PARLAMENTE ALS FÖRDERER VON GESETZESFLUT?
Prof. Dr. Herbert Döring hielt seine Antrittsvorlesung
„Die Menschen sind bekanntlich frei, ihre eigene Geschichte zu machen. Doch handeln sie nicht immer aus freien Stücken, sondern oft geprägt durch die Umstände.“ Diese wohl kaum zu widerlegende Einsicht stellte Herbert Döring, Professor für Vergleichende Politikwissenschaft in der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät, an den Anfang seiner Ende Mai 1995 gehaltenen Antrittsvorlesung. Er gab ihr den Titel „Parlamente in Westeuropa: Opfer oder Förderer von Gesetzesflut?“
der Theoriefähigkeit hebe. Der Schlußvortrag „Das Seiende als Text seines Werdens lesen: Traditionen der Kritik identitätslogischen Denkens im Feminismus,“ wurde von Prof. Gudrun-Axeli Knapp (Hannover) gehalten. Sie skizzierte verschiedene sozial- wissenschaftliche Ansätze und verglich deren Erklärungspotentiale in bezug auf die Frage, wie das Werden von Geschlecht verfaßt ist. Der Hauptteil der Workshop-Arbeit fand in Sektionen statt, die nach Wissenschaftsdisziplinen geordnet waren und durch die Heterogenität des Publikums disziplinübergreifende Interessen berücksichtigen konnten. Die Tbilnehmerinnen forderten abschließend zu einer Fortführung solcher Workshops an der Universität auf dann aber mit mehr ostdeutschen Referen- tinnen, Marion Lemer
Die Forschungsgegenstände von Heinz Heger sind ein bürgernahes Beobachtungsfeld, ihre Ergebnisse geeignet, in die politische Theorie der Bürgergesellschaft einzufließen. Diese offen zu halten, aber auch dauerhaft gültige Prinzipien der klassischen Bürgergesellschaft im Auge zu behalten, erklärte der stark der Philosophie verhaftete Vortragende als wichtige Seite seiner Arbeit.
Die Begriffe Bürgergesellschaft und Zivilgesellschaft haben, so Heger, durch den demokratischen Aufbruch Osteuropas, den inneren Zustand westlicher Demokratien und die europäische Verfassungsdebatte große Aktualität erlangt. Erforderlich sei eine „Neudefinition, ja Neuerfindung von Politik“. Hierzu wurden vom Vortragenden konzentrierte, im Gegenwärtigen wie in der Geschichte wurzelnde Überlegungen an- geboten. Heger sprach erstens zur weiteren Ausarbeitung der Konzeption der Bürgergesellschaft und zur Härung des Zusammenhangs zum Begriff der politischen Gesellschaft und zweitens über die drei Wurzeln bzw. Paradigmen der Politik (zivilgesellschaftliche, verrechtlichte und gesellschaftliche Politik). Abschließend unternahm er den Versuch, die Bürgergesellschaft als zu stärkende integrative Hammer für die drei Paradigmen der Politik zu bestimmen.
Zum Ziel setzte er sich, am Beispiel der Parlamente Westeuropas zu dokumentieren, daß Institutionen nicht neutral sind, sondern ihre Verfahrensregeln die Politik ganz unabhängig von den Absichten der Handelnden beeinflussen. Dabei kommt er zu dem Schluß, daß das Parlament, dieses „Nadelöhr“, durch das alle Gesetze gehen müssen, „kein willenloses ‘Opfer’ der in vielen
Prof. Dr Heinz Kleger Foto: Tribukeit
Hegers Fazit: Bürgergesellschaft ist ein historischer Orientierungs- und zugleich ein konstruktiver Perspektivbegriff. Alle drei Paradigmen von Politik gehören zu einer modernen Bürgergesellschaft, Bürger- und Gesamtgesellschaft sind nicht identisch, stehen aber in einem engen Zusammenhang. Das Besondere der Bürgergesellschaft ist ihre dialogische Grundstruktur, die geignet ist, bestimmte kontroverse Entwicklungen zu kompensieren. „Zur Demokratie gibt es keine Alternative; allerdings ist sie alles andere als ein einfaches System. Bürgergesellschaftliche Demokratie lernen heißt, eine Kultur der Verständigung lernen. Dies gilt um so mehr für eine Zeit, deren Verständigungsgrundlagen unsicher und ungewiß geworden sind.“
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Ländern immer stärker anwachsenden Anzahl von Gesetzen und Verordnungen" ist. Förderer von Gesetzesflut sei es dann, wenn die Antrags- und Mitwirkungsrechte der Abgeordneten nicht durch eine freiwillige Beschränkung in der Geschäftsordnung eingegrenzt werden. „Das parlamentarische Verfahren wirkt als Regulator für die Eindämmung oder Ausweitung des Wunsches zahlloser Gruppen, alle Bereiche des Lebens durch spezielle gesetzliche Regelungen zu normieren“, erläuterte der Wissenschaftler weiter.
Diese These vom Parlament als Förderer von Gesetzesflut wird vom „neuen Institu- tionalismus“ aufgenommen und durch empirische Untersuchungen ergänzt. Unter Benutzung von Tfechniken der modernen Sozialforschung prüfen die Fachleute, in welchem Ausmaß Politik von der Organisation der Institutionen, die sie umsetzen, mitbestimmt wird.
Weiterhin wandte sich Herbert Döring solchen Fragen zu wie: Führt eine Einschränkung der Antrags- und Mitwirkungsrechte der Abgeordneten im internationalen Vergleich zu einer meßbaren Verringerung von Gesetzesflut? Existiert ein bisher nicht so gesehener Zusammenhang zwischen institutioneilen Spielregeln des parlamentarischen Verfahrens und der durchschnittlich pro Land verabschiedeten Anzahl von Gesetzen? Har sei, daß diese weitreichenden Ftagen der politischen Theorie nur im Vergleich über mehrere Länder hinweg zu beantworten seien. Um alle 18 Staaten Westeuropas einbeziehen zu können, gründete der Referent einen inzwischen von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten internationalen Projektverbund, den er auch leitet.
Den Antworten zu den aufgeworfenen Hagen näherkommend, befaßte sich Herbert Döring in seinen Untersuchungen u.a. damit, wer die Tägesordnung des Plenums im Parlament festsetzt und bestimmt, was debattiert und worüber entschieden wird. Sehr Unterschiedliches trat zutage. Die Palette reicht von der einseitigen Bestimmung der Tägesordnung durch die Regierung wie in Großbritannien und Irland über die Vorrangstellung der Regierung in einer Konferenz der Parteiführer und über die proportionale Beteiligung aller Parteien in einem Ältestenrat ohne Mehrheitsabstimmung wie im Deutschen Bundestag und den meisten
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Zur Antrittsvorlesung von Prof. Dr. Heinz Kleger
Am 21. Juni 1995 reihte sich der aus der Schweiz stammende Heinz Kleger in den großen Kreis jener Potsdamer Universitätsprofessoren ein, die sich im zu Ende gegangenen Sommersemester einer größeren Öffentlichkeit vorgestellt haben. Seine sehr gut besuchte Antrittsvorlesung stand unter dem Motto „Politische Theorie als Hage nach der Bürgergesellschaft“. Prof. Dr. Heinz Kleger hat in Potsdam den Lehrstuhl Politische Theorie inne. Er befaßt sich unter anderem mit europäischen Bürgerrechts- und Verfassungsfragen. Kürzlich konnte er mit der Arbeit an einem Projekt zur metropolitanen Transformation im Großraum Berlin beginnen.
PUTZ 6/95
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