Heft 
(1.1.2019) 05
Einzelbild herunterladen

HANNO SCHMITT TRAT AN

Lehrer sein, das ist schon schwer...

... es zu werden, noch viel mehr , so könnte man in Anlehnung an die bekannten Worte von der Vaterwerdung nach der Antrittsvorlesung von Prof. Dr. Hanno Schmitt formu­lieren. Was der Lehrstuhlinhaber für Historische Pädagogik mit den Schwerpunkten Geschichte der Pädagogik sowie des Erziehungs- und Bildungswesens in seinem Vor­trag an teilweise bis heute nachwirkendenden Problemen aus dem Auf und Ab univer­sitärer Lehrerbildung zweier Jahrhunderte aufblätterte, ließ aufhorchen und die Sensi­bilität dieses Bereiches deutlich werden.

Hanno Schmitt, in Theorie und Praxis glei­chermaßen ausgewiesen, kann demnächst auf zwei Jahre Tätigkeit an der Universität Potsdam zurückblicken, wo er sich auf­grund seiner Kenntnisse, Erfahrungen und seines Engagements großer Wertschät­zungerfreut. Seme Affi­nität zum Potsdamer Modell der Lehrerbil­dung bildete den Rah­men seiner Vorlesung, dieZur Geschichte universitärer Lehrerbil­dung: Bildungshistori- sche Erfahrungen im Blick auf das Potsda­mer Modell" über­schrieben war, wobei er sich auf die den Gymnasialunterricht vorbereitende Lehrer­bildung konzentrierte.

In einem historischen Exkurs berichtete er vom Wirken Ernst Chri­stian Trapps (1745

1818) an der Universi­tät Halle, den historisch prägenden Vorstellun­gen von Friedrich Au­gust Wolff (1759-1824) und ihrer Umsetzung in Preußen, dessen Be­strebungen auf dem Gebiet der Lehrerbil­dung durchaus exemplarisch für Deutsch­land angesehen werden können. Während Trapp das Verdienst zukommt, gegen den erbitterten Widerstand inbesondere der Hallenser Theologischen Fakultät die Päd­agogik als wissenschaftliche Disziplin eta­bliert zu haben, hat Wolff als Philologe ent­scheidend dazu beigetragen, seine Diszi­plin von der Theologie loszulösen. Mit der Pädagogik allerdings hatte letzterer nichts im Sinn. Er vertrat die bis in dieses Jahrhun­dert reichende folgenschwere Meinung, daß eine fachwissenschaftliche Ausbildung der Lehrer genüge und die methodische Qualifikation sich von selbst einstelle. Unter Wilhelm von Humboldt u. a. preußi­schen Bildungspolitikern wurden dann Prü­fungen, Probelektionen und eine Art Re­ferendariat zur Pflicht. Steigende Schüler­zahlen Mitte des 19. Jahrhunderts ließen indes den Ruf nach Praktikern laut werden,

der Pädagogik wies man den Stellenwert vonpraktischen Kniffen" zu. In den letzten beiden Jahrzehnten des vorigen Jahrhun­derts setzte eine Verschärfung der Lei­stungsauslese ein, gefragt war nun der spe­zialisierte Unterrichtsbeamte. Die fach­wissenschaftliche und einseitige Spezia­lisierung wiederum rief Kritik an einer Überbürdung der Schüler auf den Plan. Auf die Tägesordnung gelangte die Forde­rung nach hinreichen­der pädagogischer Qualifizierung, was in Preußen zur Zwei- phasenausbildung mit einem Probejahr führte.

Diese Strukturmerk­male der Gymnasial- lehrerbildung des 19. Jahrhunderts (Zwei- phasigkeit, fachwis­senschaftliches Studi­um, fehlendes erzie­hungswissenschaft­liches Studium) hat­ten in den alten Bun­desländern bis etwa zum Jahre 1970 Be­stand, Auch die Zahl der Lehrer - ca. 35 000 - war bis dahin gleich geblieben. Der Gymnasiallehrer galtals fachwissen­schaftlicher Abgesandter der Universität - aus der Überbürdungsthese des 19. Jahr­hunderts war das Stoffdilemma dieses Jahr­hunderts geworden. In den vergangenen dreißig Jahren hat die Lehrerausbildung in den alten Ländern eine grundlegende Neu­orientierung erfahren: Berufsbezogenheit und Wissenschaftlichkeit sind gleichrangig, die Ausbildung erfolgt in Stufen bzw. stufen- übergreifend und erziehungswissenschaft­liche Begleitstudien sind gefordert, erfah­ren allerdings eine sehr unterschiedliche Umsetzung.

