übernehmen. Wir sind jedoch, glaube ich, alle losgeworden, die aus politischen Gründen vorher berufen worden sind, oder eine so starke Systemnähe hatten, daß man sie hier nicht mehr sehen wollte. Durch die parallel erfolgte, insgesamt erfolgreiche Berufungspolitik haben wir in allen Bereichen einen zwischen Ost und West gemischten Lehrkörper. Meiner Meinung nach ist es gelungen, die Erfahrung der Neuberufenen und die Erfahrung der Eingesessenen aus Potsdamer Verhältnissen ganz fruchtbringend zusammenzuführen. Insgesamt zeichnet die Gruppen eine Vermeidung größerer Kluften zwischen ihnen aus. Wir pflegen doch ein etwas näheres Verhältnis untereinander als dies an ganz klassischen alten Universitäten, die ein paar hundert Jahre alt sind und an denen ein C4- Professor doch einen gewissen Abstand vor dem Rest der Welt hat, üblich ist.
PUTZ: Wenn Sie die Arbeit der Fakultäten ins Verhältnis setzen sollten zur Arbeit des Senats, wie würde Ihr Vergleich ausfallen?
Mitzner: Ein Ziel nach dem Aufheben des Gründungsstatus’ lag ja darin, die Fakultäten stark zu machen. U. a. auch, damit der Senat entlastet wird. Es sollte also möglichst viel in den Fakultäten erledigt werden. Ich kann sagen, daß die Fakultätsräte und die Dekane diese Aufgabe mit Bravour angenommen haben. Besonders gefallen hat mir die Arbeit der Dekane im Senat. Die Senatssitzungen waren immer sehr konstruktiv. Das ist unter anderem auch ein Verdienst der anwesenden Dekane. Da jedoch in Angelegenheiten, die die Professoren angehen, wie Berufungen, auch alle Professoren einer jeweiligen Fakultät etwas zu sagen haben, sind die Gremien zum Teil sehr unhandlich geworden. Dadurch ergeben sich manchmal Entscheidungsfindungen erst nach einer recht langen Zeit. Ein bißchen beunruhigt mich schon, daß ein Beschluß, der eigentlich von allen avisiert wird, bis zu drei Monaten braucht, bis er endlich da ist, wo er hingehört. Wenn es Diskrepanzen auf dem Wege gibt, dann ist ein solch langwieriges Verfahren schon in Ordnung. Aber es gibt zu viele Verfahren, die ganz unstrittig sind und trotzdem so lange brauchen.
PUTZ: Gibt es Ihrer Meinung nach strukturelle Schwachpunkte in der Organisation und im Aufbau der Universität Potsdam? Wo liegen ihre diesbezüglichen Stärken?
Mitzner: Die Stärke liegt sicherlich dann, daß wir fünf Fakultäten haben und nicht mehr. Eine Stärke in der Struktur, viel mehr, als ich das je gedacht habe, sind die interdisziplinären Zentren und überhaupt jede Form von interdisziplinärer Struktur, dazu
zählen auch die Innovationskollegs. Von Schwäche will ich eigentlich nicht direkt reden, aber das Verhältnis Fakultät - Institut - Abteilung, diese Struktur ist noch nicht ganz klar. Ich glaube, die kann auch nicht allgemein geregelt werden. Ich weiß das ja aus meinem Fach selbst. Durchgängig den Entscheidungsprozeß und die Beteiligung von wissenschaftlichen Mitarbeitern und vor allem auch Studenten auf den verschiedenen Ebenen immer zu sichern, das ist noch nicht gelungen. Nicht überall gelungen.
PUTZ: Haben Sie nach der Erfahrung der letzten Jahre für Ihren Nachfolger im Amt noch einen speziellen Ratschlag?
