Heft 
(1.1.2019) 06
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DER VIERKOPFIGE HUND WAR NICHT ZU SEHEN

Genforschung auf dem Campus der Universität Potsdam

Geheimnisvolles schien sich abzuspielen hinter den häßlichen blauen Wänden des neuesten Neubaus auf dem Unigelände in Golm: WarnschilderGenlabor Sicher­heitsstufe 1 ließen uns aufmerken. Dieser erste Besuch wurde jäh beendet durch eine Dame, die unsere neugierigen Fragen nach der Sicherheitsstufe abschmetterte:Wozu wollen Sie das wissen? Auch die Telefonnummer von Verantwortlichen und den Na­men des Institutes wollte sie uns nicht bekanntgeben.

Das Prinzip des troja

Um eine transgene Püam dient man sich einer alter mit Hilfe emes Agrobakt liertes Gen m die DNA eil diese Gene in die DNA

Unsere Laienängste vor dem vierköpfigen Hund und den menschenfressenden Pflan­zen legten sich bei unserem zweiten Be­such. Einige Wochen später saßen wir bei Rainer Höfgen, dem Forschungskoordinator des Max-Planck-Instituts für Molekulare Pflanzenphysiologie in Golm, und Forscher, Labore, Apparate und Forschungsobjekte nahmen konkrete Gestalt an. Warum sich die Dame so öffentlichkeitsscheu gab, wuß­te Rainer Höfgen auch nicht so recht. Zum Zeitpunkt unseres ersten Besuchs gab es allerdings noch keine richtige Aufgaben- teilung, da sich das Institut noch in der Auf­bauphase befand. Mittlerweile existiert es seit fünf Monaten; am 3. Mai wurde es of­fiziell eröffnet und in dem blauen Platten­haus eine Büste von Max Planck enthüllt. Inzwischen wird hier schon geforscht. Mo­mentan werden Untersuchungen weiterge­führt, die der Direktor des Instituts, Prof. Willmitzer, der vom Institut für Genbiolo­gische Forschung (IFG) in Berlin-Dahlem kommt, dort begonnen hat. Es geht um gen­technische Veränderung von Pflanzen. Ge­arbeitet wird mit Täbak, Kartoffel, Tomate, Raps, Zuckerrübe. Dabei geht es einerseits um Grundlagenforschung. Man untersucht, wie die Pflanzen auf bestimmte Gen­veränderungen reagieren. Dazu werden Gene gezielt entfernt, hinzugefügt bzw. aus­getauscht (s. Kasten) und es wird beobach­tet, was sich an der Pflanze verändert bzw. ob sich das verändert, was man erwartet. In Golm geht es vor allem um den Kohlenhy­dratstoffwechsel von Kartoffeln und Täbak. Den Pflanzen werden verschiedene Pflan­zengene, z. T. auch Bakteriengeneeinge­setzt.

Hier liegt nun andererseits auch der An­wendungsbereich hiesiger Arbeit. Man ver­sucht, Kartoffeln gentechnisch so zu verän­dern, daß sie ihre Stärke nur in einer Form produzieren. Natürlicherweise produzieren Kartoffeln Stärke in zwei verschiedenen For­men. Diese müssen unter hohem Energie­aufwand (Kochen) getrennt werden. Wenn man eine Kartoffel entwickelt, die nur eine Stärkeform produziert, fällt dieser Aufwand weg. Dies ist gerade deshalb wichtig, weil Stärke als Alternative zu erdölbasierten Polymeren (für Plasüktüten usw.) gefragt ist. Für den Ökofreak ergibt sich also das Pro­blem, daß seine Forderung nach Alternati­ven zur Plastikkultur nach herkömmlicher

Denkweise (Ich löse durch Tbchnik verur­sachte Probleme mit neuer Tbchnik) die Genforschung auf den Plan ruft.

