Prof. Dr. Herbert Döring Foto: TYibukeit
übrigen Parlamenten Westeuropas bis hm zur Souveränität des Parlaments, das über seine eigene Tagesordnung befindet, in
den Niederlanden. Mit Hilfe von Streudiagrammen illustrierte der Redner die Bestätigung seiner Ausgangsthese, wonach das parlamentarische Verfahren selbst zum Motor der Gesetzesinflation werden kann. Als weitere Gründe der Vermehrung der Gesetze seien Industrialisierung, die Notwendigkeit der politischen Regulierung wissenschaftlicher Erfindungen wie Atomkraft und Gentechnologie, die Ausdehnung der Sozialpolitik zu nennen. Dies alles führe zu der Feststellung, daß die Rationalisierung des parlamentarischen Verfahrens und Gesetzesinflation in einem umgekehrten Zusammenhang stehen. Vertiefende Einblicke in diese Thematik gewährt eine soeben in Druck gegangene Publikation.
B.E.
TECHNOLOGIE DES NÄCHSTEN JAHRZEHNTS VORBEREITEN
„Die funktionalisierten Grenzflächen und dünnen Schichten sind nicht nur ein Schwerpunkt der Forschung in der experimentellen Physik, sondern ebenso ein zentrales Forschungsgebiet an der Universität Potsdam.“ Deshalb habe man auch 1993 das Interdisziplinäre Forschungszentrum „Dünne Organische und Biochemische Schichten“ gegründet, in dem Wissenschaftler verschiedener Forschungseinrichtungen der Länder Berlin und Brandenburg Zusammenwirken, so dessen Leiter Prof. Dr. Ludwig Brehmer. Bereits 1992 lud das Institut für Festkörperphysik der Potsdamer Hochschule, dessen Leiter der Wissenschaftler ebenfalls ist, zum 1. Potsdamer Workshop mit dieser Thematik ein. Der zweite folgte Ende Mai 1995 und hatte bereits den Charakter einer nationalen Tagung.
Gemeinsam vom Institut und den außeruniversitären Forschungseinrichtungen Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung Berlin, dem Fraun-hoferinstitut für Angewandte Polymerforschung Tfel- tow, dem Großforschungszen-trum Geesthacht GmbH, Institut für Chemie Tfeltow, der Potsdamer Informators- und Ttechnologie-Ttansfer/ Tfechnologie- und Innovations-Beratungsstelle sowie dem Zentrum für Dünne Organische und Biochemische Schichten veranstaltet, widmeten sich die 150 Tfeilnehmer in Vorträgen und Posterbeiträgen dem Thema „Fünktionalisierte Dünne Organische Schichten und Grenzflächen". Das Anliegen bestand darin, so Ludwig Brehmer, „die weitere Miniaturisierung von Bauelementen und Prozessen, die kleinere Abmessungen als die gegenwärtige Mikroelektronik haben, voranzutreiben“. Dazu stellten die Fachleute neue Methoden und Erkenntnisse der Schichtherstellung und -beschreibung vor. Ein breites Anwendungsfeld dafür biete die Mikrosensorik. Die Forschungen sollen auch einen Beitrag dazu leisten, die Tfechnologie des nächsten Jahrzehnts mit vorzubereiten.
Eine Besonderheit des von Landtagspräsident Dr. Herbert Knoblich eröffneten dreitägigen Workshops bestand darin, daß den
Yvette Kaminorz und Ulf Hopfner von der Universität Potsdam fungierten als Chairmen beim Doktorandentag des 2. Potsdamer Workshops „Fünktionalisierte Dünne Organische Schichten und Grenzflächen“. Foto: TYibukeit
Nachwuchswissenschaftlern mit einem Doktorandentag ein breiter Raum für die Präsentation ihrer Forschungsergebnisse zur Verfügung gestellt wurde.
Daniela Daute und Andreas Helms vom Institut für Festkörperphysik konnten wie ihr Kollege aus Mainz sogar einen Preis für ihre wissenschaftlichen Leistungen in Empfang nehmen. Der Dekan der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät, Prof. Dr. Helmut Mikelskis, brachte seine Hoffnung auf die Fortsetzung dieser Neuerung zum Ausdruck, weil „hier die Zukunft der Forschungsgebiete liegt“. B.E.
IM DISNEYLAND ANGEKOMMEN?
Die von Rainer Rosenberg geäußerten Gedanken, daß man die Ergebnisse einer ideologisierenden Literaturgeschichtsschreibung nicht mehr gebrauchen könne, sind alles andere als wertneutral; sie spiegeln sich in gegenwärtigen Feuilletonclinches wider, z. B. um die Gesinnungsästhetik der Autoren. Einmal angenommen, Autoren und auch Literaturwissenschaftler meinten, sie könnten ohne „geistige" Konzeptionen auskommen, weil die manipulierbar und instrumentalisierbar seien, dann sind wir wirklich im Disneyland angekommen, wo alles gleich und egal ist. Wirbräuchten dann nur noch Lexika, in der der geballte Fleiß der Positivisten gesammelt ist. Wir könnten uns damit dann eine „eigene Meinung" bilden. Aber worauf würde diese „eigene" Meinung projiziert? Wäre nicht eine ideen- und sozialgeschichtliche Literaturgeschichtsschreibung notwendig?
Käme es nicht für die Literaturgeschichtsschreibung, die sich mit der DDR-Entwicklung beschäftigt, darauf an zu erkunden, weshalb z. B. Georg Lu- käcs so eine Wirkungsmacht hatte und das, obwohl er nach 1956, nach den Ungarn-Ereignissen, eine politische persona non grata war?
Es gab in der DDR nicht nur die 12-bändige Literaturgeschichte, sondern es bildeten sich besonders anregende Arbeitsgruppen um solche Wissenschaftler wie Dieter Schlenstedt, Manfred Naumann u. a„ die mit Rezeptionsästhetik und Tbxtverstehen als ästhetische Befähigung ein neues Literaturverständnis in die literaturwissenschaftliche Diskussion einbrachten - schon in den frühen 70er Jahren. Wie ist das zu erklären, daß diese Wissenschaftsverständnisse nicht mit staatlicher Autorität - sprich Geld und Leuten - ausgestattet wurde, wie das Projekt der 60er Jahre? Das wäre interessant und hoffentlich bekommen die Leute um Rainer Rosenberg aus der abgewickelten Akademie der Wissenschaften der DDR auch über die WIP-Zeit hinaus Gelegenheit und Mittel, um diese noch fehlenden Kapitel der Wissenschaftsgeschichte zu schreiben.
Um neue Manipulierbarkeiten zu verhindern, wäre es sehr wichtig, wenn Wissenschaftler ihre eigenen Prämissen ständig daraufhin abklopften, ob sie instrumentalisiert werden können, nicht nur dann, wenn sich Gesellschaftsordnungen auflösen. Margrid Bircken
PUTZ 6/95
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