CHAOS ALS CHANCE
Drei Jahre Max-Planck-Arbeitsgruppe „Nichtlineare Dynamik"
Wer denkt, nur ein völlig regelmäßiges EKG sei Ausdruck eines gesunden Herzens, irrt. Unregelmäßigkeiten in Grenzen sind nach jüngeren Erkenntnissen günstiger, zeugen sie doch von der Anpassungsfähigkeit dieses lebenswichtigen Organs. Hier setzen Chaosforscher mit neuartigen Methoden an. Ihr Ziel: anhand von EKG-Messungen frühzeitig Risikopatienten für den durch finales Kammer- flimmem verursachten plötzlichen Herztod herauszufinden. Ihm fallen in Deutschland jährlich 100 000 Menschen zum Opfer. Nur 30% der Betroffenen können die Mediziner mit klassischen Untersuchungsmethoden erkennen. Die Anstrengungen verschiedenster Wissenschaftsdisziplinen richten sich auf eine bessere FHiherkennung. Erste Resultate, die unter Ausnutzung von in der Chaosforschung entwickelten Methoden, insbesondere einer renormalisierten Entropie, erzielt wurden, ermöglichen eine überraschend wirkungsvolle Klassifikation in Gesunde und in Patienten mit hohem Risiko. Die Arbeiten am Projekt „Das dynamische Herz“ sind ein Standbein der seit 1.1.1992 an der Universität Potsdam angesiedelten Max-Planck-Arbeitsgruppe „Nichtlineare Dynamik“.
Generell befaßt sich die von Prof. Dr. Jürgen Kurths geleitete interdisziplinäre Arbeitsgruppe mit dem Studium komplexer nichtlinearer Systeme, wobei überwiegend theoretische Metho den angewendet werden. Im Unterschied zu vielen anderen Forschern auf diesem Gebiet, die die Chaostheo- ne auf eher idealisierte Labor-Experimente anwenden, versucht die Potsdamer Gruppe, mit ihren theoretischen Methoden natürliche Systeme zu untersuchen. Strukturbildungen im Kosmos, Probleme der Umweltwissenschaften bis zu medizinischen und psychologischen Aspekten, insbesondere der bereits genannten Herz-Frequenz-Variabilität, und die Untersuchung kognitiver Komplexität gehören zu den Forschungsfeldern. Dabei besteht das besondere Problem, daß Messungen natürlicher Systeme nicht unter gleichen Bedingungen - wie eben im Labor möglich - wiederholbar sind.
Die Untersuchung nichtlinearer Dynamik steht erst am Anfang und basiert nach Aussage von Prof. Jürgen Kurths oft „auf unzulässig vereinfachenden Vorraussetzungen". Deshalb ist eine der Intentionen der Gruppe, „solche Methoden zur Behandlung die
ser Prozesse zu entwickeln, die den realen Gegebenheiten besser entsprechen“. Mit dieser Maßgabe hat man bisher folgende grundlegende Aspekte studiert: Übergangsphänomene zwischen Regularität und Chaos; komplexe Raum-Zeit-Dynamik als Zugang für das Verständnis von Ihrbu- lenz, einem der fundamentalen Probleme der Physik, sowie numerische Verfahren zur nicht-simulativen Analyse des qualitativen Verhaltens nichtlinearer Systeme.
Bei den Anwendungen konzentrierte man sich zunächst auf Objekte astrophysikali- scher Forschung, kam jedoch im Laufe der Arbeiten zu zwei neuen Schwerpunkten. Dazu gehören die bereits genannten in Zusammenarbeit mit Kardiologen und Bioinformatikern entwickelten Früherkennungsverfahren sowie Untersuchungen zur kognitiven Komplexität. Im letzteren Bereich erstreckt sich die Zusammenarbeit auf Linguisten und Psychologen und konnte u. a. in einem Interdisziplinären Zentrum der Universität Potsdam verankert werden. Vorbereitet wird gemeinsam mit Geophysikern, Umweltforschern und Mathematikern ein Projekt zum Thema „Kritische Zustände im System Erde“,
Um die Forschung in den neuen Bundesländern zu stärken, hatte sich die Max-Planck-
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Unter Ausnutzung der Chaosforschung entwickelte Methoden lassen hoffen, Patienten mit einem hohen Risiko für den plötzlichen Herztod, verursacht durch finales Kammerflimmem, früher als bisher zu finden. Das Projekt „Das dynamische Herz" ist ein Standbein der an der Universität Potsdam angesiedelten Max-Planck-Arbeitsgruppe „Nichtlineare Dynamik".Abb.: MPI
Gesellschaft nach der Wiedervereinigung Deutschlands für die Errichtung von Arbeitsgruppen entschieden. 28 solcher Gruppen - eine auch für die Gesellschaft völlig neue Form - entstanden im Osten Deutschlands. Für fünf Jahre , bis 1996, hat die Gesellschaft deren Finanzierung übernommen. Damit war die Vorstellung verbunden, daß sich die Arbeitsgruppen zu „Keimzellen einer revitalisierten Hochschulforschung“ an den Universitäten entwik- keln. Die Max-Planck-Gesellschaft hat nicht nur bei der Auswahl der Arbeitsgruppen- leiter hohe Kriterien angelegt, auch die Arbeit der Gruppen wird alle zwei Jahre von einer internationalen Kommission hochrangiger Experten begutachtet. Einer solchen Evaluierung mußte sich die Arbeitsgruppe „Nichtlineare Dynamik“ am 15./16.3.1995 unterziehen. Der inzwischen vorliegende Bericht bescheinigt, daß die Gruppe etliche wissenschaftliche Spitzenleistungen erzielt und international hohe Anerkennung gefunden hat.
Wie sich am Beispiel der Max-Planck-Arbeitsgruppe „Nichtlineare Dynamik“ gezeigt hat, waren für ihre bisherige Entwicklung die Aufbausituation an der Universität Potsdam und in der wissenschaftsreichen Region Potsdam/Berlin von großem Vorteil. Im Zuge des Aufbaus der Universität Potsdam wurde die nichtlineare Dynamik zu einem von drei Schwerpunktgebieten der hiesigen Physik erklärt. Der Arbeitsgruppenleiter wurde auf die C4-Pro- fessur für Theoretische Phy- sik/Nichtlmeare Dynamik berufen. Vorgesehen ist zu- y\ I y\ dem eine C3-Professur r ' V Statistische Physik/Chaos-
theorie. Eine wesentliche Hilfe für die Etablierung fachübergreifender Zusammenarbeit ist der Aufbau eines Interdisziplinären Zentrums für Nichtlineare Dynamik an der Hochschule. Die Bemühungen um Interdisziplinarität - ein Markenzeichen der Universität Potsdam - wurden inzwischen auch von der Deutschen Forschungsgemeinschaft honoriert. Sie genehmigte der Universität das Innovationskolleg „Formale Modelle kognitiver Komplexität“, das geistige Leistungen untersucht und von fünf Professoren der Linguistik, Theoretischen Physik und Psychologie getragen wird. Es handelt sich um eine für Deutschland einmalige Verknüpfung dieser Disziplinen. Zusammenarbeit verbindet die Arbeitsgruppe ferner mit mehreren, sich ebenfalls mit Strukturbildungen in komplexen Systemen (Kosmos, Umwelt, Erde) befassenden Instituten des Potsdamer Rau
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