EIN KAPITEL ZUR DEUTSCHEN LITERATURGESCHICHTE
Rainer Rosenberg zu Gast bei den Germanisten
Keine „Zehn Kapitel zur Geschichte der Germanistik“ (wie eines seiner Bücher heißt), sondern nur ein Kapitel stellte Prof. Dr. Rainer Rosenberg vor, der in der Ringvorlesung zur Geschichte des Fachs während des Sommersemesters zu Gast an der Universität Potsdam weilte. Dieses Kapitel war dem großen Projekt der Literaturhistoriker der DDR gewidmet, eine Gesamtdarstellung der deutschen Literaturgeschichte ,yon den Anfängen bis zur Gegenwart“ zu schaffen.
Rosenberg begann seinen Vortrag mit der These, daß die Literaturhistoriker der DDR mehr und anderes gedacht hätten, als sich in ihren Publikationen nachlesen lasse. Da aber nur das Gedruckte dokumentiert sei, müßte die Spaltung mitbedacht werden, besonders in solchen Prestige-Projekten wie der 12bändigen Literaturgeschichte. Zu berücksichtigen sei auch, daß auch, daß die Konzeption für dieses Mammut-Projekt schon Mitte der 60er Jahre abgeschlossen gewesen sei und bei einem Produktionszeitraum von 20 Jahren sich verschiedene neue Ansätze zwar immanent in den Beiträgen von mehr als 100 Wissenschaftlern niederschlugen, aber eben nicht konzeptionell. So könne insgesamt von drei Hauptkomponenten gesprochen werden, die dieser Literaturgeschichte" von den Anfängen bis zur Gegenwart“ unterlegt gewesen seien. Zum ersten ein gesellschaftstheoretisches Modell, das von der materiell-ökonomischen Basis abhängige Interessen und Bedürfnisse beschrieb, diez.B. die Einschränkung von relativer Eigenbewegung von geistigen Prozessen nicht zuließ; zum zweiten ein Geschichtsbild, das von der gesetzmäßigen Abfolge von Produktionsverhältnissen ausging, die sich auf die klassenlose Gesellschaft zubewegt und zum dritten eine von Georg Lukäcs entwickelte Kunsttheorie, deren wesentliche Realismus-Auffassung (des „mittleren“ Lukäcs’) mit seiner mechanischen Widerspiegelungsauffassung, seinem gnoseologischen Wirkungskonzept den beiden anderen Komponenten (Gesellschafts- und Geschichtsbild) kongruent war. Literaturgeschichte ließ sich damit als zielgerichteter Prozeß beschreiben, der in den gesamtgesellschaftlichen Prozeß eingebettet war. Für die Auswahl von Autoren und Tbxten wurde zum entscheidenden Kriterium, inwieweit sie den zielgerichteten Prozeß, die Entwicklungsrichtung der Menschheit „vom Niederen zum Höheren" darzustellen bzw. zu repräsentieren in der Lage waren. Prof. Rosenberg belegte an vielen Beispielen, wie die Konzeption zum Dilemma in den Bewertungen führte, z. B. wie
Georg Weerth auf den literarischen Thron gesetzt wurde, den Philosophen Marx und Engels an die Seite gestellt, wie die bürgerlichen Realisten als „Umweg" erscheinen mußten - wegen der verlorenen Bürgerlichen Revolution von 1848 - und wie vor allem in der Literatur des 20. Jahrhunderts das Raster von Verfall und Fortschrittsliteratur nicht mehr griff. Als Resümee wurde angeboten, daß dieses Großprojekt in besonderer Weise die deutsche ideengeschichtliche Tradition bedient habe und daß sehr wenig - trotz des marxistischen Anspruchs - zur sozialgeschichtlichen Traditionsbildung getan wurde. Rosenberg ging sogar soweit zu sagen, da es sich um eine ideologisierende Literaturgeschichtsschreibung handelte, könne man ihre Ergebnisse nicht mehr gebrauchen: sie hätten jegli-
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Prof. Dr. Rainer Rosenberg Foto: Tnbukeit
chen Wahrheitswert eingebüßt, da sowohl der Gesellschaftsversuch als auch das Literaturkonzept gescheitert seien. M.B.
AUSSTELLUNG „UNIVERSITÄT 2000"
Aufforderung zu Beschäftigung mit kulturpolitisch bedeutsamem Thema
Potsdam, Friedrich der Große und Sanssouci sind untrennbare Begriffe - Sanssouci Weltkulturerbe der UNESCO, Communs und Kolonnade einer der Standorte der Potsdamer Universität! Grund genug für eine Ausstellung? Grund genug für Architekten, Stadt- und Regionalplaner, sich intensiv mit den Bereichen der Potsdamer Uni zu beschäftigen. Geschichtsträchtig sind sie alle drei: Die Communs Am Neuen Palais, von Jean Laurent Le Geay vorgeplant, der aber nach Ansicht des Bauherren Friedrichs II. zu eigensinnig auf seinen Entwürfen beharrte, so daß Carl von Gontard die Arbeiten fortführte und 1766 mit dem Bau begonnen werden konnte. Ein „Forum FHderizianum“ sollte entstehen, in den Neubauten lediglich Küchen, Wirtschaftsräume, sowie Räume für Hofgefolge und Dienerschaft untergebracht.
„Der Stil dieser Gebäude ist gänzlich verschieden vom eigentlichen Palais, ist leicht und nähert sich dem französischen Geschmack, thut aber dennoch eine ungemeine gute Würkung... nur schade, daß ihre Bestimmung so problematisch ist“, hieß es in den Berliner „Kritischen Anmerkungen“ zur Baukunst von 1776. Friedrich der Große wollte von seiner Wohnung im Neuen Palais
aus am liebsten auf einen Palast von Palla- dio blicken, was der grundlegende Gedanke für die Planung von Communs und Kolonnaden war.
Unter Kaiser Wilhelm II, wurde das Mar- stallgebäude hinzugefügt und die gesamte Schloßanlage Am Neuen Palais in neubarockem Sinne verändert. Das wechselhafte Schicksal der Communs nach 1918 weist
Die Kolonnade und die beiden Communs des ehemals Königlichen Palais Potsdams werden ebenfalls Ttsil der Ausstellung „ Universität Potsdam 2000" sein. Abbildung: eh.
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PUTZ 6/95
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