„DER TOD IST EIN MEISTER AUS DEUTSCHLAND"
Wissenschaftlicher Disput über den Umgang mit dem Unbegreiflichen
„Das Schicksal:das ist die Vergangenheit“, schreibt Peter Weiss 1948 in seinen Reportagen aus Deutschland unter dem Titel „Die Besiegten“ für „Stockholms Tidningen“. Es ist jedoch weniger das Schicksal, sondern vielmehr der bewußte Umgang mit dem Vergangenen, der die Gegenwart charakterisiert, sie aber auch gestaltet. Gleichsam sind dann Mechanismen kollektiver Verdrängung bezeichnend für Zustände gesellschaftlicher Feigheit und Flucht vor den gegenwärtigen Forderungen nach aktiver Humanität. Diesem so diffizilen und in sich widersprüchlichen Problemfeld widmete sich kürzlich ein wissenschaftliches Kolloquium, das mit dem Thema „Über den Umgang mit dem Unbegreiflichen“ vom Lehrstuhl für Historische Pädagogik der Universität Potsdam organisiert und durchgeführt wurde. Im Zentrum des Interesses stand dabei die aktuelle Auseinandersetzung mit den NS-Konzentrationslagem in Öffentlichkeit und Schule.
Nach der Befreiung eines der Konzentrationslager. Hier mußte unter Aufsicht des Militärs die Zivilbevölkerung Leichen aus Massengräbern auf bereitstehende Fahrzeuge verladen. Quelle: Goldstern-Sammlung im Gidal-Bildarchiv; Steinheim-Institut, Duisburg
Emen der markantesten Schnittpunkte der intellektuellen Aufarbeitung und des Umgangs mit den Phänomenen des Genocids stellt demnach die Vermittlung eben jener Erfahrungen für die Generationen der sogenannten Nachgeborenen dar, für die nicht ausschließlich die Gnade der späten Geburt die Verdrängung legitimiert. Wie können wir objektiv und doch emotional wie individuell betroffen machend - zugleich wegführend vom spektakulären Schock- Erlebnis einer durch den alltäglichen Horror unserer modernen Medienwelt geprägten Abstumpfung - den jungen Menschen gegen die Verführungen totalitärer Macht sensibilisieren? Über diese sehr zentrale Frage verständigten sich u.a. die Teilnehmer der Veranstaltung. Und das im Wissen über die Zusammenhänge, Ursachen und Wirkungen erwachsenden Selbstbewußt- seins und dessen Profilierung und Aktivierung als Abwehrmechanismus sowie daraus resultierender Möglichkeiten pädagogischer Einflußnahme. Die Reihe der Vorträge eröffnete Prof. Dr.
Wolf Dieter Narr von der Freien Universität Berlin. Er unternahm einen anregenden Diskurs zur „Gegenwartsbedeutung der 50jähn- gen Erinnerung“. Dabei ging es ihm um die Fünktion des Erinnerns als natürlichen Bestandteil menschlicher Identität und menschlichen Selbstbewußtseins in seiner doppelten Bedeutung. Der Referent beschrieb die Psychopathogenese des Erinnerns zur Verdrängung. Diese habe natürlich ihre Wurzeln einerseits in der Kollektivschuldthese der Sieger, andererseits aber vor allem in der Verwässerung der Op- fer-Täter-Lime und im millionenfachen Mitläu- fertum. Narr venfizierte Verhaltensmuster sich
selbstlegitimierender Zufälligkeit der Opfer- und Täterrolle,
Peter Weiss benannte genau das schon in seinem autobiographischen Roman „Fluchtpunkt“. Auch Alexander Mitscherlich bezeichnete es in „Die Unfähigkeit zu trauern“ als „diffus verteilte Anteilnahmslosigkeit" .
Und noch etwas erscheint an den Worten Wolf Dieter Narrs besonders hervorhebenswert: „Erinnern (sei) ein ebenso gesellschaftlicher wie individueller Akt“ und unterliege der permanenten Umdeutung in sich verändernden Kontexten und Wertvorstellungen, aber auch subjektiv standortabhängiger Selektion. Daß in diesem Zusammenhang - hervorgehoben im Diskussionsteil der Zusammenkunft - oftmals mit dem Begnff Empathie operiert wurde, liegt nahe. Die Grenzen jedoch zogen die Anwesenden klar; erst recht da, wo die von Hannah Arendt in ihrer Schrift „Eichmann in Jerusalem" als „Banalität des Bösen“ gekennzeichnete Entwicklung umschlägt in die Selbstzufriedenheit des Bösen. Man vergegenwärtige sich hier nur die tatsächlich unbegreiflichen Ausführungen des SS-Führers Heinnch Himmler vor Untergebenen: Von Euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammenliegen, wenn 500 da liegen oder wenn 1000 da liegen. Dies durchgehalten zu haben, und dabei (...) anständig
geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht. Dies ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte.“
Der Nationalsozialismus - auch darauf verwies Narr - war kein historischer Unfall der frühen Urzeit. Im Gegenteil. Er entstand vielmehr als ideologischer und sehr praktischer Bestandteil der Moderne mit der Folgerung millionenfachen Todes. Diesen Zusammenhang nun Jugendlichen erkennbar und erklärbar zu machen, bleibt nach Auffassung der Konferenzteilnehmer eine der wichtigen Aufgaben aller Pädagogen in der Schule. Der Weg dahin müsse über die konsequente Demokratieerziehung geschehen. Dies wiederum gelinge erst, wenn auch die Schule als demokratische Institution wirke. Die Beiträge und die Diskussion des Kolloquiums bestätigten ebenfalls Martin Walsers Aussage in dessen Aufsatz „Unser Auschwitz“. So gehe vor den statistischen Mega-Zahlen der Völkervernichtung oftmals der einzelne auf Distanz, auch aus psychischer Selbsterhaltung. Im Gegensatz dazu vollziehe sich eher die Identifikation mit dem Einzelschicksal. Sollte nicht auch so der unübertroffene Erfolg der Tägebücher Anne Franks, des Buchenwald-Epos „Nackt unter Wölfen“ oder Siegfried Lenz’ Roman „Deutschstunde' 1 erklärbar sein? Die Tägung gab dazu und zu anderen Fragen in den Beiträgen der Wissenschaftler und Museumspädagogen viele interessante Antworten. EG
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Unfaßbar: Für die Fahrt ins Konzentrationslager mußten die späteren Häftlinge Fahrkarten lösen. Hinter der Ortsbezeichnung „Liberia" verbirgt sich Auschwitz.
Quelle: Goldstern-Sammlung im Gidal- Bildarchiv: Steinheim-Institut, Duisburg
PUTZ 5/95
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