UMGANG MIT ALLTÄGLICHER GEWALT
Zur 5. Tagung der Fachgruppe Sozialpsychologie an der Universität
Die diesjährige Tagung der Fachgruppe Sozialpsychologie innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Psychologie fand vom 22. bis 24. Juni 1995 an der Universität Potsdam statt und wurde von der Abteilung Sozialpsychologie des Instituts für Psychologie unter der Leitung von Prof. Dr. Barbara Krähe organisiert. Ziel der im Zweijahres-Rhyth- mus stattfindenden Fachgruppentagungen ist es, ein Forum für die Darstellung und Diskussion aktueller Forschung innerhalb der deutschsprachigen Sozialpsychologie zu bieten, auf dem neben bereits etablierten Wissenschaftlern auch jüngeren Sozialpsychologen die Möglichkeit zur Präsentation ihrer Arbeiten geboten wird.
Nach Münster, Bielefeld, Mannheim und Bern fand die Tägung erstmals an einer Universität in den neuen Bundesländern statt. Nicht zuletzt der Attraktivität des Standorts Potsdam ist es zuzuschreiben, daß sowohl die Zahl der angemeldeten Beiträge als auch die Zahl der Teilnehmer im Vergleich zu den früheren Tägungen drastisch in die Höhe geschnellt ist. Insgesamt nahmen über 150 Kolleginnen und Kollegen teil und konnten aus einem Programm mit 90 Beiträgen in 13 Arbeitsgruppen auswählen. Die Themen der Arbeitsgruppen (z. B. „Soziale Kategonsierung“, „Selbstkonzept und Identität“, „Färtnerschaft“ und „Gruppenforschung' 1 ) spiegeln die gesamte Bandbreite der aktuellen Forschungsaktivitäten innerhalb der Sozialpsychologie wider. Gleichzeitig konnten die Tbilnehmer im Rahmen einer Posterausstellung einen Einblick in die Arbeit der an der Universität Potsdam tätigen Psychologen gewinnen. Im Mittelpunkt der Tägung stand eine Podiumsdiskussion zum Thema „Umgang mit alltäglicher Gewalt: Kein Thema für die So- zialpsychologie?“, in der unter Leitung von Prof. Ulrich Wagner (Marburg) Praktiker aus unterschiedlichen Arbeitsfeldern und Wissenschaftler zusammenkamen. Ziel dieser Veranstaltung war es, den geforderten, aber kaum geführten Dialog zwischen Forschern und Praktikern im Hinblick auf die Erklärung und den Abbau aggressiven Verhaltens in unterschiedlichen Lebensbereichen anzustoßen. Hierzu wurden unterschiedliche wissenschaftliche Erklärungsansätze, wie etwa die These des zunehmenden Werteverfalls oder der Ansatz des Imitationslernens durch Medieneinflüsse im Hinblick auf ihre Tragfähigkeit zum Verständnis alltäglicher Gewalt beleuchtet.
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• Banddurchsagen Tag + Nacht!
Die Entspannung vom dicht gedrängten Tägungsprogramm fiel aufgrund des Wetters nicht ganz so idyllisch aus, wie erhofft. Dennoch haben der Begrüßungsabend im Potsdamer Drachenhaus und der Gesellschaftsabend in der Bäkemühle in Kleinmachnow sicher dazu beigetragen, daß es viele der auswärtigen Gäste bald wieder nach Potsdam ziehen wird. za.
In seinem Referat wies der Präsident des Arbeitslosenverbandes, Dr. Klaus Grehn, darauf hin, daß sich die Lage der Arbeitslosen durch die Erhöhung der Lebenshaltungskosten sowie durch die Kürzung der Lohnersatzleistungen in ganz Europa deutlich verschlechtere. Ein Stellenzuwachs auf dem ersten, dem regulären Arbeitsmarkt, so Grehn, sei dringend erforderlich. Dr. Rolf Schmachtenberg (Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Frauen) erläuterte die Politik der Brandenburgischen Landesregierung, die in innovativer Weise Beschäftigungspolitik in der Zuständigkeit aller Ministerien, nicht nur des Sozialministeriums, sieht und alle Entscheidungen von der Finanz- über die Wirtschaftspolitik, dem Städtebau, der Umweltpolitik bis zur Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik künftig auf- ihre Beschäftigungswirkungen hm überprüfen wird.
Schwerpunktthemen im weiteren Verlauf der Tägung waren neben dem ausführlich erörterten Verhältnis von Lohn- und Be- schäftigungspolitik neue Arbeitszeitmodel- le, die zum Tbil Kostenentlastungen der Betriebe, zum Teil Beschäftigungswachstum versprechen, die Frauenarbeitslosigkeit in den neuen Bundesländern, deren Entwicklung seit der Wiedervereinigung einschließlich der Anpassungsprobleme und Bewältigungsversuche der Frauen, Migrationsprobleme auf dem Arbeitsmarkt, wie zum Beispiel die gestiegene Nachfra-
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Prof, Dr. Barbara Krähe und ihren Mitarbeitern aus dem Institut für Psychologie gelang es, über 150 Kolleginnen und Kollegen zur 5. Tägung der Fachgruppe Sozialpsychologie nach Potsdam zu locken. Foto: Tribukeit
ge nach Arbeitsplätzen durch Übersiedler und Arbeitsmigranten sowie Gerechtig- keitsziele und -prinzipien, die zur Legitimation des Sozialstaates gebraucht werden. In der Diskussion über die Bewertung von Gerechtigkeitsprinzipien wurde vor allem das vielfach benutzte Prinzip der Besitzstandswahrung in Frage gestellt, das die bestehenden Lohneinkommen von Arbeitsplatzbesitzern, Rentenansprüche, Einkommensdifferenzen, die regionalen Unterschiede im Wohlstand und vieles andere mehr verteidigt. Dieses Festhalten an Besitzständen überlagert andere Gerechtigkeitsprinzipien. Auf dem Arbeitsmarkt ist z. B. das sogenannte Insider-Outsider-Pro- blem seit langem bekannt: Wenn in Tärif- vereinbarungen die Ansprüche der Arbeitsplatzbesitzer (Insider) dominieren, die Interessen der Arbeitslosen und Arbeitsuchenden (Outsider) kein Gewicht erlangen, stellt, dies ein Gerechtigkeitsproblem dar. Auch die Fhage, welche Anteile des erarbeiteten Wohlstandes auf die Renten für die ältere Bevölkerung, welche Anteile auf die Kinder und Jugendlichen und die Familienförderung verwandt werden sollen, birgt Gerechtigkeitsprobleme in sich. Bei der Bewertung regionaler Wohlstandsdifferenzen ist es nicht anders. Daher schien den Tteil- nehmern des Symposiums eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit dem heute dominanten Prinzip der Besitzstandswahrung überfällig. ad.
PUTZ 6/95
GERECHTIGKEITSPROBLEME DER ARBEITSLOSIGKEIT
„Gerechtigkeitsprobleme der Arbeitslosigkeit“ standen im Juni auf der Tagesordnung des 2. Symposiums des Zentrums für Gerechtigkeitsforschung. Dazu eingeladend waren Experten aus Wissenschaft und Politik, um beschäftigungswirksame Maßnahmen im Hinblick auf Kosten, Effizienz und Gerechtigkeit der Verteilung von Arbeit, einschließlich der Maßnahmekosten, zu erörtern.
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