KLAREND ODER VERWIRREND?
Vorschläge zur Rechtschreibreform verabschiedet
Wenn es mit der staatlichen Genehmigung in Deutschland, Österreich und der Schweiz klappt, werden im Jahre 1996 neue Rechtschreibregeln in Kraft treten. Sie werden für die Verwaltung und die Schulen in diesen drei Ländern ab 2001 alleinige Gültigkeit erlangen. Es sind jene Regeln, die die Orthographiekonferenz auf ihrer Thgung im November letzten Jahres in Wien beschlossen hat. Hinzu kommt ein Wörterverzeichnis mit 12 000 Beispielwörtern, das alle Stammschreibungen des gegenwärtigen Deutschen erfaßt. Eine amtliche Regelung hat die deutsche Rechtschreibung erstmalig im Jahre 1901 erfahren, und zwar durch die 2. Orthographiekonferenz (die 1. fand im Jahre 1876 statt). Doch die Rechtschreibung ist zunehmend komplizierter geworden, so daß stets auch der Ruf nach Refor
men ertönte. Die jetzigen Reformvorschläge erfassen die sechs Bereiche Laut-Buchstaben-Zuordnung, Getrennt- und Zusammenschreibung, Groß- und Kleinschreibung, Schreibung mit Bindestrich, Zeichensetzung und Worttrennung. Als Ziele der Neuordnung werden eine Stärkung der Grundregeln, die Reduzierung von Ausnahmen und die Möglichkeit zu eigener Entscheidung genannt.
Nur selten scheinen Reformen die Ergebnisse zu bringen, um deretwillen sie auf den Weg gebracht wurden. So schrieb Konrad Duden im August 1905 im Vorwort zur achten Auflage des Rechtswörterbuches: „Die im Vorwort zur siebenten Auflage dieses Buches ausgesprochene Hoffnung, daß man sich nun eine Zeitlang bei dem glücklich erreichten ‘Zwischenzier begnügen und sich freuen werde, in
der ganzen Deutsch schreibenden Welt eine feste, allgemein anerkannte Norm für die Rechtschreibung zu haben, hat sich nicht in allen Punkten erfüllt. Zwar hat man überall das von der Orthographischen Konferenz Geschaffene als zu Recht bestehend anerkannt; weder sind neue Reformvorschläge ans Licht getreten, noch hat man auf seiten der Gegner jeder Reform durch aktiven oder passiven Widerstand das Werk zu hemmen versucht: es gilt unbestritten überall. Und doch würde man irren, wenn man glaubte, die ‘Orthographische Frage’ sei mit der Herausgabe der von Regierungen auf Grund der Konferenzbeschlüsse veröffentlichten amtlichen Regelbücher glücklich zur Ruhe gelangt; sie ist vielmehr für verschiedene Kreise wieder lebhaft in Fluß gekommen.“ De.
Reform nicht auf sich beruhen lassen
Was Konrad Duden im Rechtschreibwörterbuch von 1905 schreibt, könnte fast genau so heute gesagt werden. Die Diskussion der „Orthographischen Frage“ spielt sich immer wieder nach dem gleichen Muster ab. Auch die jetzt geplante Reform ist ein schlechter Kompromiß, den man im Ganzen nicht verteidigen kann. Warum ist das so, was macht die Reform so schwierig? Eine größere Öffentlichkeit interessiert sich vor allem dafür, welche Wörter künftig anders geschrieben werden sollen. Nicht jedem gefällt es, wenn wir die Konjunktion daß mit ss schreiben müssen, wenn Sitzenbleiben nur noch getrennt erscheinen darf, wenn numerieren ein zweites m und überschwenglich ein ä bekommt. Insgesamt sind die Änderungen dieser Art aber nicht sehr zahlreich. Im Vergleich zum Reformvorschlag von vor zehn Jahren, als man noch Keiser und Bot einführen wollte, ist man bescheiden geworden. Ganz so, wie seinerzeit Konrad Duden. Wir werden weitgehend so schreiben können wie bisher. Das ist erfreulich und aus sprachwissenschaftlicher Sicht vernünftig.
Aber es ist nicht die ganze Reform. Viel umfassender als bei den Wortschreibungen sind die Änderungen im Regelwerk. Die Neufassung ist auf über 80 engbedruckten Seiten niedergelegt, sie enthält weit über 100 Haupt- und noch mehr Nebenregeln, dazu Erläuterungen, Beispielmatenal sowie allgemeine Hinweise zur Orthographie. Aber obwohl sie die Grundlage für alle Einzelschreibungen bilden soll, findet sie wenig Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit. Das Regelwerk, so meint man wohl, sei Sache der Fachleute.
Prof, Dr. Peter Eisenberg hat an der Universität Potsdam den Lehrstuhl Deutsche Gegenwartssprache inne. Seit 1991 ist er Mitglied der Kommission für Rechtschreibfragen des Institutes für deutsche Sprache. Foto: Tribukeit
Gerade die Fachleute sind jedoch nicht einig. Sprachwissenschaftler üben harte Kritik an den neuen Regeln. Sie sprechen von verpaßten Chancen und, wie bereits gesagt, von einem schlechten Kompromiß. Zweierlei steht dabei im Vordergrund.
Zum einen geht es um die Frage, wie die Orthographie überhaupt geregelt werden soll. Unbestritten ist, daß der Staat für den Schulunterricht und den Behördenverkehr eine einheitliche Orthographie durchsetzen muß. Dazu genügt ein amtliches Wörterbuch, dem die Schreibung der Wörter und die Grundregeln der Zeichensetzung zu entnehmen sind. Geregelt ist dann, wie ein Wort geschrieben wird, aber nicht warum. Das Warum ist nicht Sache des Staates.
Nach welcher Regel jemand schreibt, geht den Staat einfach nichts an. Wir wissen heute sehr viel mehr als zur Zeit von Konrad Duden darüber, nach welchen Regeln tatsächlich geschrieben wird. Es sind Regeln von derselben Art wie die übrigen Sprach- regeln, beispielweise Wortstellungs-, Flexi- ons- oder Satzbauregeln. Man stelle sich nur einmal vor, der Satzbau oder die Wortstellung würden durch amtliche Regeln festgelegt.
Zum anderen geht es um die Qualität des Regelwerkes. Wie es steht, entspricht es nicht dem Stand des Wissens, das wir über die Systematik der deutschen Orthographie besitzen. Viel zu viele Regeln enthalten unklare Begriffe, sind unverständlich, umständlich, in sich widersprüchlich oder in der Sache unzutreffend. Wer die Regeln ernst nimmt, wird unnötig irregeführt oder landet bei Schreibungen, die niemand will. Die Anweisung zur Verdoppelung von Konsonantgraphemen ergibt beispielsweise, daß Wörter wie mit, in, um, ab, von, im, hm usw. Ausnahmen sind und eigentlich mitt, mn, umm, abb... geschrieben werden müßten. Das ist unzutreffend. Die herkömmliche Schreibung ist regelhaft, die neue Regel stiftet nur Verwirrung.
Die Kommasetzung beim Infinitiv wurde ganz neu formuliert, geht aber am normalen Schreibusus vorbei. Künftig darf man einerseits schreiben „Karl scheint, zu schlafen“ (d.h. mit Komma), andererseits aber auch „Karla macht Überstunden um sich ein Auto zu kaufen“(d.h. ohne Komma),
Zwei Beispiele von vielen. Sie zeigen vielleicht, warum man die Reform nicht auf sich beruhen lassen kann. Peter Eisenberg
PUTZ 5/95
Seite 15