozialismus verbunden waren und dieser Befreiung folgten, richten. Hervorgehoben wurde, daß mit der Vereinigung beider deutscher Staaten die Chance eines Lern
prozesses in Fragen der Toleranz gegeben sei. So sei 1945 nicht mehr als „Endpunkt", sondern Scharnier der Geschichte anzusehen, bemerkte Prof. Dr. Konrad Jarausch, Chapel Hill/Potsdam. Unter den neuen Bedingungen bleibe diese Zäsur eine Mahnung an Rassenhaß und Chauvinismus, aber möglicherweise ebenso ein Beispiel für die Veränderung politischer Kultur in mehreren Generationen.
Drei Dimensionen, mit denen sich die Geschichtswissenschaft auseinandersetzt, bildeten die Themenabschnitte der Konferenz: Ereignis, Erfahrung und Deutung. Die deutsch-polnischen Beziehungen mit ihrer historischen Spezifik in den Mittelpunkt rük- kend, stellten die Referenten in der Eröffnungsveranstaltung Überlegungen, das Jahr 1945 betreffend, aus deutscher, polnischer und europäischer Perspektive an. Der erste Außenminister der Republik Polen nach dem Zusammenbruch des Sozialismus und jetzige Professor für Völkerrecht in Warschau, Krzysztof Skubiszewski, verwies auf den heute guten Stand der Beziehungen zwischen Deutschen und Polen. Wir haben den Frieden schon in Verstand und in der Seele gefunden...Das ist gut für die Zukunft..., und dieser Zukunft sollten sich die beiden Völker widmen".
In den Sektionen „Kriegsende und Besetzung" und „Die ‘Stunde Null’“ debattierten die Teilnehmer, soweit quellenmäßig erfaßt, über Ereignisse während des militärischen Zusammenbruchs, Erfahrungen der Bevölkerung und verschiedenartige Deutungsmuster. Thematisiert wurden ebenso der „Neuaufbau zwischen Kontinuität und Wandel" sowie „Die Folgewirkungen". Angesichts des Grauens, auch das schrecklichste Kapitel der neueren Geschichte, den Holocaust, vor Augen, fragten nicht nur Historiker, ob der zeitliche Abstand groß genug ist, unbefangen mit dieser Thematik umzugehen. Den in letzter Zeit stärker beachteten schriftlichen und mündlichen persönlichen Schilderungen berühmter Zeitgenossen und der sogenannten einfachen Menschen sind ihre damaligen Befürchtungen zu entnehmen, mit den unauslöschlichen Bildern des Schreckens nicht weiterleben zu können. Wobei deutlich wurde, daß es in jeder Hinsicht sinnvoller und verantwortungsvoller ist, öffentlich zu diskutieren als zu verdrängen. Der Mimsterpäsi- dent des Landes Brandenburg führte die Gedanken des Histonkers Fritz Stern weiter, der als den wirklichen Bruch in der deutschen Geschichte nicht Hitlers Aufstieg zur Macht, sondern sein Ende bezeichnete. Manfred Stolpe schlußfolgerte daraus : Wer für immer ausschließen will, was zwischen 1933 und 1945 in und durch Deutschland geschah, darf nicht bei einer Politik Anleihe nehmen, die Hitler möglich machte“.
B.E.
PUTZ 5/95
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