DER VIERKOPFIGE HUND WAR NICHT ZU SEHEN
Genforschung auf dem Campus der Universität Potsdam
Geheimnisvolles schien sich abzuspielen hinter den häßlichen blauen Wänden des neuesten Neubaus auf dem Unigelände in Golm: Warnschilder „Genlabor Sicherheitsstufe 1 “ ließen uns aufmerken. Dieser erste Besuch wurde jäh beendet durch eine Dame, die unsere neugierigen Fragen nach der Sicherheitsstufe abschmetterte: „Wozu wollen Sie das wissen?“ Auch die Telefonnummer von Verantwortlichen und den Namen des Institutes wollte sie uns nicht bekanntgeben.
Das Prinzip des troja
Um eine transgene Püam dient man sich einer alter mit Hilfe emes Agrobakt liertes Gen m die DNA eil diese Gene in die DNA
Unsere Laienängste vor dem vierköpfigen Hund und den menschenfressenden Pflanzen legten sich bei unserem zweiten Besuch. Einige Wochen später saßen wir bei Rainer Höfgen, dem Forschungskoordinator des Max-Planck-Instituts für Molekulare Pflanzenphysiologie in Golm, und Forscher, Labore, Apparate und Forschungsobjekte nahmen konkrete Gestalt an. Warum sich die Dame so öffentlichkeitsscheu gab, wußte Rainer Höfgen auch nicht so recht. Zum Zeitpunkt unseres ersten Besuchs gab es allerdings noch keine richtige Aufgaben- teilung, da sich das Institut noch in der Aufbauphase befand. Mittlerweile existiert es seit fünf Monaten; am 3. Mai wurde es offiziell eröffnet und in dem blauen Plattenhaus eine Büste von Max Planck enthüllt. Inzwischen wird hier schon geforscht. Momentan werden Untersuchungen weitergeführt, die der Direktor des Instituts, Prof. Willmitzer, der vom Institut für Genbiologische Forschung (IFG) in Berlin-Dahlem kommt, dort begonnen hat. Es geht um gentechnische Veränderung von Pflanzen. Gearbeitet wird mit Täbak, Kartoffel, Tomate, Raps, Zuckerrübe. Dabei geht es einerseits um Grundlagenforschung. Man untersucht, wie die Pflanzen auf bestimmte Genveränderungen reagieren. Dazu werden Gene gezielt entfernt, hinzugefügt bzw. ausgetauscht (s. Kasten) und es wird beobachtet, was sich an der Pflanze verändert bzw. ob sich das verändert, was man erwartet. In Golm geht es vor allem um den Kohlenhydratstoffwechsel von Kartoffeln und Täbak. Den Pflanzen werden verschiedene Pflanzengene, z. T. auch Bakteriengene „eingesetzt“.
Hier liegt nun andererseits auch der Anwendungsbereich hiesiger Arbeit. Man versucht, Kartoffeln gentechnisch so zu verändern, daß sie ihre Stärke nur in einer Form produzieren. Natürlicherweise produzieren Kartoffeln Stärke in zwei verschiedenen Formen. Diese müssen unter hohem Energieaufwand (Kochen) getrennt werden. Wenn man eine Kartoffel entwickelt, die nur eine Stärkeform produziert, fällt dieser Aufwand weg. Dies ist gerade deshalb wichtig, weil Stärke als Alternative zu erdölbasierten Polymeren (für Plasüktüten usw.) gefragt ist. Für den Ökofreak ergibt sich also das Problem, daß seine Forderung nach Alternativen zur Plastikkultur nach herkömmlicher
Denkweise („Ich löse durch Tbchnik verursachte Probleme mit neuer Tbchnik“) die Genforschung auf den Plan ruft.