Warum gibt es nun diese Sicherheitsberei­che", was bedeuten sie? Rainer Höfgen beruhigt: Was wir hier haben, ist generell nur Forschung nach S1-(Sicherheitsstufe I)- Bedingungen, d.h. nach der niedrigsten Sicherheitsstufe. Wir nutzen nur Pflanzen und Bakterien, die in den entsprechenden Katalogen des Bundesgesundheitsamtes für S1 eingestuft sind, Wir haben auch kei­ne labormäßige Ausstattung für SII. 11 Warum sind die Labore aber Sicherheitsbereiche, das suggeriert doch eine gewisse Gefähr­dung?Das ist nicht so, weil es gefährlich ist, sondern weil wir den Bereich kontrollie­ren müssen, Es kann hier eigentlich nichts passieren. Sie können sich nicht infizieren o.ä. Aber wir wollen verhindern, daß Sie, was Sie nicht dürfen, unwissentlich Samen­material von irgendwelchen Pflanzen mit nach Hause nehmen und dann Kartoffeln anpflanzen, die nur hier im Labor oder in Gewächshäusern sein dürfen. Auf unsere Rage, was denn passiere, wenn genverän­derte Pflanzen irgendwie hinausgelangen, sagt Höfgen, es sei keine Gefährdung ge-, geben, aber die Kontrolle über die Pflanzen sei eben gesetzlich festgelegt. Da er keine Gefährdung sieht, hält er auch die Geneh­migungsprozedur für Freilandversuche, die wir natürlich wollen, für zu kompliziert. Der Effekt der deutschen Genehmigungs­praxis läuft tatsächlich darauf hinaus, daß die bundesdeutsche Industrie ihre Gen­forschung ms Ausland verlagert. Von dort kommen dann wegen der europäischen Regelungen genmanipulierte Produkte doch zurück in die Bundesrepublik, was alle deutschen Beschränkungen konterka- nert. Über die Rage, ob der weniger büro­kratische und oft auch weniger verantwort­liche Umgang mit Gentechnik im Ausland die BRD zu Änderungen ihrer Gesetze ver­anlassen sollte, wurde in den letzten Mona­ten ausführlich gestritten. Favorisiert man in dieser Kontroverse eine vermeintliche Ver­besserung desStandortes BRD, so be­deutet dies, vorhandene, aber noch unbe­kannte Risiken in Kauf zu nehmen. Auch bei Potsdams Genforschern hat man den Ein­druck, daß ihnen eventuelle Folgen ihres Ums nicht relevant scheinen, solange die­se nicht erkennbar sind.Die ethische Dis­

Das Prinzip des trojanischen Pferdes

Um eine transgene Pflanze zu erzeugen, be­dient man sich einer alten List: Man schleust mit Hilfe emes Agrobakeriums ein manipu­liertes Gen m die DNA einer Pflanze ein, Um diese Gene m die DNA der Pflanzenzelle (re-)integrieren zu können, bedarf es eines Übermittlers, der seine Gene auf natürli­chem Wege auf die Pflanzenzellen-DNA überträgt: in unserem Fall die Agrobakteri- en. Das manipulierte Gen wird in die DNA dieserTrägerbakterien" eingeschleust und bei der natürlichen Übertragung ihrer Gene mitübertragen. Dazu stehen mittlerweile vie­le unterschiedliche Methoden zur Verfü­gung. Die vom Bundesministerium vorge­schriebenen Sicherheitsstufen basieren auf Abschätzungen der potentiellen Gefahr der Versuche. Als gefährlich werden z.B. Versu­che eingeschätzt, die mit der DNA von Krankheitserregern arbeiten; als ungefähr­lich sieht man Versuche mit den Bakterien an, die auch unter natürlichen Bedingungen Gene mit den Wirtszellen austauschen.

kussion, so Höfgen,hat bereits stattgefun­den und ist eigentlich schon längst vorbei. Ich kann nicht jede gentechnische Behand­lung einer Pflanze durch mittlerweile routi­nierte Methoden erneut unter dem ethi­schen Aspekt diskutieren." Was nach Rou­tine klingt, kann jedoch auch spektakuläre Ergebnisse hervorbringen; es ist fraglich, ob diese Ergebnisse einer ebenso strengen Prüfung unterliegen wie die ihnen voraus­gegangene Forschung.

Eine Folge der Abwanderung der Genfor­schung ms Ausland sind die schlechten Arbeitsmarktchancen für Genetiker. Des­halb möchten auch nur wenige Studenten auf diesem Gebiet diplomieren oder pro­movieren. Das Institut für Molekulare Pflan­zenphysiologie, das eine enge Zusammen­arbeit mit der Universität anstrebt, emp­fängt deshalb Studenten, die Praktika absol­vieren oder Diplomarbeiten schreiben wol­len, mit offenen Armen. Ob man in dieser Branche eine Zukunft hat oder nicht - das Wissen um die Praxis genetischer For­schung kann sicher helfen, sich eine Posi­tion zu erarbeiten.

Rotz der Anschaulichkeit, trotz der friedlich unter ihren Höhensonnen wachsenden Pflänzchen und trotz der beruhigenden Er­klärungen über Sicherheitsstufen bleibt ein Rest Skepsis, denn es will nicht gelingen, die Brisanz des viel diskutierten Themas mit der Normalität in Golm in Einklang zu bringen. Allerdings handelt es sich hierbei um eine Forschungsstätte mit der niedrig­sten Sicherheitsstufe. Was wird man wohl hinter den Mauern einesSIH-Institutes fin­den? Wolfram Meyerhöfer/

Veronika Lipphardt

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PUTZ 6/95