Viele dieser einleuchtenden Erfordernisse, so der Referent, seien auch im Potsdamer Modell der Lehrerbildung angelegt. Jedoch werde dessen Realisierung, wie zweihun­dert Jahre Lehrerbildung zeigten, immer wieder auf Schwierigkeiten stoßen. Lehrer­

bildung bewege sich in einem empfindsa­men Bedingungsgefüge, sie sei staatlichen Eingnffen und finanziellen Engpässen stets besonders ausgeliefert. Dies müsse bereits bei der Hochschulplanung in Rechnung gestellt werden. Abschließend legte Hanno Schmitt seinen Zuhörern, die zumeist an der Umsetzung des Potsdamer Modells direkt beteiligt sein werden, noch drei Pro­blemkreise besonders ans Herz: das (über­volle) Angebot an Fachwissen im Bereich der Sekundarstufen I und II, die daraus re­sultierende Gefahr einer Einengung des freizügigen Studierens sowie die bisher noch an keiner Universität gelungene Inte­gration von Fach, Didaktik und Erziehungs­wissenschaft. De.

SENAT SIEHTGEFÄHRDUNG DES AUSBILDUNGS- UND FORSCHUNGSAUFTRAGES"

Einewesentliche Gefährdung des Aus- bildungs- und Fbrschungsauftrages der Universität Potsdam sieht der Senat der Hochschule in den aktuell im branden- burgischen Ministenum der Finanzen geführten Haushaltsverhandlungen für das Jahr 1996. Dieser Beschluß des Gre­miums fiel vor dem Hintergrund einer bereits in diesem Jahr um 5% gekürzten Sachmittelzuteilung, die derzeit zuer­heblichen Schwierigkeiten in der Finan­zierung der Universität" führe. Eine wei­tere Kürzung um 5% in 1996 gegenüber den Ansätzen von 1995, wie sie in den Haushaltsverhandlungen jetzt zum Aus­druck gekommen sei, würde die Situa­tion jedoch noch wesentlich verschlim­mern und die Erfüllung des Auftrages der Universität gefährden. Dies vor al­lem auch deshalb, weil sich die Hoch­schule derzeit noch in ihrer ersten Auf­bauphase befindet. Insgesamt verfügt sie in 1995 über rund 15 Millionen DM für sächliche Mittel, von denen durch die Kürzungen in diesem Jahr bereits 750.000 DM nicht ausgezahlt werden. Nach dem aktuellen Stand der Haus­haltsverhandlungen sollen 1996 von der gebliebenen Summe dieses Jahres wei­tere 5% abgezogen werden. Gleichzeitig erhöhten sich die Studierendenzahlen an der Universität Potsdam bisher auf 8ooo, wobei der große Ansturm in diesem Jahr durch zwei brandenburgische Abitur­jahrgänge, die zum Wintersemester 95/ 96 ihre Studien aufnehmen werden, erst noch bevorstehen dürfte. Des weiteren müssen sowohl 1995 als auch 1996 neue Professoren ausgestattet werden, deren Arbeitsaufnahme im Zuge des Aufbaus der Hochschule und einer qualitativ hochwertigen Ausbildung an ihr drin­gend erforderlich ist. Hg,

Prof. Dr. Hanno Schmitt, Inhaber des Lehr- .Stuhls Historische Pädagogik (Schwer­punkt Geschichte der Pädagogik sowie des Erziehungs- und Bildungswesens) spannte in seiner Antrittsvorlesung den Bogen von der universitären Lehrerbildung im Deutschland des 18. Jahrhunderts bis zum Potsdamer Modell der Lehrerbildung.

Foto: Tribukeit

PUTZ 5/95

Seite 9