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(1.1.2019) 06
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chen dafür, daß die Dinge sich gefestigt und stabilisiert haben, auf der anderen Seite müßte man sich aber mindestens einmal in der Woche fragen: Was können wir eigent­lich neu und besser machen, auch vergli­chen mit den westlichen Universitäten? Es ist oft Enttäuschung darüber geäußert wor­den, daß die große Reform in den neuen Bundesländern im Universitätsbereich nicht gelungen ist. Dahinter steckt die Illu­sion, daß man sich hinsetzen, monatelang nachdenken oder ein Konzept entwerfen, und darauf basierend eine völlig neue Uni­versität gründen konnte. Diese Vorausset­zungen haben me bestanden; Reformen mußten und müssen bei laufendem Betrieb gemacht werden. Vielleicht kommt diese Aufgabe der Reform sogar jetzt erst nchtig auf uns zu, weil die Aufbruchsphase, der erste, mit sehr viel Improvisation und Mut verbundene Abschnitt, für so etwas viel we­niger Spielraum ließ als die jetzige Konsoli­dierungsphase. Deswegen ist es sicherlich notwendig, daß man nun hier und da inne­hält und fragt: Was haben wir erreicht, wo sind wir in der Gefahr, einfach aus Gewohn­heit bestimmte Dinge zu machen, und wo können wir Weichen in neue Richtungen stellen? Ich denke da sowohl an Inhalte, etwa an unsere Profilbereiche, an Studien­gänge, die es anderswo nicht gibt, von der Astrophysik bis zur Ernährungswissen­schaft. Ich denke aber auch an die Koope­rationsformen. Jede Universität führt das Wort Interdisziplinarität im Munde; unsere ist so strukturiert, daß sie dies sehr intensiv betreiben könnte, sie muß es nur tun. Und ich denke insbesondere auch an den Be­reich der Lehre. Das günstige Betreuungs­verhältnis von Professoren zu Studenten muß unbedingt dazu genutzt werden, hier vorzuführen, wie Studium eigentlich sein könnte, wenn solche günstigen Relationen bestehen. Wir sollten uns darum bemühen, noch sehr viel intensiver Studienberatun­gen und Fachstudienberatungen zu betrei­ben. Und wir sollten versuchen, ein Thtorienprogramm in die Welt zu setzen,

Ich sehe zur %evoCutwn feinen Änfaß.

Prof. Dr. Wolfgang Loscheld

das wirklich Studium fördert und erleich­tert. Wir sollten mit noch viel größerem Nachdruck darauf achten, unser Studium so anzulegen, daß auch auf Dauer die Re­gelstudienzeiten überall eingehalten wer­den. Wir sollten versuchen, die drei Modu- le, die die Denkschrift vorsieht, Sprachen, Informatik, Umweltwissenschaften, fächer­übergreifend wirklich effizient anzubieten. Sie sehen, es ist ein weites Feld...

zentverschiebungen geben?

Loschelder: Ich sehe zur Revolution keinen Anlaß, aber ich denke schon, daß zumin­dest unter zwei Aspekten mit kontinuierli­chen Übergängen auch Weichenstellungen und Umlenkungen erfolgen müssen. Den entscheidenden Ansatz habe ich schon ge­nannt, das ist der Übergang von der Auf-

