Heft 
(1.1.2019) 05
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DER TOD IST EIN MEISTER AUS DEUTSCHLAND"

Wissenschaftlicher Disput über den Umgang mit dem Unbegreiflichen

Das Schicksal:das ist die Vergangenheit, schreibt Peter Weiss 1948 in seinen Reportagen aus Deutschland unter dem TitelDie Besiegten fürStockholms Tidningen. Es ist jedoch weniger das Schicksal, sondern vielmehr der bewußte Umgang mit dem Ver­gangenen, der die Gegenwart charakterisiert, sie aber auch gestaltet. Gleichsam sind dann Mechanismen kollektiver Verdrängung bezeichnend für Zustände gesellschaftlicher Feigheit und Flucht vor den gegenwärtigen Forderungen nach aktiver Humanität. Die­sem so diffizilen und in sich widersprüchlichen Problemfeld widmete sich kürzlich ein wissenschaftliches Kolloquium, das mit dem ThemaÜber den Umgang mit dem Unbegreiflichen vom Lehrstuhl für Historische Pädagogik der Universität Potsdam organisiert und durchgeführt wurde. Im Zentrum des Interesses stand dabei die aktuelle Auseinandersetzung mit den NS-Konzentrationslagem in Öffentlichkeit und Schule.

Nach der Befreiung eines der Konzentrationslager. Hier mußte unter Aufsicht des Militärs die Zivilbevölkerung Leichen aus Massengräbern auf bereitstehende Fahrzeuge verladen. Quelle: Goldstern-Sammlung im Gidal-Bildarchiv; Steinheim-Institut, Duisburg

Emen der markantesten Schnittpunkte der intellektuellen Aufarbeitung und des Um­gangs mit den Phänomenen des Genocids stellt demnach die Vermittlung eben jener Erfahrungen für die Generationen der so­genannten Nachgeborenen dar, für die nicht ausschließlich die Gnade der späten Geburt die Verdrängung legitimiert. Wie können wir objektiv und doch emotional wie individuell betroffen machend - zugleich wegführend vom spektakulären Schock- Erlebnis einer durch den alltäglichen Hor­ror unserer modernen Medienwelt gepräg­ten Abstumpfung - den jungen Menschen gegen die Verführungen totalitärer Macht sensibilisieren? Über diese sehr zentrale Frage verständigten sich u.a. die Teilneh­mer der Veranstaltung. Und das im Wissen über die Zusammenhänge, Ursachen und Wirkungen erwachsenden Selbstbewußt- seins und dessen Profilierung und Aktivie­rung als Abwehrmechanismus sowie dar­aus resultierender Möglichkeiten pädago­gischer Einflußnahme. Die Reihe der Vor­träge eröffnete Prof. Dr.

Wolf Dieter Narr von der Freien Universität Berlin. Er unternahm ei­nen anregenden Dis­kurs zurGegenwarts­bedeutung der 50jähn- gen Erinnerung. Da­bei ging es ihm um die Fünktion des Erinnerns als natürlichen Be­standteil menschlicher Identität und menschli­chen Selbstbewußt­seins in seiner doppel­ten Bedeutung. Der Re­ferent beschrieb die Psychopathogenese des Erinnerns zur Ver­drängung. Diese habe natürlich ihre Wurzeln einerseits in der Kol­lektivschuldthese der Sieger, andererseits aber vor allem in der Verwässerung der Op- fer-Täter-Lime und im millionenfachen Mitläu- fertum. Narr venfizierte Verhaltensmuster sich

selbstlegitimierender Zufälligkeit der Op­fer- und Täterrolle,

Peter Weiss benannte genau das schon in seinem autobiogra­phischen Roman Fluchtpunkt. Auch Alexander Mitscher­lich bezeichnete es in Die Unfähigkeit zu trauern alsdiffus verteilte Anteilnahms­losigkeit" .

Und noch etwas er­scheint an den Wor­ten Wolf Dieter Narrs besonders hervorhe­benswert:Erinnern (sei) ein ebenso gesellschaftlicher wie in­dividueller Akt und unterliege der perma­nenten Umdeutung in sich verändernden Kontexten und Wertvorstellungen, aber auch subjektiv standortabhängiger Selekti­on. Daß in diesem Zu­sammenhang - hervorge­hoben im Diskussionsteil der Zusammenkunft - oft­mals mit dem Begnff Em­pathie operiert wurde, liegt nahe. Die Grenzen jedoch zogen die Anwe­senden klar; erst recht da, wo die von Hannah Arendt in ihrer Schrift Eichmann in Jerusalem" alsBanalität des Bösen gekennzeichnete Ent­wicklung umschlägt in die Selbstzufriedenheit des Bösen. Man verge­genwärtige sich hier nur die tatsächlich unbegreif­lichen Ausführungen des SS-Führers Heinnch Him­mler vor Untergebenen: Von Euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammenliegen, wenn 500 da liegen oder wenn 1000 da liegen. Dies durchgehalten zu haben, und dabei (...) anständig

geblieben zu sein, das hat uns hart ge­macht. Dies ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte.

Der Nationalsozialismus - auch darauf ver­wies Narr - war kein historischer Unfall der frühen Urzeit. Im Gegenteil. Er entstand vielmehr als ideologischer und sehr prak­tischer Bestandteil der Moderne mit der Folgerung millionenfachen Todes. Diesen Zusammenhang nun Jugendlichen erkenn­bar und erklärbar zu machen, bleibt nach Auffassung der Konferenzteilnehmer eine der wichtigen Aufgaben aller Pädagogen in der Schule. Der Weg dahin müsse über die konsequente Demokratieerziehung ge­schehen. Dies wiederum gelinge erst, wenn auch die Schule als demokratische Institution wirke. Die Beiträge und die Dis­kussion des Kolloquiums bestätigten eben­falls Martin Walsers Aussage in dessen AufsatzUnser Auschwitz. So gehe vor den statistischen Mega-Zahlen der Völkerver­nichtung oftmals der einzelne auf Distanz, auch aus psychischer Selbsterhaltung. Im Gegensatz dazu vollziehe sich eher die Identifikation mit dem Einzelschicksal. Soll­te nicht auch so der unübertroffene Erfolg der Tägebücher Anne Franks, des Buchen­wald-EposNackt unter Wölfen oder Sieg­fried Lenz RomanDeutschstunde' 1 erklär­bar sein? Die Tägung gab dazu und zu an­deren Fragen in den Beiträgen der Wissen­schaftler und Museumspädagogen viele in­teressante Antworten. EG

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Unfaßbar: Für die Fahrt ins Konzentra­tionslager mußten die späteren Häft­linge Fahrkarten lösen. Hinter der OrtsbezeichnungLiberia" verbirgt sich Auschwitz.

Quelle: Goldstern-Sammlung im Gidal- Bildarchiv: Steinheim-Institut, Duisburg

PUTZ 5/95

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