Heft 
(1.1.2019) 05
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ZUM ENDE VON 1945 GEHÖRT AUCH DER ANFANG VON 1933

Wissenschaftliche Konferenz aus Anlaß des 50. Jahrestages der Befreiung vom Faschismus

200 Jahre nach der Grundsteinlegung des Schlosses Sanssouci und 100 Jahre nach der der FHedenskirche heulten am 14. April 1945 gegen 22.15 Uhr in Potsdam die Sirenen auf. Das sich anschließende ca. 20minütige Bombardement, eines der letzten des Zwei­ten Weltkrieges, ließ das barocke Stadtzentrum in Schutt und Asche sinken. Dieser Ort, als symbolischer historischer Name, als Ausdruck einer äußerst widersprüchlichen Tradition weist zurück auf die aus der preußisch-deutschen Vergangenheit herrühren­den Belastungen, ermögliche jedoch zugleich neue Zugänge, so der Historiker Prof. Dr. Christoph Kleßmann von der Universität Potsdam. Dort, wo vor 50 Jahren das Pots­damer Stadtschloß seinen Platz hatte, trafen sich Anfang Mai Fachwissenschaftler, Lehrer, Studierende und weitere Interessierte zu der dreitägigen wissenschaftlichen Konferenz mit internationaler BeteiligungDer 8. Mai 1945 als historische Zäsur.

Das barocke Stadtzentrum Potsdams, hier das Rathaus (links) und der Palast Barberim, fiel am 14. April 1945 dem Bombenhagel zum Opfer. Foto: MaxBaur

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Der 50. Jahrestag der Befreiung, ein euro­päisches wie deutsches Datum, bietet den Anlaß für zahlreiche Veranstaltungen, die jede auf ihre Weise zur Aufklärung und öf­fentlichen Diskussion beitragen wollen. Sowohl die Erinnerung an das Jahr 1945 wachzuhalten, als auch den Blick auf teil­weise besorgniserregende Entwicklungen der Gegenwart zu lenken, ist ihr erklärtes Ziel. Der eng mit der Universität Potsdam kooperierende Forschungsschwerpunkt Zeithistorische Studien und die Branden- burgische Landeszentrale für politische Bil­dung luden mit ihrer Tägung zur Diskussi­on neuer Forschungsergebnisse ein und stellten sie einem größeren Kreis vor, um auf diese Weise historische Forschung und politische Reflexion zu verbinden, damit eine unverwechselbare Note in der großen Zahl der Gedenkveranstaltungen zu bieten. Bevor sich der Blick auf 1945 richte,auf

eine Niederlage, die auch für Deutschland eine Befreiung war", empfahl Christoph Kleßmann, einer der beiden Kommissari­schen Leiter des Forschungsschwerpunk­tes, von ihm als elementar bezeichnete hi­storische Zusammenhänge ins Gedächtnis zu rufen:Zum Ende von 1945 gehört auch der Anfang von 1933. Außerdem betonte er, wie andere Tagungsteilnehmer auch, daß sich mitdem Ende des kommunistischen Systems in Europa und dem Ende des Ost- West-Konflikts 1990 die Kategorien der hi­storisch-politischen Urteile, auch für das Jahr 1945, verschoben hätten. Heute könne sich der Blick unvoreingenommener auf die neuen Formen von Gewalt und Zerstörung, die mit der Befreiung Europas vom Natio­nalsozialismus verbunden waren und die­ser Befreiung folgten, richten. Hervorgeho­ben wurde, daß mit der Vereinigung beider deutscher Staaten die Chance eines Lern­

prozesses in Fragen der Toleranz gegeben sei. So sei 1945 nicht mehr alsEndpunkt", sondern Scharnier der Geschichte anzuse­hen, bemerkte Prof. Dr. Konrad Jarausch, Chapel Hill/Potsdam. Unter den neuen Be­dingungen bleibe diese Zäsur eine Mah­nung an Rassenhaß und Chauvinismus, aber möglicherweise ebenso ein Beispiel für die Veränderung politischer Kultur in mehreren Generationen.

Drei Dimensionen, mit denen sich die Ge­schichtswissenschaft auseinandersetzt, bil­deten die Themenabschnitte der Konfe­renz: Ereignis, Erfahrung und Deutung. Die deutsch-polnischen Beziehungen mit ihrer historischen Spezifik in den Mittelpunkt rük- kend, stellten die Referenten in der Eröff­nungsveranstaltung Überlegungen, das Jahr 1945 betreffend, aus deutscher, polni­scher und europäischer Perspektive an. Der erste Außenminister der Republik Po­len nach dem Zusammenbruch des Sozia­lismus und jetzige Professor für Völkerrecht in Warschau, Krzysztof Skubiszewski, ver­wies auf den heute guten Stand der Bezie­hungen zwischen Deutschen und Polen. Wir haben den Frieden schon in Verstand und in der Seele gefunden...Das ist gut für die Zukunft..., und dieser Zukunft sollten sich die beiden Völker widmen".

In den SektionenKriegsende und Beset­zung" undDieStunde Null debattierten die Teilnehmer, soweit quellenmäßig erfaßt, über Ereignisse während des militärischen Zusammenbruchs, Erfahrungen der Bevöl­kerung und verschiedenartige Deutungs­muster. Thematisiert wurden ebenso der Neuaufbau zwischen Kontinuität und Wan­del" sowieDie Folgewirkungen". Ange­sichts des Grauens, auch das schrecklich­ste Kapitel der neueren Geschichte, den Holocaust, vor Augen, fragten nicht nur Hi­storiker, ob der zeitliche Abstand groß ge­nug ist, unbefangen mit dieser Thematik umzugehen. Den in letzter Zeit stärker be­achteten schriftlichen und mündlichen per­sönlichen Schilderungen berühmter Zeitge­nossen und der sogenannten einfachen Menschen sind ihre damaligen Befürchtun­gen zu entnehmen, mit den unauslöschli­chen Bildern des Schreckens nicht weiter­leben zu können. Wobei deutlich wurde, daß es in jeder Hinsicht sinnvoller und ver­antwortungsvoller ist, öffentlich zu diskutie­ren als zu verdrängen. Der Mimsterpäsi- dent des Landes Brandenburg führte die Gedanken des Histonkers Fritz Stern weiter, der als den wirklichen Bruch in der deut­schen Geschichte nicht Hitlers Aufstieg zur Macht, sondern sein Ende bezeichnete. Manfred Stolpe schlußfolgerte daraus : Wer für immer ausschließen will, was zwischen 1933 und 1945 in und durch Deutschland geschah, darf nicht bei einer Politik Anlei­he nehmen, die Hitler möglich machte.

B.E.

PUTZ 5/95

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