Mitzner: Ich glaube, was von mir als Rat kommen kann, ist schon gekommen, nämlich die zweijährige Zusammenarbeit im Rektorat. Das wird ganz kontinuierlich ablaufen. Allerdings ist die Gründungszeit jetzt natürlich vorbei und bestehen zwischen Herrn Loschelder und mir auch gewisse mentale Unterschiede. Ich bin jedoch nicht sicher, ob man vernünftig jemandem etwas raten kann, Es sind ganz andere Verhältnisse. Während mein Schwerpunkt, ich denke auch meine Verdienste darin bestanden, durch Konzeption und relativ schnelles Zugreifen Strukturen zu sichern und im Kern anzulegen, kommt es jetzt darauf an, das Geld, die Stellen und die baulichen Kapazitäten für alle diese Träume Täg für Täg zu erkämpfen, das sind ganz andere Aufgaben. Doch ich denke, Herr Loschelder ist ganz gut geeignet dafür.
PUTZ: Herr Mitzner, vielen Dank für das offene Gespräch.
Rektor Prof. Dr. Rolf Mitzner (links) gratulierte als Erster seinem designierten Nachfolger Prof. Dr. Wolfgang Loschelder. Foto: Tribukeit
PUTZ: Herr Loschelder, aus einer Vorlesung, die Sie in Potsdam halten wollten, wurde sehr schnell sehr viel mehr. Was hat Sie zu Ihrem großen Engagement, das Sie an der Potsdamer Universität von Anfang an gezeigt haben, bewegt?
Loschelder: Ich könnte jetzt abstrakt von der faszinierenden Aufgabe sprechen, zuerst eine Fakultät, und dann eine Universität mit aufzubauen. Doch eigentlich läßt es sich viel leichter darstellen an einem konkreten Erlebnis, nämlich dieser ersten Vorlesung, die ich hier gehalten habe. Dies geschah in einer relativ schwierigen Situation in Babelsberg vor 600 Studenten, die gerade erfahren hatten, daß die Hochschule für Recht und Verwaltung nach wenigen Mona
‘Wir dürfen unser Äufhruchs- fhiidum nicht vertieren.
Prof. Dr. Wolfgang Loschelder
ten wieder abgewickelt wurde. Es war, wie gesagt, eine sehr schwierige Vorlesung, aber es war eine Vorlesung, die mir intensiv gezeigt hat, was man tun kann, welche Notwendigkeiten und welche Chancen bestehen. Diese Faszination der Aufgabe hat mich seitdem begleitet und mich auch in schwierigen Situationen nicht verlassen. Das ist der eigentliche Hintergrund.
PUTZ: Die erste Aufbauphase neigt sich an der Universität Potsdam ihrem Ende zu - dies wird noch verstärkt durch den personellen Wechsel im Amt des Rektors. Auch Sie haben an diesem Aufbau als Dekan der Juristischen Fakultät, als Senatsmitglied, Prorektor und Ausschußvorsitzender mitgearbeitet. Wo entspricht das Ergebnis in Form der Potsdamer Universität Ihren Intentionen, und wo noch nicht so ganz?
Loschelder: Wenn ich bei meiner eigenen Fakultät anfange, so muß ich einerseits sagen: Die Fakultät ist inzwischen voll besetzt, sie funktioniert, die Zahl der Studenten ist sehr hoch. Es ist eine Fakultät, die keinen Vergleich mit anderen, älteren Jristischen Fakultäten zu scheuen braucht. Trotzdem gibt es auch hier das eine oder andere, von dem ich sage, das es noch nicht zuende gebracht ist. Das gilt zum einen für das Problem einer Intensivierung im Bereich der Lehre. Es ist sicherlich auch so, daß der Prozeß des Zusammenwachsens von hiesigen und westlichen Mitarbeitern nicht in so wenigen Jahren bewältigt wird und natürlich weitergehen muß, Und trotz des wirklich guten Zuspruchs der Studierenden auch aus den westlichen Bundesländern - einschließlich des westlichen Tbils von Berlin - kann das Miteinander (ich hasse das Wort Durchmischung) noch sehr viel intensiver werden. Das heißt also, es ist ein guter Sockel erreicht, auf dem aber weiter aufgebaut werden muß - das gilt nicht nur für meine eigene Fakultät sondern generell. Man muß aufpassen, daß wir nicht diese Zukunftsbezogenheit, dieses Aufbruchsfluidum verlieren. Natürlich ist Routine ein Zei-
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