„OBST" NICHT IM PLURAL EINSETZBAR
Das WIP-Projekt „Lernerwörterbuch der deutschen Sprache"
Zahlreiche Wissenschaftler aus Einrichtungen der Akademie der Wissenschaften erhielten nach deren Auflösung eine Förderung im Rahmen des Wissenschaftier- Integrationsprogramms (WIP), das Teil der Hochschulemeuerung in den neuen Bundesländern ist. Zu den Zielen der Erneuerung gehört die Rückführung der Forschung an die Universitäten. In der „PUTZ“ stellen wir in loser Folge WlP-Pro- jekte vor, hier die Gruppe „Lemerwörter- buch der deutschen Sprache“. Sie ist beim Institut für Germanistik, Lehrstuhl für deutsche Sprache der Gegenwart, angesiedelt und wird von Dr. Günter Kempcke geleitet.
Es gibt zahlreiche Lexika. Aber Wörterbuch ist nicht Wörterbuch. Ausländer haben beispielsweise andere Nachschlagebedürf- nisse als Muttersprachler. Durch Tfests fanden Wissenschaftler heraus, daß ausländische Wörterbuchbenutzer vor allem an Ausspracheangaben, an semantischen, also die Bedeutung betreffenden, Informationen und an Wissen über die inhaltliche Kombinierbarkeit sprachlicher Einheiten, insbesondere aber an Wissen über Redewendungen und an Kenntnissen grammatischer Regeln, interessiert sind. Muttersprachler, Menschen, die von klein auf ihre Sprache gelernt haben, wünschen dagegen vorwiegend semantische Informationen und Kenntnisse über die Vereinbarkeit von Wörtern. Dem sollten spezifische Publikationen Rechnung tragen, und das rechtfertigte auch die Inangriffnahme eines weiteren le- xikographischen Projektes. „Es führte zur Forderung nach ausländerspezifischen Wörterbüchern, nach einem Lernerwörterbuch der deutschen Sprache", so Günter Kempcke.
Bei der Erarbeitung der Konzeption dafür waren Antworten beispielsweise auf folgende FLagen zu finden: Wer soll Benutzer des Wörterbuches sein? Welche Schwerpunkte sind hinsichtlich des Stichwortumfanges und der Auswahl der Informationsdaten zu setzen? Welche Strategien sind anzuwenden, um dem Benutzer bei der Überwindung seiner Sprachschwierigkeiten zu helfen? „Wir entschieden uns als Hauptadressaten für den fortgeschrittenen Lerner der deutschen Sprache unterschiedlicher Herkunftsländer, bei dem gewisse grammatische und semantische Grundkenntnisse vorauszusetzen sind", erläuterte der Germanist das Ergebnis der Überlegungen zu diesem Vorhaben.
Das 1989 von der Universität Potsdam übernommene Projekt wurde bereits 1988 im damaligen Zentralinstitut für Sprachwissenschaft der Akademie der Wissenschaften der DDR initiiert. Die inzwischen noch drei
sich [ 1 (Rcflcxivpron. der 3. Pers. Sg. u. PI. u. von Sie, man; steht auch beim Infinitiv rcfl. Verben; Dat. u. Akk.) 1. (Sg. u. PI.) / weist auf das Subj. zurück/ 1.1. (Akk.) er, sie, das Kind bat — verletzt; sie haben — verletzt; haben Sie — verletzt?; er hat nicht nur über sie, sondern auch über ~ (selbst) nachgedacht; sie stellten die Koffer neben ~; die Mutter drückte den jungen an ~; (als fester Bestandteil des Verbs) er, sie, das Mädchen freute ~ über das Geschenk; die Kinder schämten mar. muß — ja mit dir schämen!; — schämen
