VOM AUTOFAHREN UND KLAVIERSPIELEN
Psychologen und Physiker untersuchen Steuerungsprozesse beim Menschen
Um einen Schutt weiter bei der Untersuchung von im Gehirn ablaufenden Prozessen zu kommen, führen Wissenschaftler in Potsdam verschiedene Experimente durch. Hier produziert der Proband einen vom Computer vorgegebenen Rhythmus. Foto: Rüffert
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Napoleon soll mehrere Tätigkeiten gleichzeitig ausgeführt haben. Jeder kennt es auch von sich selbst: Lenken, schalten, Gas geben, blinken, bremsen - alles scheint nahezu „automatisch“ abzulaufen. Im allgemeinen denkt kein Autofahrer, kein Pianist darüber nach, welche Prozesse beim Fahren oder Musizieren im Gehirn ablaufen, wie die Hände „gesteuert“ werden. Dies wissenschaftlich zu untersuchen, ist das Anliegen eines interdisziplinären Projektes an der Universität Potsdam. Im Rahmen des seit 1994 bestehenden und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Innovationskollegs „Formale Modelle kognitiver Komplexität“ analysieren Fachleute Prozesse, die der zeitlichen Steuerung, d.h. der Koordination und Synchronisation von Bewegungen zugrunde liegen.
Der große Vorteil des Untersuchungsgegenstandes Bewegungstiming und -koor- dination besteht nach Ansicht der Wissenschaftler darin, psychologische Phänomene und Struktureigenschaften der Modelle einander gut zuordnen zu können. An der Uni ist die seltene Chance der Kooperation von Psychologen und Physikern auf diesem Gebiet gegeben, die versuchen, verschiedene psychologische und physikalische Modelle auf ihren Erklärungswert hin zu überprüfen.
Wie kann man nun der Beantwortung offener Fragen näher kommen? Pianisten, exemplarisch für jene, die sich spezifische Fertigkeiten erworben haben, erhalten beispielsweise die Aufgabe, sich einen vom Computer vorgegebenen Rhythmus anzuhören. Wenn sie ihn „verinnerlicht“ haben, beginnen sie, auf einer oder mehreren Tristen den Rhythmus zu produzieren und „spielen mit dem Computer gemeinsam“, um nach einer bestimmten Zeit das Spiel
ohne äußere Hilfe fortzusetzen. Der Computer gibt dann der Versuchsperson mit Hilfe eines Diagramms darüber Auskunft, wie genau sie das Ttempo gehalten, wie gleichmäßig sie gespielt hat. Den Psychologen Dr. Ralf Krampe interessiert nicht nur das, sondern ebenso, wieweit die rechte Hand die linke „stört“, ob beide Hände eine gemeinsame Basis haben oder unabhängig voneinander agieren. Wir wollen herausfinden, ob im Gehirn ein oder zwei Zeitgeber die Hände steuern." Die bei diesen Experimenten protokollierten Zeitabläufe würden noch nichts über die „innere Uhr“ aussagen, eher über die Natur der Bewegungen und ihre Koordination. „Generell geht es um die Untersuchung der menschlichen Fähigkeit, rhythmische und andere Bewegungen, insbesondere der Finger, zu reproduzieren“. Jene Bewegungen sind für die Wissenschaftler besonders relevant, die mehr als eine Komponente aufweisen, also mit zwei Fingern, zwei Händen ausgeführt werden. Das Spektrum der Experimente reicht von einfachen Fmger- Tapping-Aufgaben bis zur Verwendung expressiver Timing- Aspekte in der musikalischen Interpretation.
Kaum zu glauben, aber es ist nach wie vor völlig ungeklärt, „ob der Mensch in
der Lage ist, Dinge unabhängig voneinander zu tun, bestimmte Bewegungen ohne gegenseitige Beeinflussung parallel auszuführen", erläutert der Physiker Christian Scheffczyk. Herauszufinden sei in diesem Zusammenhang auch, ob solche Fertigkeiten antrainierbar und bis in das höhere Alter „abrufbar“ sind.
„Neuerdings telefonieren viele Autofahrer beim Fahren, ich fürchte dann immer um mein Leben.“ Diese „Sitte“ ist für Ralf Krampe ein anschauliches Beispiel dafür, daß die Koordinierung offensichtlich doch nicht so automatisch funktioniert, wie vielleicht anzunehmen ist. Der Psychologe betrachtet den Forschungsgegenstand unter dem Aspekt der Strategie, der automatisierten Handlungen. Dagegen ist die Untersuchung biologischer Systeme mit Hilfe der nichtlinearen Dynamik für den Physiker ein hochinteresantes neues Anwendungsfeld. Dadurch sei die Möglichkeit gegeben, vorhandene Modelle zu testen und neue zu finden, so Christian Scheffczyk. „Im jetzigen Stadium des Projektes untersuchen wir noch nicht die neurophysiologische Ebene. Jetzt koppeln wir Oszillatoren für die Erstellung der Meßreihen, um eine Idee davon zu bekommen, was im Gehirn ablaufen könnte.“ Die Herausforderung für das Tteam besteht darin, zwei Phänomene in einem Modell zu vereinen: einerseits die Transfor- mierbarkeit von Bewegungen in der Zeit und andererseits ihre Beschränkungen in Zeitverhältnissen. D.h., der Mensch ist in der Lage, eine Melodie beispielsweise dreimal, nicht aber dreieinhalbmal so schnell wie vorgegeben, zu spielen oder zu singen. B.E.
Anschließend analysiert Dr. Ralf Krampe gemeinsam mit der Versuchsperson die aufgenommenen Daten. Foto: Rüffert
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