Pro/ Dr. Wolfgang Loschelder Foto: Fritze

bau- in die Ausbau- und Konsolidierungs­phase. Damit ist zugleich auch der Punkt gekommen, sich Rechenschaft zu geben, wo man neue Impulse setzen, wo man vor­handene Innovationen vertiefen, wo man Profile deutlicher herausarbeiten muß. Der zweite Punkt liegt in der Notwendigkeit, diesem Übergang, der Phase einer Konso­lidierung bei zunehmend knapperen Mit­teln in den Methoden gerecht zu werden - das ist sicherlich ein Thema, das uns m den nächsten Jahren begleiten wird. Diese Pha­se setzt voraus, daß man das Instrumenta­rium entsprechend ändert. Um ein Beispiel zu nennen: In der Aufbauphase ist vieles mündlich und auf Zuruf geschehen. Das hatte damals auch seinen guten Sinn. In der gegenwärtigen Phase muß es aber unbe­dingt so sein, daß wir zu normalen, forma­lisierten Umgangsformen kommen, weil diese Phase vorrangig im Zeichen der Be­rechenbarkeit, der Stabilität stehen muß. Man wirft uns gelegentlich vor, daß wir Din­ge getan haben ohne schriftliche Beschei­de. Es ließe sich in einer langen Liste zeigen, wo wir alles keine schriftlichen Bescheide erhal­ten haben, obwohl wir sie ge­wünscht hätten. Das war eben der Stil dieser Aufbruchsphase. Nur ist die jetzt zu Ende. Es muß sich entsprechend auch einiges ändern im Umgang mit dem Ministerium unter dem Aspekt, daß nun die Universität mit eigenen Organen und Auto­nomie ausgestattet ist. Juristisch ist das schon seit einiger Zeit der Fall. Wir müssen es jetzt auch in der Realität nachvollziehen.

PUTZ: Streben Sie als neuer Rektor konkre­te Veränderungen an? Oder wird es nur Ak­

PUTZ: Wie beurteilen Sie das mneruniver- sitäre Arbeitsklima an der Universität Pots­dam - sowohl innerhalb als auch zwischen den Statusgruppen?

Loschelder: Das Verhältnis zwischen den Gruppen ist außerordentlich sachlich. Bis­her wurde nicht unter Gruppenzwängen gehandelt, sondern man versuchte, ge­meinsam die Dinge zu erledigen, die an­standen, Es ist nun sicherlich deutlich, daß die Gruppen zu einem stärkeren Selbstbe­wußtsein kommen, das ist auch gut so. Was nur nicht passieren darf, das ist, daß Grup­penideologien vor Sachlichkeit stehen. Ich denke aber, daß wir in dieser Hinsicht nach wie vor hervorragende Bedingungen ha­ben, und dies scheint mir auch unverändert den Stil der Universität zu prägen. Das soll­te auf Dauer ein Markenzeichen bleiben.

PUTZ: Wie würden Sie die Universität Pots­dam im Vergleich zu den anderen Hoch­schulen Brandenburgs und natürlich auch Berlins heute ansiedeln wollen?

Loschelder: Gegenüber den Brandenbur­ger Hochschulen ist das ganz eindeutig, die Universität Potsdam ist die 'normale' Voll­universität mit all den Aufgaben, die eine solche Universität im Lande übernehmen muß. Die beiden anderen Universitäten des Landes haben ja jeweils spezielle Aufga­ben, die sich mit unseren nur teilweise dek- ken. Insoweit sind wir auf Kooperation ge­radezu festgelegt. Was die Berliner Univer­sitäten angeht, so haben wir es hier nicht nur quantitativ mit anderen Dimensionen zu tun, sondern es ist ja auch so, daß die Uni­versität Potsdam von vornherein auf den regionalen Bedarf hin strukturiert worden ist. Dies bedeutet auch, daß man von An­fang an auf die Vermeidung von Dubletten geachtet hat. Wenn man näher hinsieht, wird man feststellen, daß auch da, wo Ber­liner Universitäten und unsere Universität unter der gleichen Fachbezeichnung tätig sind, wie beispielsweise in der Chemie, sehr unterschiedliche Dinge getrieben wer­den. Entscheidend ist ja, daß an verschie­denen Orten bei vorhandenem Bedarf die Dinge eben jeweils in ihrem eigenen Profil getätigt werden - und dann kann man nicht von einer Dublette sprechen. So gibt es ganze Bereiche, die an der Universität Pots­dam von vornherein nicht ins Auge gefaßt worden sind, wie etwa die Medizin oder die Theologie, weil in diesen Bereichen der Großraum Berlin-Brandenburg hinreichend ausgestattet ist. Deshalb denke ich, daß sich das Verhältnis zu den Berliner Univer­sitäten als ein Verhältnis der Ergänzung und des Kontrastprogramms unter dem Ge­sichtspunkt der spezifischen Leistungen Potsdams im Bereich der Forschung und Lehre angesichts der günstigen Dimensio­nen heraussteilen wird. Dies sollte man weiterhin vertiefen.

PUTZ: Herr Loschelder, vielen Dank für das Gespräch.

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