1.2. (Dat.; vorw. bei Verben, die außerdem ein Akk.obj. haben) er, sie hat ■— das Rauchen abgewohnt; damit haben sie nicht nur dir, sondern auch ~ (selbst) geschadet; er zweifelt an —; (sieb kann wegfallen) er hat — einen Atlas gekauft; (als fester Bestandteil des Verbs) sie haben das nur eingebildet; — etw. einbilden 2. (Pb; rez.) 2.1. (Akk.) .einander (1.1)‘: sie haben — geküßt; (als fester Bestandteil des Verbs) die Geschwister vertragen — gut (miteinander); haben Sie — gut verstanden:f; — gut verstehen 2.2. (Dat.) einander (1.2)*: sie tuollen — (gegenseitig) helfen 3. (in Sätzen, in denen das Vb. in der 3. Pers. steht) 3.1. (Sg.; in Satzkonstruktiunen mit un- pers. Subj. es u. mit einer modalen u. einer lokalen od. temporalen Adv.best.) in dieser Bibliothek arbeitet es gut, läßt es — gut arbeiten (,in dieser Bibliothek kann man gut arbeiten, kann gut gearbeitet werden') 3.2. (Sg. u. PI.; mit einer modalen Angabe) diese Apfelsinen schälen ~ schlecht, lassen — schlecht schälen („diese Apfelsinen kann man schlecht schälen, können schlecht geschält werden')
3.3. (Sg. u. PI.) der Schlüssel wird ~ schon finden („wird gefunden werden')
„sich" ist eines von ca. 17 000 der m alphabetischer Reihenfolge m das 1996 m Druck gehende „Lernerwörterbuch der deutschen Sprache“ aufgenommenen Stichwörter. Deutlich erkennbar ist an diesem Beispiel, welche grammatischen Kriterien bei der Erarbeitung Berücksichtigung fanden.
wissenschaftlichen Mitarbeiter stehen in einer jahrzehntelangen Tradition gegen- wartssprachlicher lexikographischer Forschung. Unter ihrer Leitung entstanden mehrbändige Wörterbücher.
Das neue Nachschlagewerk wird 17 000 Stichwörter umfassen. Im Vergleich zu den sonst üblichen ca. 100 000 ist das eine geringe Anzahl. Wir entschieden uns ganz bewußt für eine kleine Makro-, aber eine große Mikrostruktur 11 , begründete der Projektleiter das Vorgehen. Die einzelnen Be- gnffe werden sehr ausführlich dargestellt, die stilistischen, grammatischen und semantischen Gebrauchsbedingungen verdeutlicht. So erfährt der Benutzer, daß „Obst“ nicht im Plural einsetzbar ist, daß „Anmut" weniger im Alltag, als vielmehr im Literarischen Verwendung findet oder „blond“ nur im Zusammenhang mit Haar gebräuchlich ist. Um die Zugänge zum Sprachsystem zu eröffnen, sind im Wörterbuch drei Aufgaben zu realisieren. Es erfolgt die Angabe der sprachlichen Normen und Gebrauchsregeln, das Hineinführen in das Sprachsystem, d.h. die Erwähnung von Verwandtem, um den Wortschatz erweitern
und die Regeln erlernen zu können. Ausgehend vom Grundwortschatz finden die von Herkunft, Geschichte und Grundbedeutung (etymologisch) selbständigen Wörter, wie z.B.(kursiv) Kopf, gehen (kursiv Ende) oder (kursiv) stehen (kursiv Ende) , Eingang. Dazu werden wichtige Ableitungen wie (kursiv) tnnken-Trunk-Trank-Tnnker (kursiv Ende) sowie einige wenige zusammengesetzte Wörter gestellt. Da es bei vielen Begriffen für den Ausländer trotz großer sprachlicher Bemühungen schwer ist, die Bedeutungserklärungen zu verstehen, enthält das künftige Buch etwa 500 Stnchzeich- nungen, die die Identifikation erleichtern sollen. Damit aber auch die richtige Aussprache erlernt werden kann, ergänzen Angaben zur Lautumschrift den Ttext des jeweilgen Stichworts.
1996 soll das „Lernerwörterbuch der deutschen Sprache“ in Druck gehen. Die an diesem Projekt beteiligten Wissenschaftler sind davon überzeugt, daß ihr Werk sowohl seiner Rolle im Unterricht Deutsch als Fremdsprache gerecht werden als auch, daß es für die sprachliche Integration ausländischer Bürger in Deutschland sowie für die wachsende Rolle der deutschen Sprache in einem vereinten Europa von Bedeutung sein wird. B.E.
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PUTZ 5/95
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