SPASS AM LERNEN DURCH SELBSTÄNDIGE TÄTIGKEIT
Prof. Dr. Joachim Lompscher hielt seine Antrittsvorlesung
Auch scheinbar Langweiliges wie die Grammatik kann für Schüler und Lehrer interessant sein, wenn es zum Gegenstand eigener Tätigkeit wird. Davon ist Joachim Lompscher, Professor für Schulpädagogik/Psychologische Didaktik und Direktor des Interdisziplinären Zentrums für Lem- und Lehrforschung, überzeugt.
Ende April 1995 beschäftigte er sich deshalb in seiner Antrittsvorlesung mit dem Thema: „Aufsteigen vom Abstrakten zum Konkreten - und wie weiter? Psychologisch-didaktische Probleme und Perspektiven“.
Den theoretischen Hintergrund für die Überlegungen des Wissenschaftlers bildet das Tätigkeitskonzept, das die Lernenden als Subjekte eigener Tätigkeit betrachtet.
Daraus ergebe sich die Notwendigkeit, die Spezifik und Regulationsstruktur sowie die individuellen Bedingungen der Entstehung und Entwicklung der Lerntätigkeit aufzudecken, zu analysieren und in Experimenten zu untersuchen. In der Auseinandersetzung mit Lehrstrategien, die die Lernenden mehr oder weniger als Objekte-pädagogi- scher Maßnahmen behandeln und den Lern- und Lehrprozeß vorrangig Stoff- und lehrerzentriert gestalten, suchten Joachim Lompscher und seine Mitarbeiter nach Alternativen. Dabei gelangten sie zu dem, was sie als Tätigkeits- und Ausbildungsstrategie bezeichnen. „Sie orientiert auf die zur Aneignung erforderliche Tätigkeit und
STAATSSEKRETÄRE AUF DEM PRÜFSTAND
im Falle Berlins und Brandenburgs nicht möglich gewesen. Dieser künstlich produzierten Situation soll nun durch die dezentrale Konzentration, mit der man Investoren auch jenseits des Berliner Rings in Städte wie Brandenburg oder Eberswalde locken möchte, entgegengewirkt werden. Beispielsweise, so Linde, durch ein Verkehrskonzept mit starken Regionalbahnzügen oder finanzielle Anreize, Daß es dabei ebenfalls noch mas'sive Probleme zu bewältigen gelte, verschwieg der Referent nicht: So habe Berlin u.a. noch rund 35.000 Mitarbeiter zu viel in seiner Verwaltung beschäftigt. Eine Alternative zur Flision, die Berlins Überlastung und Brandenburgs Unterauslastung verhindern könnte, sieht Jürgen Linde trotzdem nicht. Um der zahlreichen, fusionsbedingten Probleme dennoch leichter Herr werden zu können, forderte er die Universitäten und speziell die Wirtschaftsund Sozialwissenschaftliche Fakultät der Universität Potsdam jedenfalls zu einer intensiveren Begleitung und Beratung der Politiker und Verwaltungen Hg.
„Entwicklungen und Perspektiven des Wirtschaftsraumes Berlin-Brandenburg“ heißt eine von der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät organisierte Ringvorlesung, deren Referentenliste ausschließlich aus Staatssekretären des Landes Brandenburg besteht. Den Auftakt dieser Veranstaltungsreihe bestritt der Chef der Staatskanzlei, Dr. Jürgen Linde.
Dadurch hatten die Zuhörer die Chance, aktuelle Einschätzungen von einem der Architekten des Berlin-Brandenburgischen Staatsvertrages zu erfahren. In den Mittelpunkt seiner Ausführungen stellte Linde das Prinzip der sogenannten dezentralen Konzentration, um zu erläutern, wie notwendig eine Füsion von „Bär und Adler" sei. So hätten 40 Jahre der künstlichen Trennung von Berlin und Brandenburg eine beispiellos stark strukturierte Großstadt mit 3,5 Millionen Einwohnern und ein ebenso beispiellos schwach strukturiertes Umland mit 2,5 Millionen Einwohnern hervorgebracht. Eine normale Urbanisierung dahingehend,
Nahm Stellung zur Berlin-Brandenburgischen Fusion: der Chef der brandenburgischen Staatskanzlei, Dr. Jürgen Linde. Foto: Rüffert
daß sich Entwicklungs- und Investitionsströme aus der Stadt auch in die umliegenden Regionen zu verlagern pflegen, wäre
deren systematische Ausbildung, wobei das Aufsteigen vom Abstrakten zum Konkreten dabei eine Vanante ist." Die Abstraktion bilde nicht den eigentlichen Beginn des Lernprozesses, sondern ein Zwischenergebnis, das in relativ frühen Phasen des Aneignungsprozesses erreicht werden soll, um im weiteren Lern- und Erkenntnisprozeß als Mittel des tieferen Eindringens in den Lerngegenstand, der geistigen Durchdringung des Konkreten mit Hilfe des Abtrakten, zum Einsatz zu gelangen. Der Vortragende schlußfolgerte, daß Lernende entsprechend ihrer Altersstufe zunehmend dazu befähigt würden, Tiefenstrukturen aufzudecken und somit theoretisches Denken zu entwickeln. „Sie lernen unter diesen Bedingungen, Erkenntnisse zu gewinnen, Wissen anzueignen und neue Anforderungen zu beherrschen - weniger aus Gründen der Selbstbestätigung, als vielmehr aus Interesse an der jeweiligen Sache und Tätigkeit."
Der Wissenschaftler verwies auch darauf, daß es sich bei der Formulierung „Aufsteigen vom Abstrakten zum Konkreten“ um eine verkürzte Darstellung handle. Der Prozeß vollziehe sich viel komplizierter, vom Konkreten zum Abstrakten und vom Abstrakten zum Konkreten voranschreitend. Dabei gehe es um eine spezifische Abstraktion, die nur durch eigene Aktivität gewonnen werden könne und auf das Wesen des entsprechenden Gegenstandes gerichtet
sei. Da die Fragen der Lern- und Lehrforschung angesichts gegenwärtiger Entwicklungen von großer gesellschaftlicher Relevanz und Brisanz seien, würden neue Zugänge und Lösungen gebraucht, die interdisziplinäres und komplexes Herangehen erfordern. „Damit beispielsweise die Wechselbeziehungen zwischen Lern- und Lehrstrategien, zwischen den subjektiven Voraussetzungen und Aneignungsweisen sowie den Bedingungen ihrer Förderung und Entwicklung weiter wissenschaftlich vertieft werden können, ist das Zusammenwirken verschiedener Disziplinen und das Zusammenführen unterschiedlicher Sichtweisen und Forschungsstrategien unabdingbar“, erläuterte Joachim Lompscher das zukünftige Vorgehen. Damit würde auch ein Beitrag zur Realisierung des Potsdamer Modells der Lehrerbildung geleistet. B.E.
Prof. Dr. Joachim Lompscher widmete sich Abstraktem und Konkretem in seiner Antrittsvorlesung.
Foto: Tribukeit
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