Warum gibt es nun diese „ Sicherheitsbereiche", was bedeuten sie? Rainer Höfgen beruhigt: Was wir hier haben, ist generell nur Forschung nach S1-(Sicherheitsstufe I)- Bedingungen, d.h. nach der niedrigsten Sicherheitsstufe. Wir nutzen nur Pflanzen und Bakterien, die in den entsprechenden Katalogen des Bundesgesundheitsamtes für S1 eingestuft sind, Wir haben auch keine labormäßige Ausstattung für SII. 11 Warum sind die Labore aber Sicherheitsbereiche, das suggeriert doch eine gewisse Gefährdung? „Das ist nicht so, weil es gefährlich ist, sondern weil wir den Bereich kontrollieren müssen, Es kann hier eigentlich nichts passieren. Sie können sich nicht infizieren o.ä. Aber wir wollen verhindern, daß Sie, was Sie nicht dürfen, unwissentlich Samenmaterial von irgendwelchen Pflanzen mit nach Hause nehmen und dann Kartoffeln anpflanzen, die nur hier im Labor oder in Gewächshäusern sein dürfen.“ Auf unsere Rage, was denn passiere, wenn genveränderte Pflanzen irgendwie hinausgelangen, sagt Höfgen, es sei keine Gefährdung ge-, geben, aber die Kontrolle über die Pflanzen sei eben gesetzlich festgelegt. Da er keine Gefährdung sieht, hält er auch die Genehmigungsprozedur für Freilandversuche, „die wir natürlich wollen“, für zu kompliziert. Der Effekt der deutschen Genehmigungspraxis läuft tatsächlich darauf hinaus, daß die bundesdeutsche Industrie ihre Genforschung ms Ausland verlagert. Von dort kommen dann wegen der europäischen Regelungen genmanipulierte Produkte doch zurück in die Bundesrepublik, was alle deutschen Beschränkungen konterka- nert. Über die Rage, ob der weniger bürokratische und oft auch weniger verantwortliche Umgang mit Gentechnik im Ausland die BRD zu Änderungen ihrer Gesetze veranlassen sollte, wurde in den letzten Monaten ausführlich gestritten. Favorisiert man in dieser Kontroverse eine vermeintliche Verbesserung des „Standortes BRD“, so bedeutet dies, vorhandene, aber noch unbekannte Risiken in Kauf zu nehmen. Auch bei Potsdams Genforschern hat man den Eindruck, daß ihnen eventuelle Folgen ihres Ums nicht relevant scheinen, solange diese nicht erkennbar sind. „Die ethische Dis
Das Prinzip des trojanischen Pferdes
Um eine transgene Pflanze zu erzeugen, bedient man sich einer alten List: Man schleust mit Hilfe emes Agrobakeriums ein manipuliertes Gen m die DNA einer Pflanze ein, Um diese Gene m die DNA der Pflanzenzelle (re-)integrieren zu können, bedarf es eines Übermittlers, der seine Gene auf natürlichem Wege auf die Pflanzenzellen-DNA überträgt: in unserem Fall die Agrobakteri- en. Das manipulierte Gen wird in die DNA dieser „Trägerbakterien" eingeschleust und bei der natürlichen Übertragung ihrer Gene mitübertragen. Dazu stehen mittlerweile viele unterschiedliche Methoden zur Verfügung. Die vom Bundesministerium vorgeschriebenen Sicherheitsstufen basieren auf Abschätzungen der potentiellen Gefahr der Versuche. Als gefährlich werden z.B. Versuche eingeschätzt, die mit der DNA von Krankheitserregern arbeiten; als ungefährlich sieht man Versuche mit den Bakterien an, die auch unter natürlichen Bedingungen Gene mit den Wirtszellen austauschen.
kussion“, so Höfgen, „hat bereits stattgefunden und ist eigentlich schon längst vorbei. Ich kann nicht jede gentechnische Behandlung einer Pflanze durch mittlerweile routinierte Methoden erneut unter dem ethischen Aspekt diskutieren." Was nach Routine klingt, kann jedoch auch spektakuläre Ergebnisse hervorbringen; es ist fraglich, ob diese Ergebnisse einer ebenso strengen Prüfung unterliegen wie die ihnen vorausgegangene Forschung.
Eine Folge der Abwanderung der Genforschung ms Ausland sind die schlechten Arbeitsmarktchancen für Genetiker. Deshalb möchten auch nur wenige Studenten auf diesem Gebiet diplomieren oder promovieren. Das Institut für Molekulare Pflanzenphysiologie, das eine enge Zusammenarbeit mit der Universität anstrebt, empfängt deshalb Studenten, die Praktika absolvieren oder Diplomarbeiten schreiben wollen, mit offenen Armen. Ob man in dieser Branche eine Zukunft hat oder nicht - das Wissen um die Praxis genetischer Forschung kann sicher helfen, sich eine Position zu erarbeiten.
Rotz der Anschaulichkeit, trotz der friedlich unter ihren Höhensonnen wachsenden Pflänzchen und trotz der beruhigenden Erklärungen über Sicherheitsstufen bleibt ein Rest Skepsis, denn es will nicht gelingen, die Brisanz des viel diskutierten Themas mit der Normalität in Golm in Einklang zu bringen. Allerdings handelt es sich hierbei um eine Forschungsstätte mit der niedrigsten Sicherheitsstufe. Was wird man wohl hinter den Mauern eines „SIH“-Institutes finden? Wolfram Meyerhöfer/
Veronika Lipphardt
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PUTZ 6/95